Hintergrund

Krankenhaus-Hygiene: "Wir wissen, wie es geht - machen aber nichts"

Drei tote Babies in Mainz - ein vermeintlicher Skandal politisiert die aktuelle Debatte um die Klinikhygiene. Es mangelt freilich weniger an Paragrafen als an Arbeitsdisziplin. Und an stringentem Management.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet und Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
"Am besten wäre es, Ärzte und Pflegende permanent zu schulen." (Dr. Klaus-Dieter Zastrow, DGKH-Sprecher)

"Am besten wäre es, Ärzte und Pflegende permanent zu schulen." (Dr. Klaus-Dieter Zastrow, DGKH-Sprecher)

© dpa

Noch sind die konkreten Ursachen für den Tod dreier frühgeborener Säuglinge in der Mainzer Universitätsklinik nicht abschließend geklärt, da hat in Deutschland eine breite Diskussion über Hygienemängel in Kliniken begonnen. Wobei die Ereignisse in Mainz aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mit dem Inhalt der politischen Debatte zur Krankenhaushygiene zu tun haben.

Dazu liegen jedoch die Fakten seit Jahren auf dem Tisch, ohne dass daraus mit hinreichender Stringenz Konsequenzen gezogen worden sind:

• Zwischen 700 000 und eine Million Klinikpatienten erleiden jährlich eine Nosokomialinfektion, die Rate ist deutlich höher als in den Niederlanden oder Skandinavien. Bis zu 50 000 Patienten sterben daran; ein Drittel der Todesfälle wird als vermeidbar angesehen.

• In Deutschland wird keine systematische Search-and-Destroy Strategie gegen MRSA praktiziert. Dort, wo sie implementiert ist, wie etwa an der Uniklinik Greifswald, hat ein Screening die Zahl der MRSA-Fälle halbiert, wie der Hygieniker Professor Axel Kramer berichtet.

• Geldmangel oder Kostendämpfung - ein von den Spitzenorganisationen wie Krankenhausgesellschaft oder Bundesärztekammer gern vorgebrachtes Argument für Hemmnisse praktizierter Hygiene - sind nicht die wahren Ursachen: Jede MRSA-Infektion verursacht Zusatzkosten von 10 000 bis 30 000 Euro - Hygiene-Prävention ist für Kliniken auf die Dauer wirtschaftlicher.

• Auch mangelndes Wissen kann von Ärzten, Pflegekräften und Krankenhaus-Managern nicht ernsthaft zur Entlastung angeführt werden: Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene (DGKH) hat Schritte gegen MRSA sehr konkret und gezielt für Pflegeheime, ambulante Pflege und Kliniken beschrieben und damit definiert, wie praktizierte Hygiene aussieht. Holländische und skandinavische Krankenhäuser zeigen, dass dies funktioniert - dort liegen die Infektionsraten bei einem Bruchteil der deutschen Kliniken.

Dr. Klaus-Dieter Zastrow, Leiter des Instituts für Hygiene an den Berliner Vivantes Kliniken, kritisiert denn auch: "Wir wissen, wie es geht, wir machen aber nichts." Am besten wäre es, Ärzte und Pflegende - am besten durch einen Arzt für Hygiene - "permanent" zu schulen. "Dabei muss auch über Fehler gesprochen werden, sodass jede Hygienemaßnahme irgendwann in Fleisch und Blut übergeht", sagt Zastrow.

Und die Verantwortung der Politik? Nach dem Infektionsschutzgesetz erstellt das Robert Koch-Institut Präventionsempfehlungen für Kliniken und andere medizinische Einrichtungen. Davon müsste Gebrauch gemacht werden. Normalerweise sollten das Zivilrecht, das auch Ärzte und Kliniken zu einem Behandlungsstandard entsprechend der medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnis verpflichtet, und die Sanktionen des Strafrechts ausreichen. Wenn etwa Krankenkassen ihre Versicherten bei Verdacht auf Behandlungsfehler konsequent vertreten würden.

Tatsächlich stehen nun die Länder am Pranger. Nur fünf Bundesländer haben Hygieneverordnungen erlassen, die Kliniken vorschreiben, speziell ausgebildetes Hygienepersonal zu beschäftigen. Der Hygieniker Zastrow begrüßt deshalb die Initiative von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), Nosokomialinfektionen auf einer Sondersitzung der Gesundheitsminister der Länder im Herbst zu thematisieren. Ein Erfolgsrezept ist dies freilich nicht. In Berlin, wo es eine Verordnung seit vier Jahren gibt, hapert es mit der Umsetzung.

Auch der Gemeinsame Bundesausschuss, für Qualitätssicherung in der Kassenmedizin zuständig, will sich im nächsten Jahr des Themas annehmen. Dort sitzt freilich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) mit am Tisch, die bislang eher durch Verzögerungstaktik aufgefallen ist. So gibt es bis heute keine hinlängliche Transparenz für einweisende Ärzte, welche klinikspezifischen Risiken für Patienten bei einer Krankenhausbehandlung existieren.

Ob und welche Daten zur Struktur- und Ergebnisqualität sowie zu Fehlerhäufigheiten publik gemacht werden, ist ins Belieben der Krankenhäuser gestellt. Die DKG orientiert sich dabei eher am schwächsten Glied in der Kette.

Lesen Sie dazu auch: Mainzer Todesfälle lösen Hygiene-Debatte aus Kliniken reagieren auf Infusionspanne Drei tote Säuglinge in Mainz - Uniklinik sucht das Leck Koalition will einheitliche Hygiene-Regeln Sterilitätsnachweis von Infusionen dauert Tage

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Kommentar: Was die Uni Mainz jetzt richtig macht

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