Überschwemmungen

MB-Chefin Johna: Müssen uns besser vor extremen Wetterereignissen schützen

Angesichts der Flutkatastrophe in mehreren Bundesländern fordert der Marburger Bund einen stärkeren Fokus auf Krisenprävention. Die Bundesregierung räumt derweil Nachbesserungsbedarf beim Bevölkerungsschutz ein.

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Wegen der Hochwassers musste das Krankenhaus in Eschweiler bei Aachen evakuiert werden

Wegen der Hochwassers musste das Krankenhaus in Eschweiler bei Aachen evakuiert werden. Intensivpatienten wurden per Rettungshubschrauber vom Dach abgeholt und in andere Kliniken gebracht. Im Krankenhaus war die Trinkwasser- und Stromversorgung ausgefallen. Die Vorsitzende des Marburger Bundes fordert, den Schutz vor extremen Wetterereignissen mit Blick auf die medizinische Versorgung stärker in den Blick zu nehmen, als bisher geschehen.

© Ralf Roeger/dpa

Berlin. Während sich die Lage in einigen Hochwasserregionen Deutschlands derzeit leicht entspannt, lenken Ärzte den Blick auf Lehren aus der Katastrophe.

Die wegen der enormen Wasserfluten notwendig gewordenen Evakuierungen mehrerer Krankenhäuser zeige, „dass wir den Schutz vor extremen Wetterereignissen stärker in den Blick nehmen müssen“, sagte die 1. Vorsitzende der Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund (MB), Dr. Susanne Johna, am Montag in Berlin.

Ziel müsse sein, die Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen auch in Krisensituationen zu gewährleisten, betonte Johna. „Das gilt für epidemische Notlagen genauso wie für Naturkatastrophen oder auch Cyber-Attacken auf Krankenhäuser“.

Kliniken brauchen Wiederaufbauhilfen

Johna regte an, „Krisenszenarien“ regelmäßig in Kliniken sowie mit den Verantwortlichen in den Kommunen durchzuspielen. Übungen für den Fall der Fälle seien „die beste Krisenprävention“.

Dafür müsse Klinikärzten und Pflegepersonal aber auch genügend Zeit zur Verfügung stehen. Die Beschäftigten in den vom Hochwasser betroffenen Krankenhäusern bräuchten zudem rasch eine konkrete Wiederaufbauzusage seitens der Politik, forderte die MB-Chefin.

Ersatzkassen: Wollen unkompliziert helfen

Die Ersatzkassen erklärten am Montag, den von Räumungen betroffenen Krankenhäusern in den Hochwasserregionen helfen zu wollen. „Bereits in der Vergangenheit haben wir für die Krankenhäuser, die bei Hochwasser durch Evakuierungen betroffen waren, unkompliziert in den Budgetverhandlungen Regelungen gefunden, die finanzielle Stabilität garantierten“, sagte der stellvertretende Vorstandschef des Ersatzkassen-Verbands, Dr. Jörg Meyers-Middendorf, in Berlin.

Dieser pragmatischen Vorgehensweise wolle man auch in der aktuellen Situation folgen. Dasselbe gelte für andere Versorgungsbereiche, sagte Meyers-Middendorf.

Die Bundesregierung räumte derweil Nachbesserungsbedarf beim Katastrophen- und Bevölkerungsschutz ein. Zwar habe die vom Bund bereitgestellte „Warninfrastruktur“ während der Flutkatastrophe „funktioniert und damit auch zum Schutz der Bevölkerung erheblich beigetragen“, sagte Vize-Regierungssprecherin Martina Fietz am Montag vor Journalisten in Berlin.

Gleichwohl zeigten die aktuellen Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz auch, „dass wir hier noch mehr tun müssen und besser werden müssen“.

Fokus liegt auf akuter Hilfe vor Ort

Grundsätzlich liege der Bevölkerungsschutz bei Naturkatastrophen in Deutschland nicht in einer Hand. Es handele sich vielmehr um eine „gemeinschaftliche Aufgabe“ von Bund, Ländern und Kommunen, betonte Fietz. Derzeit liege der Fokus in den vom Hochwasser betroffenen Regionen darauf, „Menschen zu helfen und zu retten“. „Alles, was dann an Aufarbeitung notwendig ist, wird im Anschluss erfolgen.“

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) habe bereits am Montagmorgen (12. Juli) um 6:00 Uhr, also zwei Tage vor dem Unwetter, über die bevorstehenden Starkregenereignisse informiert, erklärte eine Sprecherin des Verkehrsressorts, dem der DWD zugeordnet ist. „Diese Information ging an die zuständigen Katastrophenschutzstellen der Länder, Landkreise und Kommunen. Die konkret daraus abzuleitenden Schutzmaßnahmen sind jeweils von den Einsatzkräften vor Ort zu treffen“, sagte die Sprecherin.

Kabinett berät am Mittwoch über Finanzhilfen

Ein Sprecher des Finanzministeriums teilte mit, dass sich das Kabinett am kommenden Mittwoch mit Finanzhilfen für die Menschen in den Hochwasserregionen befassen werde. Geplant seien eine Soforthilfe und ein Aufbaufonds. Die Mittel sollten „schnell und unbürokratisch“ bei den Menschen ankommen. Über Details stehe Finanzminister Olaf Scholz (SPD) derzeit mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) im Gespräch.

FDP-Bundestagsfraktionsvize Michael Theurer sprach von Versäumnissen beim Bevölkerungsschutz. „Die rechtzeitigen Warnungen der Meteorologen sind weder von den Behörden noch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinreichend an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert worden“, sagte Theurer der Deutschen Presse-Agentur.

Es biete sich das Bild eines „erheblichen Systemversagens“. Verantwortlich dafür sei Innenminister Seehofer. Die FDP beantragte deshalb eine kurzfristige Sondersitzung des Bundestag-Innenausschusses. (hom/dpa)
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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Peter Peschel

Hochwasser-Katastrophe mit Ansage gewesen - Bereits Wochen vor dem Unglück waren die Talsperren randvoll...?!
vor dem Unglück waren die Talsperren randvoll und die Böden so durchnässt, dass kein weiteres Wasser aufgenommen werden konnte. Die Informationen kann man bei den Talsperren-Ständen überprüfen. Die Wetterlage mit Dauerregen und Starkregen kann man ebenfalls online überprüfen. Schon vorher hätte der Katastrophenschutz Wasser abpumpen müssen, um der angekündigten Wetterlage entgegenzuwirken. Am 14.7. wandelte sich der Dauerregen in Starkregen. Gullys u. Kanäle waren bereits um 18:00 Uhr überflutet und Fontänen schossen, inklusive Teichfischen, aus den Straßen. Um 19:00 Uhr erreichten mich die ersten Bilder von Odendorf... der kleine Bach hatte sich in ein tosendes, reißendes Gewässer verwandelt, Straßen überflutet, Schienen unterspült. Das Untergeschoss war geflutet u. man flüchtete ins Obergeschoss. Inzwischen war bereits Euskirchen überschwemmt, Stromausfälle und Kommunikation lagen bereits lahm…
Die Grundversorgung ist tot. Man brauchte Lebensmittel, aber Geschäfte waren bis auf wenige geschlossen und man konnte nur mit Bargeld bezahlen. Hat man uns doch während Corona eingetrichtert, dies zu vermeiden. In der wenig betroffenen Filiale einer Sparkasse war Bargeld-Auszahlung auch 2 Tage nach dem Hochwasser nicht möglich…

Luisa Neubauer streikt für uns und das Klima? Bitte lass es sein! … Das Letzte, was wir brauchen, sind springende, unfähige Aktivisten! Wären wir mit E-Autos hier weggekommen? Wo hätten wir die laden sollen? Macht Euch mit Schaufel, Werkzeug u. Notstromaggregaten auf zu uns und helft aktiv! Ich gebe der Politik die Schuld an der Misere. Wir waren schutzlos u. mutwillig der Katastrophe ausgeliefert. Alle waren vorgewarnt, aber man hat abgewartet u. geguckt, wie schlimm es wird...
https://www.thetimes.co.uk/article/germany-knew-the-floods-were-coming-but-the-warnings-didnt-work-cn99wjxzs

Dr. Thomas Georg Schätzler

Vgl dazu auch https://www.doccheck.com/de/detail/articles/34404-flutkatastrophen-opfer-katastrophales-behoerdenversagen

Die Fakten 
In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind bei der schwersten Hochwasserkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten mindestens 165 Menschen ums Leben gekommen. Allein im Landkreis Ahrweiler sind bis zum Montagmorgen mehr als 117 Tote zu beklagen, 749 Menschen wurden dort verletzt. In NRW waren bis Sonntagmittag 46 Tote gezählt worden. In Bayern kamen zwei Menschen ums Leben, darunter starb eine Person nach Angaben von Landrat Bernhard Kern an einer natürlichen Ursache, doch ein Zusammenhang mit dem Unwetter sei nicht ausgeschlossen. Nach wie vor gelten Menschen in den Flutgebieten als vermisst, präzise Zahlen dazu gibt es momentan nicht. Auch in der Sächsischen Schweiz und Oberbayern kam es am Samstag zu Überschwemmungen. 

Verantwortungen
Kritik am für den Katastrophenschutz zuständigen Innenminister Horst Seehofer. Wirtschaftsminister Peter Altmaier forderte Aufklärung, ob der Katastrophenschutz ausreichend funktioniert habe. «Gibt es Dinge, die nicht gut gelaufen sind, gibt es Dinge, die schief gelaufen sind? Und dann muss korrigiert werden», sagte der CDU-Politiker am Sonntag bei«Bild live». Der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sieht schwere Versäumnisse beim Bevölkerungsschutz. «Die rechtzeitigen Warnungen der Meteorologen sind weder von den Behörden noch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinreichend an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert worden», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Es bietet sich das Bild eines erheblichen Systemversagens, für das Bundesinnenminister Seehofer unmittelbar die persönliche Verantwortung trägt.» 

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Dr. Thomas Georg Schätzler

Systemversager in Bund, Ländern und Kommunen!

Die NZZ berichtete: Britische Forscherin kritisiert «monumentales Systemversagen»

Das ist passiert: Nach den Unwettern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat eine britische Forscherin den deutschen Behörden «monumentales Systemversagen» vorgeworfen. Klare Hinweise, die das europäische Frühwarnsystem EFAS schon vier Tage vor den ersten Überschwemmungen herausgegeben hatte, seien offenbar nicht bei der Bevölkerung angekommen, sagte Hannah Cloke von der Universität Reading. Die Forscherin war am Aufbau von EFAS beteiligt, das nach den Überschwemmungen an Elbe und Donau im Jahr 2002 gegründet wurde. Laut dem Klimawandeldienst Copernicus wurde schon am 10.07.2021 eine erste Warnung an die relevanten nationalen Behörden ausgegeben...

Teile der Opposition im Bundestag richteten heftige Kritik gegen den für Katastrophenschutz zuständigen Innenminister Horst Seehofer. Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier forderte Aufklärung, ob der Katastrophenschutz ausreichend funktioniert habe. «Gibt es Dinge, die nicht gut gelaufen sind, gibt es Dinge, die schief gelaufen sind? Und dann muss korrigiert werden», sagte der CDU-Politiker am Sonntag bei«Bild live». Der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sieht schwere Versäumnisse beim Bevölkerungsschutz. «Die rechtzeitigen Warnungen der Meteorologen sind weder von den Behörden noch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinreichend an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert worden», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Es bietet sich das Bild eines erheblichen Systemversagens, für das der Bundesinnenminister Seehofer unmittelbar die persönliche Verantwortung trägt.» Der Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster, ist ebenfalls ein Totalausfall: Er warnte davor in den Keller zu gehen, forderte zugleich auf, unbedingt den Strom abzuschalten - wohlwissend, dass in allen Häusern der Stromanschluss im Keller liegt.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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