Ist ein Kind in Not?

Kinderschutzhotline – Heißer Draht zu Ärzten

Über den Verdacht auf Kindesmissbrauch sprechen, ohne die Schweigepflicht zu verletzen: Das ermöglicht seit 2017 die Medizinische Kinderschutzhotline. Über 650 Anrufer wurden im ersten Jahr beraten.

Von Angela Misslbeck Veröffentlicht: 17.11.2018, 05:01 Uhr
Kinderschutzhotline – Heißer Draht zu Ärzten

© [M] Zeichnung: rudut2015 / stock.adobe.com | Visitenkarte:

BERLIN. Die bundesweite Medizinische Kinderschutzhotline hat im ersten Jahr mehr als 650 Anrufer beraten.

Das Angebot, das von den DRK Kliniken Berlin, dem Institut für Rechtsmedizin Freiburg und dem Uniklinikum Ulm gemeinsam entwickelt wurde, wendet sich konkret an Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte und andere Gesundheitsberufe, die Fragen zum Thema Kinderschutz haben.

"Da Misshandlungsfälle im Krankenhaus und den Praxen zu selten wahrgenommen werden, ist eine frühzeitige Erkennung von ärztlicher Seite enorm wichtig", so der Leiter des Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin Professor Jörg M. Fegert aus Ulm.

Die Medizinische Kinderschutzhotline will die Schwelle senken, an der Ärzte über Verdachtsfälle reden. Deshalb ist die Beratung anonym und vertraulich. "Viele Ärzte wissen nicht, dass man über einen Verdacht auf Kinderschutzverletzungen sprechen kann, ohne die Schweigepflicht zu verletzen", sagte Fegert der "Ärzte Zeitung".

Er wies auch darauf hin, dass die Hotline mit medizinischem Fachpersonal besetzt ist. Die Teams der Kinderschutzhotline setzen sich derzeit aus elf Ärzten und einer Psychotherapeutin zusammen.

Speziell geschult

Die Berater wurden speziell geschult. "Es ist eine ganz andere Ebene, wenn man Kollegen fragen kann", sagte er.

Zu den Anrufern zählen außer Ärzten und Psychotherapeuten auch Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden, Pflegekräfte, Rettungsdienstmitarbeiter und Praxispersonal.

Erfreut zeigte sich Fegert, dass immer mehr Erwachsenenpsychiater und -psychotherapeuten anrufen, die wissen wollen, welche Unterstützung sie ihren Patienten mit Blick auf ihre Kinder anbieten können.

Das Eingreifen an dieser Stelle verortet der Ulmer Kinderschutzexperte auf der Schnittstelle von indizierter Prävention und Frühintervention.

"Wir haben aus diesem Bereich erstmals im Kontext dieser Hotline Kontaktaufnahmen in relevantem Umfang. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr freut. Denn dort Mut zu machen und Entscheidungen zu stärken, ist ganz wichtig", sagte Fegert.

Allgemeinärzte rufen selten an

Kinderschutzhotline – Heißer Draht zu Ärzten

Professor Jörg Fegert und die Ärztin, Katharina Grau, die die Kinderschutzhotline bedient.

© Stefan Puchner/dpa

Nach den Erfahrungen des Leiters der Kinderschutzambulanz der DRK Kliniken Berlin, Oliver Berthold, nutzen jedoch nicht alle Berufsgruppen und Fachdisziplinen die Beratungsmöglichkeit gleich häufig.

"Allgemeinmediziner und Unfallchirurgen rufen bislang noch recht selten an, wenn man bedenkt, dass diese Disziplinen viele Kinder behandeln", sagte Berthold der "Ärzte Zeitung".

Die Anrufer haben sehr unterschiedliche Anliegen. "Erwachsenenmediziner sehen Patienten, die sich zumindest vorübergehend nicht voll auf ihre Elternrolle konzentrieren können. Hier geht es oft um die Frage, wie man das ansprechen kann und ob man dem Jugendamt gegenüber die Schweigepflicht brechen darf", berichtet Berthold.

Kinderärzte fragen nach Angaben des Berliner Kinderschutzexperten oft nach Plausibilitäten von Verletzungen zu geschilderten Anamnesen.

Sie wollen laut Berthold häufig wissen, welche weitere Diagnostik den Verdacht auf eine Misshandlung erhärten oder ausräumen könnte oder welche medizinische Versorgung nach sexuellem Missbrauch notwendig ist.

Anfragen aus der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie drehen sich den Angaben zufolge oft um den mehr oder weniger starken Verdacht auf sexuellen Missbrauch.

Rat zum weiteren Vorgehen gesucht

Die Medizinische Kinderschutzhotline

Elf speziell geschulte Ärzte und eine Psychotherapeutin beraten die Anrufer bei der Medizinischen Kinderschutzhotline.

Drei Kliniken wirken daran mit. 650 Anrufer wurden im ersten Jahr betreut.

Das Projekt wird vom Bundesfamilienministerium gefördert. Nach dessen Angaben wurden im Jahr 2017 bundesweit über 11.500 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern erfasst.

Auch in der Kommunikation von Gesundheitsfachkräften und Jugendhilfe kommt es oft zu Unklarheiten. Die Fragen gehen Berthold zufolge dann von "Ich habe eine Kinderschutzmeldung gemacht, wie erfahre ich, wie es mit der Familie weitergegangen ist?" bis hin zu "Ich schätze die Gefahr als sehr groß ein, das Jugendamt handelt aber nicht – was kann ich tun?"

Am häufigsten suchen die Anrufer Rat zum weiteren Vorgehen. Die Medizinische Kinderschutzhotline hilft dann beim Sortieren der nächsten Schritte, egal ob es um die weitere Diagnostik, um Unterstützung bei der Gefährdungsabschätzung, Informationen zu den Strukturen der Jugendhilfe oder die Vorbereitung von Gesprächen mit dem Jugendamt oder mit Angehörigen geht.

Die meisten Fragen können in einem Gespräch geklärt werden. Einzelne, komplexe Fälle, hat die Hotline jedoch auch schon mit bis zu vier Beratungsgesprächen begleitet.

"Klare Rechtsfragen, wenn zum Beispiel Behörden Einsicht in Behandlungsunterlagen fordern, müssen wir an die Rechtsberatungen der Berufskammern verweisen", erklärt Berthold.

Giffey für weitere Förderung

Das Projekt wird seit 2016 vom Bundesfamilienministerium gefördert. Ministerin Franziska Giffey (SPD) hat bei einem Besuch im DRK Klinikum Berlin Westend signalisiert, dass die Förderung für die Medizinische Kinderschutzhotline auch über das Jahresende hinaus fortgesetzt werden soll. Auch sie misst dem Projekt große Bedeutung bei.

"Die DRK Kliniken Berlin und das Universitätsklinikum Ulm setzen mit der Kinderschutzhotline ein wichtiges Zeichen für mehr Kinderschutz. Wir müssen auch zukünftig alles daran setzen, dass solche Maßnahmen fortbestehen können", so Giffey.

Wie dringend nötig funktionierende Strukturen im Kinderschutz sind, zeigte in den vergangenen Wochen unter anderem die Studie zur Aufarbeitung sexueller Verbrechen an Kindern in der katholischen Kirche. Dass es diese Taten gab, war zwar bereits bekannt. Doch das Ausmaß und begünstigende Faktoren hat erst die Ende September vorgelegte Studie gezeigt.

Sie protokolliert zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3677 sexuelle Vergehen an Minderjährigen durch 1670 Täter, die fast alle das Priesteramt ausübten. Fast zwei Drittel der Betroffenen sind Jungen (63 Prozent).

Mehr als die Hälfte waren noch nicht 14 Jahre alt, als sie Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Rund jedes sechste Kind hat dabei verschiedene Formen von sexueller Gewalt erlebt.

Gesamtgesellschaftliches Problem

Dabei ist das Problem nicht auf die katholische Kirche beschränkt. Anlässlich des Betroffenenkongresses wies Familienministerin Giffey Mitte September darauf hin, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sei.

Im Jahr 2017 wurden nach ihren Angaben bundesweit über 11.500 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern erfasst. Die Dunkelziffer sei noch weit höher. "Sexuelle Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche sind keine bedauernswerten Einzelfälle", so Giffey.

Die Gesellschaft habe diese Taten zugelassen und alle seien mitverantwortlich dafür, sexuelle Gewalt in Zukunft zu verhindern. "Das sind wir den Betroffenen und den Kindern, die heute und in Zukunft aufwachsen, schuldig. Schutz vor sexueller Gewalt ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Kinder gut aufwachsen können", so Giffey weiter.

Der Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) weist darauf hin, dass die Folgen von Kindesmissbrauch oft ein Leben lang anhalten.

"Viele leiden bis ins hohe Erwachsenenalter unter den Gewaltfolgen. Bildungs- und Beziehungsabbrüche, psychische Störungen, körperliche Erkrankungen aber auch dauerhafte Armut sind häufig Folgen erlittener sexueller Gewalt", so der Betroffenenrat bei seinem Fachkongress. Er kritisierte auch, dass Entschädigungen immer noch auf sich warten lassen.

Betroffene warten auf Hilfe

Viele Betroffene warten den Angaben zufolge seit über zwei Jahren auf die Bewilligung ihrer Anträge für Hilfen aus dem Fonds Sexueller Missbrauch.

Der Betroffenenrat diskutierte aber nicht nur über eine Reform des Entschädigungsrechts, sondern auch über Möglichkeiten der Prävention und die Stärkung der Fachberatung.

Als Beitrag zur Prävention von Kindesmissbrauch versteht sich indes das inzwischen bundesweit aufgestellte Netzwerk "Kein Täter werden", das die Sexualmediziner der Berliner Uniklinik Charité ins Leben gerufen haben. Es berät Menschen mit pädophilen Neigungen und will sie dabei unterstützen, ihre Neigungen zu kontrollieren.

Inzwischen wendet es sich nicht nur an Erwachsene, sondern auch an Heranwachsende. Zudem sind die Beratungen und der Erstkontakt auch über das Internet und in verschiedenen Sprachen möglich. Ärzte und Psychotherapeuten können Patienten dorthin verweisen.

Lesen Sie dazu auch: Verdacht auf Kindesmisshandlung? Das sollten Ärzte dann tun

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