Roche

Klage über teutonische Engstirnigkeit

Bürokratisch-statisches Schubladendenken bei Politik und Funktionären des Gesundheitswesens in Deutschland verstellen den Blick auf den Wert von Innovationen.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:

BERLIN. Im Heimatland Schweiz wird sie geachtet - als Arbeitgeber, Steuerzahler, wichtige Quelle Prosperität: die pharmazeutische Industrie.

In Deutschland, so Dr. Sewerin Schwan, Chief Executive Officer der Roche-Gruppe vor Journalisten in Berlin, finde man niemanden, weder in der Politik und erst recht nicht im Gesundheitswesen, der zu einer Gesamtschau auf den Nutzen von Arzneimittel-Innovationen bereit sei.

Diese holistische Sicht umfasst mehrere Aspekte:

  • den unmittelbaren Nutzen für Patienten durch Lebensverlängerung und höhere Lebensqualität,
  • bessere Effizienz im Gesundheitssystem, etwa durch vermiedene Hospitalisierung,
  • steigende Produktivität der Menschen durch bessere Gesundheit (Schwan: "Das wird in Deutschland keines Blickes gewürdigt"),
  • Effekte auf Einkommen, privaten und öffentlichen Wohlstand, etwa dadurch, dass die GKV zwar sieben Milliarden Euro für patentgeschützte Arzneimittel bezahlt, die Arzneimittelindustrie in Deutschland aber elf Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung sowie Sachanlagen investiert und Steuern zahlt,
  • schließlich der Wert von Innovation im Zeitablauf, die etwa zehn Jahre nach Zulassung den Patentschutz verlieren und als Generika zu einem Bruchteil des Einführungspreises zur Verfügung stehen.

Bei aller Kritik habe Deutschland im Prinzip ein sehr gutes Gesundheitssystem, das in hohem Maße Medizin für alle zur Verfügung stelle und innovationsoffen sei. Das gelte auch nach Inkrafttreten des AMNOG und der frühen Nutzenbewertung.

Im Unterschied zu anderen Ländern, insbesondere der Schweiz, finde jedoch eine "extrem starke Zielverengung" bei der Beurteilung von Innovationen statt - nicht der Ausgleich von Interessen sei das Ziel, sondern die Durchsetzung von Partialinteressen ohne Fähigkeit zum Kompromiss.

Wie Kompromisse aussehen könnten, stellten Schwan und Roche Deutschland-Chef Dr. Hagen Pfundner am Beispiel Avastin® dar: Ursprünglich wollte man mit den Kassen ein Pay-for-Performance-System vereinbaren.

Bezahlt hätten die Kassen nur bei von Ärzten festgestellter Wirksamkeit des Krebspräparats. Dieses Modell stieß jedoch auf starke Vorbehalte von Ärzten. Alternativ hat man daher mit großen Kassen ein Kappungsmodell vereinbart: Dabei wird nur noch eine vorab definierte indikationsspezifische Menge von Avastin von den Kassen an Roche vergütet.

Erfordert eine Behandlung höhere Dosierung oder eine Verlängerung, ist dies das Risiko des Herstellers. Dieses Modell wird allerdings für neu auf den Markt kommende Wirkstoffe durch das AMNOG ausgehebelt, so Pfundner, weil es einen einheitlichen Erstattungsbetrag vorschreibt.

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