Halbjahres-Ergebnisse

Krankenkassen schreiben dank Corona schwarze Zahlen

Verkehrte Welt: Pandemiebedingt weisen die Krankenkassen nach zwei Quartalen wieder teils hohe Überschüsse aus. Doch das dicke Ende kommt noch, warnen Kassenmanager.

Von Florian Staeck Veröffentlicht: 12.08.2020, 13:04 Uhr
Sondereffekte der Corona-Pandemie lassen die Bilanzen der Kassen nach zwei Quartalen wieder ins Plus drehen. Die Entwicklung ist durch eine Vielzahl von außergewöhnlichen Faktoren gekennzeichnet.

Sondereffekte der Corona-Pandemie lassen die Bilanzen der Kassen nach zwei Quartalen wieder ins Plus drehen. Die Entwicklung ist durch eine Vielzahl von außergewöhnlichen Faktoren gekennzeichnet.

© Comugnero Silvana / stock.adobe.com

Berlin. Die Finanzergebnisse der Krankenkassen drehen im ersten Halbjahr wieder ins Plus. Doch die Zahlen sind durch Sondereffekte der Corona-Pandemie geprägt.

In toto verzeichnen die vier Kassenverbände AOK, Ersatzkassen, Betriebskassen und Innungskassen nach zwei Quartalen einen Überschuss von rund 1,3 Milliarden Euro. Die beiden Quartale sind dabei durch völlig gegensätzliche Entwicklungen geprägt. Ein Blick auf die Kassenarten:

Die Ersatzkassen weisen am Ende des Halbjahres einen Überschuss von 908 Millionen Euro aus. Nach den ersten drei Monaten des Jahres stand dagegen noch ein Defizit von 542 Millionen Euro in den Büchern. Auch hier beeinflusste allerdings ein Sondereffekt das Ergebnis: Ursächlich für mehr als die Hälfte des Defizits waren die Kosten für den Aufbau einer Pensionskasse. Im zweiten Quartal verzeichneten die Ersatzkassen dann massive Leistungs- und Ausgabenrückgänge in Folge der Pandemie.

Stiegen die Leistungsausgaben im ersten Quartal bei den vdek-Kassen noch um 4,99 Prozent je Versicherten, so hat sich das Blatt im zweiten Quartal komplett gewendet. Die Leistungsausgaben sanken von April bis Ende Juni um 2,87 Prozent. Bei Vorsorge und Rehabilitation brachen die Ausgaben um fast 33 Prozent ein, bei Heilmitteln waren es rund 15 Prozent.

Etwas geringer fallen die Ausgabenrückgänge bei der zahnärztlichen Versorgung (minus 12,7 Prozent) und im stationären Sektor (minus 8,4 Prozent) aus. Die Ärztehonorare sanken nur um 0,62 Prozent. Lediglich die Ausgaben für Arzneimittel stiegen im zweiten Quartal um 4,11 Prozent.

Die Entwicklung sei gezeichnet durch Sondereffekte, „die sich aus einer politisch gewünschten veränderten Inanspruchnahme von Leistungen ergeben“, kommentiert die vdek-Vorsitzende Ulrike Elsner.

Auch im AOK-System prägt der „Ausnahmezustand“ der Pandemie die Entwicklungen, so Martin Litsch, Vorstand des AOK-Bundesverbands. Etablierte Strukturen und Abläufe würden durch Corona auf die Probe gestellt und „bisher verlässliche Entwicklungslinien unterbrochen“, so Litsch.

Schlossen die Ortskassen das erste Quartal noch mit einem Defizit von etwa 435 Millionen Euro ab, so steht beim Halbjahresergebnis unter dem Strich ein Plus von 320 Millionen Euro. Die Leistungsausgaben je Versicherten nahmen im zweiten Quartal nur noch um 1,6 Prozent zu (Vorjahresquartal: plus 3,4 Prozent).

Bei den Betriebskassen steht in der Halbjahresbilanz ein Plus von rund 50 Millionen Euro. Das erste Quartal hatte das BKK-System noch mit einem Defizit von 198 Millionen Euro abgeschlossen. Anne-Kathrin Klemm, Vertreterin des Vorstandes im BKK-Dachverband, sagte der „Ärzte Zeitung“: „Für Jubel oder das Erheben von Forderungen ob des positiven Ergebnisses im ersten Halbjahr 2020 ist es zu früh.“

Denn umfangreiche Ausgaben, die der Bund zur Abfederung der Corona-Pandemie trägt, gingen gar nicht in die aktuellen Zahlen ein, wie zum Beispiel die pauschale Kompensation für leerstehende Betten in Krankenhäusern. Hierzu greift der Bund in die Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds.

Die Innungskassen verzeichnen nach zwei Quartalen ein Plus von 45,8 Millionen Euro. Nach den ersten drei Monaten stand noch ein Defizit von 99 Millionen Euro in den Büchern.

Trotz des aktuellen Überschusses gehen die Kassen herausfordernden Zeiten entgegen. Der vdek erwartet im zweiten Halbjahr wieder steigende Leistungsausgaben. Durch die Systematik der Einnahmezuweisung des Gesundheitsfonds an die Kassen wirkten sich die pandemiebedingten Mindereinnahmen – etwa durch Kurzarbeit und höhere Arbeitslosigkeit – erst 2021 bei den Kassen aus.

2021 wird die Schere von Einnahmen und Ausgaben aufgehen

Eine vergleichbare Prognose stellt auch Anne-Kathrin Klemm vom BKK-Dachverband: Gesundheitsfonds und Kassen müssten 2021 mit erheblich sinkenden Beitragseinnahmen und gleichzeitig steigenden Ausgaben rechnen. „Wie eine gute Stabilisierung der GKV-Beitragssätze erreicht werden kann, dazu sind wir mit dem BMG im Gespräch“, erklärt sie.

Ulrike Elsner vom vdek zeigt sich überzeugt, dass „Mindereinnahmen bei wieder erhöhten Ausgaben“ einen höheren Steuerzuschuss erforderlich machen werden, um die Beitragssätze stabil halten zu können.

Auch Martin Litsch vom AOK-Bundesverband sieht die Kassen zunächst weiter auf Sicht fahren, „denn das Finanzergebnis für das zweite Quartal ist bloß eine Momentaufnahme“. Dem Bundesgesundheitsminister, der Kassen zum Abbau ihrer Finanzreserven drängt, gibt Litsch noch mit: „Insgesamt zeigt diese Krisensituation, wie hilfreich für die GKV ein solides Maß an Finanzrücklagen ist.“

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