"Das ist natürlich eine Katastrophe"

Kinderintensivstation muss Patienten abweisen

An der Medizinischen Hochschule Hannover können bis zu 30 Prozent der Betten nicht belegt werden, weil Intensivpfleger fehlen. Jetzt soll ein Ministerium helfen.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht: 17.10.2018, 12:11 Uhr
Auf der Kinderintensivstation der MHH konnte zeitweise jedes dritte Bett nicht belegt werden, weil Intensivpfleger fehlen.

Auf der Kinderintensivstation der MHH konnte zeitweise jedes dritte Bett nicht belegt werden, weil Intensivpfleger fehlen.

© Stephan Morrosch / Fotolia

HANNOVER. Pflegenotstand in der Kinderintensivstation. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) musste in diesem Jahr bereits 298 kleine Patienten abweisen, weil auf der Kinderintensivstation des Hauses Pfleger für die Patienten in den 18 Intensivbetten der Station fehlen. Im vergangenen Jahr waren es sogar 417 Kinder. "Das ist natürlich eine Katastrophe", sagt der leitende Oberarzt der Klinik, Dr. Michael Sasse, der "Ärzte Zeitung".

Derzeit arbeiten Pfleger der Station auf 46 Vollzeitstellen. Aber 54 besetzte Vollzeitstellen müssten es sein, um für alle Patienten den Standard von einer Pflegekraft für drei Patienten aufrecht zu erhalten, sagt Sasse. Bereits seit einem Jahr bleiben zwei Zimmer der Station ungenutzt. Phasenweise konnten sogar 30 Prozent der Betten nicht belegt werden.

Viele zur Klinik überwiesen

Das Problem bedrängt aber nicht nur die MHH. Von den abgewiesenen Patienten werden viele im Rahmen des sogenannten Intensivnetzwerks nach Hannover überwiesen. Es besteht aus rund 50 Kliniken im Umkreis von 200 Kilometern rund um die MHH. "Sie schicken ihre Kinder zu uns, wenn nichts mehr geht", so Sasse.

"Aber seit 2016 stehen diese Kliniken noch viel schlimmer als wir mit dem Rücken zur Wand, denn auch sie können wegen des Pfleger-Mangels ihre pädiatrischen Intensivpatienten nicht mehr versorgen", erklärt Sasse weiter.

Dann versuchen sie, Patienten an die MHH zu verlegen, was die Situation an der Hochschulklinik weiter verschärft. Vor fünf Jahren zählte man in der MHH jährlich rund 1100 Anfragen aus dem Netz. Heute sind es 1550 im Jahr. "Wir haben in diesem Jahr schon rund 200 dieser Anfragen absagen müssen", sagt Sasse. Infolgedessen seien in diesem Jahr bereits mehrere Kinder gestorben, hieß es.

Die Pflegenden müssten deutlich mehr Geld verdienen, meint Sasse. Eine alleinstehende Pflegekraft mit fünf Jahren Berufserfahrung bringt rund 2000 Euro netto nach Hause. Als Kinderintensivpfleger haben sie eine zweijährige Zusatzweiterbildung für Anästhesie- und Intensivpflege absolviert. "Dafür bekommen sie einen monatlichen Zuschlag von 75 Euro", so Sasse. "Bei der psychischen und körperlichen Belastung der pflegerischen Arbeit, muss man sagen: Man kann sein Geld auch einfacher verdienen."

Ministerium soll Finanzierung sicherstellen

Das Problem drückt auch auf die Erlöse der Station. "Im vergangenen Jahr waren wir unterfinanziert", sagt Sasse, "in diesem Jahr gibt es da noch kein wesentliches Problem". Das Präsidium wolle keine Stellen streichen. "Unser Konzept soll weiterlaufen. Wenn wir als letzte Hoffnung einfach aufhören würden, dann wäre das die Oberkatastrophe", sagt Sasse.

Inzwischen hat sich das Präsidium der MHH an das Finanzministerium des Landes Niedersachsen gewandt, um zusätzliches Geld für die Pflege zu verhandeln. Sasse berichtet von "sehr konstruktiven Gesprächen". Das Finanzministerium bestätigt die Gespräche "im Hinblick auf die angespannte Situation bei den Pflegekräften im Intensivpflegebereich", wollte aber keine Auskünfte geben.

Indessen dürften sich die Pflegenden über mehr Geld freuen. Aber auch das würde kurzfristig nicht den Personalmangel beheben, so Sasse: "Der Markt für Intensivpflegekräfte ist leergefegt."

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