Gastbeitrag
Schlechte Umweltverträglichkeit von künstlichen Süßstoffen
Um Kalorien zu sparen, wird oft zu Getränken und Speisen mit Süßstoffen gegriffen. Aber Vorsicht: Nicht nur, dass diese wohl kaum nützen – vielmehr bergen sie sogar ein Risiko für Mensch und Umwelt, meint Gastautor Professor Stephan Martin.
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Süßer Geschmack und keine Kalorien? Acesulfam-K (E950) und Sucralose (E955) machen es möglich! Doch völlig ohne Bedenken sind Süßstoffe wohl nicht zu konsumieren.
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Über Jahre wurden künstliche Süßstoffe als gesunde Alternative für den zu hohen Zuckerkonsum, der für die Adipositas-Epidemie verantwortlich gemacht wird, propagiert. Personen mit Übergewicht/Adipositas und Insulinresistenz werden diese kalorienarmen Stoffe als Zuckeralternative zum Gewichtsmanagement empfohlen. Jedoch kommt ein ganz aktuell veröffentlichtes systematisches Review und Metaanalyse zu einem enttäuschenden Ergebnis (Nutr Rev 2026; 84(2):318-332).
Statt Vorteile sogar nachteilige Effekte
Es wurden alle bis Dezember 2023 publizierten randomisierten kontrollierten Studien in MEDLINE, Web of Science, Ovid, Embase und Cochrane eingeschlossen. Dabei zeigte sich zwischen den Therapiegruppen mit künstlichen Süßstoffen und den Kontrollgruppen keine Unterschiede in der Gewichtsentwicklung. Nur in Subgruppen-Analysen konnte für Aspartam ein signifikanter Gewichtsverlust von circa 1 kg nachgewiesen werden.
Bei den Blutlipiden ergaben sich keine Unterschiede zwischen den Kontrollen und den mit künstlichen Süßstoffen behandelten Probanden. Der Insulinspiegel sank in der behandelten Gruppe mit künstlichen Süßstoffen hingegen geringer, sodass die Autoren folgern, dass künstliche Süßstoffe sich auf die Insulinresistenz weniger stark auswirken als eine Kontrollintervention. Zusätzlich hatten künstliche Süßstoffe keinen signifikanten Einfluss auf das Hungergefühl während der Gewichtsstabilisierung, nur bei der Gewichtsabnahme scheint es ein etwas geringeres Hungergefühl zu geben.
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Nicht nur, dass der Einsatz von künstlichen Süßstoffen zur Gewichtsreduktion kaum Wirkung zeigt, weisen andere aktuelle Studien auf ungünstige gesundheitliche Effekte von künstlichen Süßstoffen.
So sollen sie sich unter anderem:
- negativ auf die Gehirnalterung auswirken (Neurology 2025; 105(7):e214023),
- mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes (Diabetes Metab 2025; 51(6):101665)
- und einem höheren Risiko für Gestationsdiabetes (Diabetes Res Clin Pract 2025; 227:112422) assoziiert sein.
Umwelt leidet unter Süßstoffen
Zu diesen ernüchternden Ergebnissen kommt ein weiteres Problem hinzu: Das Umweltbundesamt hat bereits im Jahr 2024 darauf hingewiesen, dass durch den hohen Konsum von künstlichen Süßstoffen ein ökologisches Problem entsteht. Messdaten des Spurenstoffzentrums des Bundes (SZB) zeigen, dass die künstlichen Süßstoffe Acesulfam-K und Sucralose Gewässer und Trinkwasser belasten und wurden als relevante Spurenstoffe eingestuft. Acesulfam-K und Sucralose sind sehr langlebig und können im Wasser weitertransportiert werden.
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In Kläranlagen kann Sucralose auch mit modernster Technik wie der Aktivkohlefiltration nur begrenzt entfernt werden. Acesulfam-K dient aufgrund des schlechten Rückhalts in der Kläranlage sogar als Abwassermarker. Die bisher im Wasser nachgewiesenen Konzentrationen stellen vermutlich noch keine gesundheitliche Gefahr für den Menschen dar. Jedoch konnte bei Zebrabärblingen, die als standardisiertes Fischmodell in der Ökotoxikologie gelten, nachgewiesen werden, dass diese beiden künstlichen Süßstoffe in den umweltrelevanten Konzentrationen sich negativ auf das Nervensystem und die Embryonalentwicklung auswirken (Chemosphere 2023; 340:139928).
Für Sucralose wurden zusätzlich eine erhöhte Rate an Missbildungen, verstärkter oxidativer Stress und eine erhöhte Genexpression von Apoptose-bezogenen Genen bei Embryonen nachgewiesen (Sci Total Environ 2022; 829:154689). Diese Datenlage hat dazu geführt, dass am 6. November 2025 das SZB und das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) einen Workshop zu dem Thema „Ansatzpunkte zur Verringerung der Gewässerbelastung durch Acesulfam-K und Sucralose“ veranstaltet hat. Dabei wurden wesentliche Akteure in dem Handlungsfeld vernetzt, um mögliche Maßnahmen zur Verringerung der Einträge der beiden Süßstoffe weiterzuentwickeln.
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Diese neuen Ergebnisse sind sehr wichtig für die durch den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, ausgelöste Diskussion zur Einführung einer Zuckersteuer. Künstliche Süßstoffe sind bei Zuckerreduktion die übliche kalorienarme Alternative. Bereits heute sind Acesulfam-K und Sucralose als Süßstoffe in zahlreichen Lebensmitteln und Getränken sowie in Zahnpasta enthalten. Bei Einführung der Zuckersteuer würde dies den Konsum solcher Zuckeralternativen sicher erhöhen. Im Gegensatz zum normalen Zucker werden sie im Körper nicht verstoffwechselt, sondern meist unverändert ausgeschieden und gelangen so flächendeckend in das Abwasser.














