Arndt Striegler bloggt

Nun kommt der D-Day im Gesundheitssystem

Die britische Regierungschefin May sucht nach einem Plan B für den Brexit. Der Wirrwarr im Parlament wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus, immer mehr Fachkräfte aus der EU suchen das Weite. Eine toxische Mischung für das britische Gesundheitswesen!

Von Arndt StrieglerArndt Striegler Veröffentlicht:
Brexit-Graffiti: Am 29. März soll Großbritannien aus der EU ausscheiden .

Brexit-Graffiti: Am 29. März soll Großbritannien aus der EU ausscheiden .

© pixs:sell / stock.adobe.com

Nachdem Premierministerin Theresa May vor wenigen Tagen im Londoner Unterhaus eine klare Absage für ihr in den vergangenen zwei Jahren mühsam mit der EU ausgehandeltes Ausstiegsabkommen einstecken musste, lautet jetzt die große Frage: Wie soll es weitergehen? No Deal? Doch noch ein Soft Brexit? Ein zweites Referendum oder gar überhaupt kein Brexit mehr? Alle Optionen liegen auf dem Tisch des Unterhauses.

Und der nächste Schicksalstag für dieses Land und damit letztlich auch für Europa steht für den 29. Januar an. An diesem Tag soll das Londoner Unterhaus über Theresa Mays „Plan B“ abstimmen. „Plan B“ ist das, was die strauchelnde Regierungschefin versucht, trotz starkem Gegenwind doch noch über die parlamentarischen Hürden in Westminster zu bugsieren.

Operationen werden abgesagt

Ironisch: Genau gegenüber des Parlaments am Ufer der Themse liegt auf der anderen Flussseite eines der größten Krankenhäuser Londons und Großbritanniens: das St. Thomas Hospital. Der Wirrwarr im Parlament hat auf den Stationen bereits jetzt Folgen. Es fehlt Personal, viele Operationen werden abgesagt und die Klinikleitung sorgt sich, dass sich die Lage in den kommenden Wochen mit strenger werdendem Winterwetter weiter verschlechtern könnte.

Für in Großbritannien praktizierende Ärztinnen und Ärzte und für all die mehr als eine Million Beschäftigten des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) hält auch nach den jüngsten politischen Wirrungen die Unsicherheit über ihre berufliche Zukunft an. Arzneimittelversorgung nach dem EU-Austritt, Arbeitserlaubnisse und Aufenthaltsgenehmigungen, Visafragen, soziale Absicherung im Krankheitsfall – die Liste der offenen Fragen, die speziell den Medizinbetrieb betreffen, ist lang.

„Je länger die Unsicherheit dauert und je länger die Politiker sich nicht einigen können, desto mehr Schaden wird angerichtet“, so ein befreundeter Londoner Klinikarzt. Der Mann - gebürtiger Schwede, doch seit mehr als 15 Jahren in Großbritannien ansässig – überlegt inzwischen, seine Zelte auf der Insel abzubrechen, um zurück nach Schweden zu gehen, samt Frau und schulpflichtiger Kinder. „Großbritannien ist nicht mehr das Land, in das ich vor vielen Jahren als junger Arzt kam. Das ist sehr traurig und deprimierend mit anzusehen.“

Fremdenhass nimmt zu

Die Ausländerfeindlichkeit nimmt zu, die Wirtschaftsprognosen verdüstern sich und im Land weht ein fieser Wind, eine toxische Mischung aus Intoleranz, Fremdenhass, Misstrauen und Zukunftspessimismus. Kein Wunder, dass viele Europäer, die im Königreich leben und arbeiten, entweder bereits ihre Koffer gepackt haben oder zumindest dran denken, bald das Land zu verlassen.

Die Flucht von qualifizierten Arbeitskräften, besonders von Krankenpflegepersonal, ist zwar noch nicht dramatisch, aber doch spürbar. In vielen staatlichen Krankenhäusern klaffen inzwischen große Personallücken. Viele davon sind Brexit-bedingt.

Und spricht man in diesen Tagen mit Klinikmanagern, so merkt man, dass die Zukunftsaussichten noch finsterer sind, als dies die (überwiegend Pro-Brexit) britischen Medien suggerieren. Was aus Sicht des Gesundheitswesens noch schwerer wiegt: Die Zuwanderung von qualifiziertem Pflegepersonal aus anderen EU-Ländern, die seit vielen Jahren ein wichtiger Faktor ist, damit britische Patienten stationär gut versorgt werden, geht ebenfalls zurück.

Weniger Pflegekräfte aus der EU

Die britische Krankepflegergewerkschaft (Royal College of Nursing, RCN) schlug deshalb in jüngster Zeit Alarm. Nach Angaben der Gewerkschaft mit landesweit 432.000 Mitgliedern hat die Zahl der aus EU-Ländern stammenden Krankenpflegekräfte und Hebammen binnen eines Jahres (Stand September 2018) um 2385 abgenommen.

Wie geht es jetzt weiter mit der nicht enden wollenden Brexit-Story? Am 29. Januar soll in Westminster über Mays jüngsten Plan, der einen geordneten EU-Ausstieg garantieren soll, abgestimmt werden. Doch eine Annahme gilt als unwahrscheinlich. Und dann? „Darüber denke ich gar nicht mehr nach. Wir Ärzte machen unsere Arbeit und hoffen, dass doch irgendwie noch ein Wunder geschieht“ – mein Arztfreund ist damit nicht allein.

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Kommentare
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Die Brexitiers hatten den Briten für den National Health Service das Blaue vom Himmel herunter versprochen. 350 Millionen Pfund pro Woche (!) sollten nach dem Brexit an eingesparten EU-Mitteln für den National Health Service zusätzlich zur Verfügung stehen. Jetzt werden Operationen verschoben und Medikamente gehortet wie nach einer Naturkatastrophe. Stiff upper lip, heißt die Parole jetzt.


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