Hintergrund

Pädiater fürchten Versorgungslücken, wollen aber nicht mit Hausärzten teilen

Pädiater allein können die Versorgung von Kindern in Zukunft kaum sicherstellen. Schon in zehn Jahren könnte es in weiten Teilen des Landes Versorgungslücken geben. Ihr Rezept dagegen: Kooperationen mit Krankenhäusern und Zentren.

Raimund SchmidVon Raimund Schmid Veröffentlicht:
Minister mit Herz für die Kinderärzte: Philipp Rösler.

Minister mit Herz für die Kinderärzte: Philipp Rösler.

© dpa

Die Kinder- und Jugendärzte machen sich Sorgen. Es sei ungewiss, ob Kinder und Jugendliche in Deutschland in zehn Jahren medizinisch noch genauso gut betreut werden können, wie dies derzeit noch in weiten Teilen des Landes der Fall ist.

Professor Michael Radtke, der Präsident der 106. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, listete beim größten deutschen Pädiatrie-Kongress in Potsdam mehrere Gründe auf, die Sorge bereiten:

Auf der einen Seite weniger Geburten und damit auch weniger Kinder. Zugleich geht die Zahl der ambulant tätigen Pädiater zurück. Auf der anderen Seite wächst die Zahl Subspezialitäten - und die medizinischen Möglichkeiten nehmen weiter zu. Das erfordere mehr finanzielle Mittel. Doch auch in der Pädiatrie müsse man die Realitäten zur Kenntnis nehmen: Die Grenzen des wirtschaftlich Machbaren bekomme auch die Kinderheilkunde zu spüren.

Es waren also zunächst einmal düstere Prognosen, mit denen die mehr als 3000 Teilnehmern in Potsdam konfrontiert wurden.

Die Mienen hellten sich auf, nachdem Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) das Wort ergriffen hatte. Denn sein Grußwort war ein Plädoyer für die Kinder- und Jugendmedizin, das auch aus der Feder einer der Kongresspräsidenten hätte stammen können.

• Botschaft Nummer Eins: Pädiater seien aufgrund ihrer Qualifikation in keiner Weise zu ersetzen.

• Botschaft Nummer Zwei: Die Versorgung von Kindern könne auch in Zukunft nicht primär von Allgemeinmedizinern wahrgenommen werden.

• Botschaft Nummer Drei: Pädiatrische Spezialambulanzen an Kliniken, die trotz gesetzlicher Verankerung derzeit eher schleppend errichtet werden, müssten erheblich gestärkt werden.

• Angesichts solcher Zugeständnisse ging die vierte Botschaft, ein Seitenhieb gegen Funktionäre des Hausärzteverbandes, fast unter. Denen warf Rösler in Potsdam vor, nicht nur die Hausärzte gegen Fachärzte, sondern auch die Hausärzte untereinander - also Pädiater gegen Allgemeinärzte - auszuspielen.

Röslers überaus freundliche Worte können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kinderärztliche Versorgung gerade in ländlichen Regionen erhebliche Lücken hat. Zum Beispiel Brandenburg: Dessen Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) wies darauf hin, dass in Brandenburg aufgrund des Geburtenrückgangs in den vergangenen 20 Jahren bereits jede zweite Schule geschlossen werden musste. Schon heute sind deshalb laut Radtke auch in manchen Teilen des Landes keine ambulant tätigen Pädiater mehr zu finden. Und selbst in Städten wie Prenzlau, Schwedt oder Wittenberge werde es in zehn Jahren ebenfalls keine niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte mehr geben. Deshalb bestehe politisch akuter Handlungsbedarf, dem Rösler in Potsdam mit seiner Rede gerecht geworden sei.

Den Worten müssten nun aber auch Taten folgen, meint Professor Fred Zepp, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Er plädierte deshalb für "gemischte Versorgungsformen" und Zentren, in denen künftig die breite und fachspezifische pädiatrische Versorgung abgedeckt werden müsse. Dabei dürfe die Zentralisierung aber auch nicht zu weit gehen, da ansonsten die flächendeckende ambulante pädiatrische Versorgung noch weiter geschwächt werden könnte.

Um diese eher zu stärken, möchte Ministerpräsident Platzeck gerade in ganz abgelegene Regionen nichtärztliche Berufsgruppen wie etwa die Gemeindeschwester fest etablieren. Radtke forderte schließlich eine weit engere Verzahnung von ambulanten und stationären Angeboten. Auf Dauer, so prognostizierte Radtke, werde es gar nicht mehr anders gehen, in Brandenburg und anderswo Kinder auch in Krankenhäusern ambulant mit zu behandeln.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Röslers Lob der Kinderärzte ist wie Honig mit bitterem Nachgeschmack

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