Pflegende Angehörige

Oft im Stich gelassen

Die pflegenden Angehörigen sind das Fundament des deutschen Pflegesystems. Dass sie unterstützt werden müssen, steht außer Frage. Die Unterstützung erhalten sie auch, meinen Politiker. Aber ist das auch genug?

Christoph FuhrVon Christoph Fuhr Veröffentlicht:
Angehörige fühlen sich oft mit der Pflege überfordert.

Angehörige fühlen sich oft mit der Pflege überfordert.

© js-photo / Stock.adobe.com

BERLIN. Sie ist inkontinent, weigert sich, regelmäßig auf die Toilette zu gehen, und macht dann in die Hose. Sie wiederholt penetrant die gleichen sinnfreien Sätze, beschimpft ihre Tochter, unterstellt ihr Diebstahl, verhält sich unfair, ist extrem launisch und unberechenbar – Alltagsszenen aus dem Leben einer Demenzpatientin.

Ihre Tochter als pflegende Angehörige hält den Druck nicht länger aus. Sie hat keine Kraft mehr und braucht dringend Unterstützung.

Über drei Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig im Sinne des Sozialgesetzbuches. Drei Viertel von ihnen werden zu Hause versorgt – davon 1,4 Millionen ausschließlich durch Angehörige.

Gäbe es eine Hitparade der Binsenweisheiten in der Gesundheitsversorgung, dann würde der Satz „Pflegende Angehörige müssen besser unterstützt werden“ weit oben stehen.

Die Arbeit dieser Angehörigen ist das Fundament des deutschen Pflegesystems. Mit ihren Betreuungs-, Unterstützungs- und Pflegeleistungen sind sie maßgeblich an der Lebensqualität vor allem von älteren und behinderten Bürgern beteiligt.

Da der Mangel an Pflegekräften im professionellen Pflegesektor in absehbarer Zeit nicht zu lösen ist, deutet vieles darauf hin, dass die familiäre Pflege als Folge der demografischen Alterung der Bevölkerung zusätzlich an Bedeutung gewinnt.

Nur permanente Heuchelei der Politik?

Aber was hat sich eigentlich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Blick auf die Unterstützung von pflegenden Angehörige bewegt? Gar nichts, außer permanenten „heuchlerischen Beteuerungen“ von Politikern, es müsse endlich etwas passieren?

Diese kritische Einschätzung wies Dr. Martin Schölkopf aus dem Bundesgesundheitsministerium beim Hauptstadtkongress zurück.

„Wenn einer der Meinung ist, dass das, was an Hilfe angeboten wird, nicht ausreicht, kann er das tun“, sagte Schölkopf. Aber die Behauptung, dass der Staat überhaupt nichts getan habe, sei schlicht und ergreifend falsch.

So werden zum Beispiel seit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs 2017 Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in besonderer Weise unterstützt. Sie haben einen gleichberechtigten Zugang zu allen Leistungen der Pflegeversicherung.

"Druck im Kessel"

Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, sieht mit Blick auf die Unterstützung von pflegenden Angehörigen dennoch weiteren Handlungsbedarf.

Er sprach beim Hauptstadtkongress von einem „Druck im Kessel“ und mahnte Unterstützung an: „Sie können Dinge nur bewegen und in politischen Gremien durchsetzen, wenn sie breiten Rückenwind aus der Gesellschaft spüren.“

Angehörige, die Demenzpatienten betreuen, fühlen sich immer noch zu oft im Stich gelassen. Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) über Aggression und Gewalt in der informellen Pflege von 2018 wirft ein Schlaglicht auf ihre Alltagsprobleme.

45 Prozent der Befragten berichteten, dass gegen sie innerhalb der letzten sechs Monate psychische Gewalt von Menschen ausgeübt wurde, die sie pflegen – etwa durch Anschreien oder Beleidigen.

Elf Prozent hatten auch körperliche Gewalt erlebt, zum Beispiel grobes Anfassen oder Schlagen. Angehörige von Menschen mit Demenz gaben häufiger an, mit Gewalt konfrontiert worden zu sein als Befragte, die Patienten mit anderen Krankheitsbildern betreuen.

Angehörige werden selbst krank

Die Kehrseite der Medaille: Angehörige von Demenzpatienten neigen selbst häufiger zur Gewalt. 32 Prozent berichteten, im abgefragten Zeitraum psychische Gewalt gegen die pflegebedürftige Person angewendet zu haben. Zwölf Prozent räumten sogar körperliche Gewalt ein.

Bei vielen Angehörigen von Demenzpatienten verschlechtert sich während der Pflege ihre körperliche Gesundheit und sie benötigen häufiger Medikamente, berichtete Sabine Jansen, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft: „Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder brechen den Kontakt ab, Hobbys werden aufgegeben, manchmal sogar der Beruf.“

Die Angehörigen haben zwar Rechte auf individuelle Pflegeberatung durch die Pflegekassen, auf Unterstützung für den Betreuungsalltag zu Hause, auf Kurzzeit- und Verhinderungspflege, betreuten Urlaub und Rehabilitationsaufenthalt – in ihrem Alltag aber wirkt sich das oft nicht unmittelbar aus.

Auch die Unterbringung des Patienten in einem Pflegeheim ist für sie keine Option. Nur vier Prozent erwägen diesen Schritt. Für jeden zweiten Betreuer kommt das Heim, das viele Probleme lösen würde, einer Studie von Infratest Sozialforschung zufolge niemals infrage, egal, wie sich die Dinge entwickeln.

Immer mehr Demenzkranke

Sabine Jansen von der Alzheimer-Gesellschaft sieht jenseits der Probleme bei der häuslichen Pflege eine weitere große Herausforderung. Die Hälfte der Patienten in Allgemeinkrankenhäusern ist älter als 60 Jahre, etwa zwölf Prozent sind von einer Demenzerkrankung betroffen.

Alles, so Jansen, deute darauf hin, dass sich ihr Anteil in Zukunft erheblich steigern wird. Wenn Kranke wegen eines Knochenbruchs oder einer Herzerkrankung in ein Krankenhaus aufgenommen werden, ist Demenz meist nur eine Nebendiagnose.

Oft werden Demenzerkrankungen erst während des Klinikaufenthaltes bemerkt, manchmal gar nicht, sagt sie.

Viele Krankenhäuser sind bisher nur unzureichend oder überhaupt nicht auf Demenzkranke eingestellt. Der Handlungsbedarf steigt, warnt Jansen: „Die Herausforderungen für die Zukunft werden immer größer.“

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