Kommentar zum neuen Pflege-Bewertungssystem

Mehr Durchblick bei Heimen

An die Stelle der Pflegenoten tritt ein neues Qualitäts- und Prüfsystem. Es ist komplexer, birgt aber Chancen für mehr Transparenz.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 01.10.2019, 16:09 Uhr

Die Philosophie des neuen Qualitäts- und Prüfsystems in der stationären Pflege geht in die richtige Richtung: Statt mit dem Finger auf Fehler zu verweisen, soll die Qualität der Pflegeeinrichtungen bundesweit auf ein höheres Niveau gehoben werden. Gut so: Im Ernstfall gehen die meisten ohnehin in ein Heim in der Nähe.

Auch das Mittel zum Zweck scheint geeignet. Bundesweite Durchschnittswerte zur Dekubitusversorgung und anderen altenpflegerelevanten Qualitätsindikatoren zu ermitteln, schaffen tatsächlich wertvolle Informationen und die Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

Die Frage ist nur für wen. Dass sich Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bei der Suche nach einem Heim künftig durch viele Seiten an schwer verdaulichen Informationen quälen müssen, ist eine Herausforderung. Allerdings eine, die sich lohnen kann. Die Stärken und Schwächen der Einrichtungen werden so ungleich plastischer hervortreten, als dies bislang der Fall ist. Das neue System sollte Zeit bekommen, um Wirkmacht zu entfalten.

Warum die mit den Heimen kooperierenden Ärzte nicht in die Qualitätsprüfungen einbezogen sein sollen, erschließt sich nicht. Hier bleiben wichtige Informationsquellen ungenutzt. Das sollte sich aber noch ändern lassen.

Lesen Sie dazu auch: Neues Verfahren: Pflegeheime werden anders bewertet

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Mit dem neuen Qualitäts- und Prüfsystem soll die Qualität der Pflegeeinrichtung besser und Transparenter werden, so die offizielle Lesart.

Ziel des neuen Qualitäts- und Prüfsystems: Für die Pflegebedürftigen und deren Angehörige soll die Heimsuche damit erleichtert werden.

Zu verdanken haben die Pflegeheime und -bedürftigen dies der Universität Bielefeld und dem Aqua-Institut in Göttingen die gemeinsam mit dem VdK das Verfahren entwickelt haben.

Das Qualitäts- und Prüfsystem sieht vor im ersten Schritt vor, dass Pflegeheime den Umsetzungsgrad von Qualitätsindikatoren halbjährlich an eine Datensammelstelle bei den Pflegekassen melden. Aus den gemeldeten Daten werden dann bundesweite Durchschnittswerte abgeleitet.

Ziel: Die Qualität der Heime soll dann mittels 16 Qualitätsindikatoren über oder unter dem ermittelten Durchschnitt eingeordnet werden.

Im zweiten Schritt führen die Prüfer der Medizinischen Dienste einen Ergebnis-Abgleich, bei dem Pflegeheim bei einer vorher angekündigten Vor-Ort-Inaugenscheinnahme mit der "Realität" ab. Vorgesehen sind jährliche Prüfungen. Bei schwerwiegenden Mängeln sollen die Krankenkassen künftig Auflagen erteilen können. Auch soll einem Pflegeheim der Versorgungsauftrag entzogen werden können.

Der frühere Vereinsvorsitzende des „Deutschen Pflegerat e.V.“, und heutige Staatssekretär, Andreas Westerfellhaus vertritt offensichtlich nicht die Belange der Pflegebedürftigen, nicht anders kann seine im Jubel geäußerte Bemerkung als Pflegbevollmächtigter der Bundesregierung verstanden werden.

Das vorliegende Qualitäts- und Prüfsystem ist weder „fundiert noch objektiv“. Der Pflegebevollmächtigte weiß zu gut, dass jegliches Bewertungssystem subjektiv ist und durch willkürlich festgelegte Zahlenwerke objektiviert worden ist, je nach Gutdünken der Bewerter.

Die Gewinner: Für die Akteure der Pflegbranche eröffnet sich ein "Neuer Markt". Wie Pilze werden die Schulungsanbieter für Qualitätsseminare (z.B. DEKRA, TÜV, CARE-CLOUD u. a,) den Markt überschwemmen. Rechtsanwälte freuen sich auf neue Mandanten. Verbände der Pflegebranche freuen sich auf neue Mitglieder ob mit oder ohne Zwang.

Pflegeforschungsinstitute und Pflegeforscher erhalten neue Forschungsaufträge und werden von Auftraggebern mit lukrativen Honoraren ausgestattet und zu Gutachtern der Pflegeprüf-Branche ernannt.

Pflege-Zerifizierer werden mit Hochglanzbroschüren den Markt bearbeiten und sich die Zertifikatsurkunde teuer bezahlen lassen. Die Einnahmen der Medizinischen Dienste werden dank des neuen Prüfauftrages enorm zunehmen aber auch die Gefahr der Korruption wird dementsprechend höher werden.

Die Kosten: Die Pflegekassen sitzen seit Jahren auf einem Einnahmen-Milliardenpolster. Mit diesem neuen System können die Ausgaben zielgerichtet an die Akteure des Pflegesystems ausgeschüttet werden. Insoweit ist das neue Qualitäts- und Prüfsystem sehr fundiert Herr Staatssekretär Westerfellhaus.

Das ärgerliche an diesem System: Alle Einzahler in die Pflegekassen der GKV und der PKV zahlen zukünftig das "Neue Selbstbedienungssystem" der Pflegeprüf-Branche.


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