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Spinale Muskelatrophie

Notfallmediziner kritisieren Medikamenten-Verlosung

Intensiv- und Notfallmediziner halten die Vergabekriterien des knappen und sehr teuren Medikaments für zu wenig transparent.

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Berlin. Deutschlands Intensiv- und Notfallmediziner halten die Verlosung des Medikaments Zolgensma® an weltweit 100 Kleinkinder mit spinaler Muskelatrophie für ethisch fragwürdig und moralisch auf keinen Fall hinnehmbar.

„Hier wird nicht nur das offizielle Zulassungsverfahren ausgehebelt, es wird auch noch mit der Hoffnung von Familien gespielt und völlig intransparent über die Vergabe eines Wirkstoffes entschieden“, kritisiert der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Professor Uwe Janssens.

Ministerium soll Lücke schließen

Die Indikation zur Gabe eines Medikaments stelle der Arzt, die Zustimmung erteile der Patient oder sein juristischer Stellvertreter, aber nicht ein Pharmakonzern, so Janssens. Das Bundesgesundheitsministerium müsse diese Lücke bei der Vergaberegelung schnellstmöglich schließen, fordert er.

Aus ethischen Gesichtspunkten sei die Verlosung nur auf den ersten Blick vertretbar, so die DIVI. Denn grundsätzlich stelle das Losverfahren eine Chancengleichheit zwischen allen Betroffenen her. Deshalb sei es ein ethisch durchaus begründbares Verfahren, sagt Dr. Gerald Neitzke vom Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Wenn eine Therapie nicht allen Betroffenen zur Verfügung steht, kann die Versorgung dazu beitragen, dass ohne Ansehen der Person entschieden wird“, so Neitzke, der Mitglied der DIVI-Sektion Ethik ist. Aber aus Sicht der Ärzte sei genau dieses Auswahlverfahren nicht unbedingt berechtigt.

Je höher die Dringlichkeit, desto schlechter die Erfolgsaussichten

„Uns Medizinern leuchten die Kriterien der Dringlichkeit und Erfolgsaussicht eher ein – wie zum Beispiel bei der Vergabe von Spenderorganen.“ Im Falle der spinalen Muskelatrophie bei betroffenen Kindern gelte aber: Je höher die Dringlichkeit, desto schlechter die Erfolgsaussichten.

Das heiße im Umkehrschluss, es müsse sichergestellt werden, dass die zur Verlosung zugelassenen Kinder alle etwa gleich schwer betroffen seien und die gleiche Erfolgsaussicht haben. „Nur dann erfüllt die Lotterie des nur knapp verfügbaren Medikaments alle Kriterien einer gleichen fairen Zuteilung“, so Neitzke.

Nach welchen Kriterien die Auswahlkommission des Pharmakonzerns entscheide, sei aber für Außenstehende nicht transparent. (chb)

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