Patientenwille

„Palliativ-Ampel dient der schnellen Orientierung“

Sollen schwerkranke Pflegeheimbewohner bei einer COVID-19-Infektion in die Klinik? Die Deutsche PalliativStiftung hat ein Ampelmodell entwickelt, das Ärzten und Pflegenden die Entscheidung erleichtern soll. Was es damit auf sich hat, erläutert Vorstand Dr. Thomas Sitte im Interview.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 26.04.2020, 12:00 Uhr
„Palliativ-Ampel dient der schnellen Orientierung“

Grün, gelb oder rot: Die Ampelfarben sollen Ärzten und Pflegern dabei helfen, im Notfall die erwünschten Erstmaßnahmen bei Palliativ-Patienten im Pflegeheim zu erfassen.

© rsiel / istock

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Sitte, wie ist die Idee für die Palliativ-Ampel entstanden und wer macht mit?

Dr. Thomas Sitte: In den vergangenen Jahren konnten mein Team und ich ein Pilotprojekt auf die Beine stellen, das die Palliativversorgung in Pflegeheimen verbessern soll. Schnell ist uns dabei klar geworden, dass eine einfache und bettseitig sofort verfügbare Orientierungshilfe für die Notfallversorgung fehlt. Denn im lebensbedrohlichen Notfall geht eine Patientenverfügung, die in den Akten im Büro abgeheftet ist, leicht mal vergessen.

Auch Patienten, die einfach in Frieden ihren Lebensabend im Heim verbringen wollen, kommen immer wieder gegen ihren Willen zur Maximaltherapie in die Klinik. Bei dem Piloten machen 20 Einrichtungen mit.

„Palliativ-Ampel dient der schnellen Orientierung“

Dr. Thomas Sitte ist Vorstandschef der Deutschen PalliativStiftung.

© Deutsche Palliativstiftung Stiftung

Rot, gelb und grün bieten Orientierung – wie die Verkehrsampel?

Ja. Die Ampel hat eindeutigen Symbolcharakter. Wobei jedem Führerscheininhaber klar sein sollte, dass man auch bei grün darauf achten sollte, dass einem kein anderer die Vorfahrt nimmt.

Im Notfall können Ärzte und Pflegekräfte bei jedem – auch unbekannten Patienten – mittels Palliativ-Ampel auf einen Blick die notwendigen oder erwünschten Erstmaßnahmen erfassen.

COVID-19 ist eine Notsituation. Was erhoffen Sie sich hier von der Ampel?

Ich habe gute Kontakte zu Palliativärzten in Deutschland, Spanien und Italien. Sie sagen mir: Hauptproblem bei COVID-19 ist nicht der Notarzteinsatz im Heim und der Zwang zu sekundenschnellen Entscheidungen.

Schwierig ist die Frage, ob und wann der Patient in die Klinik verlegt werden muss, wenn Lungenentzündung und Atemversagen zunehmen. Die Palliativ-Ampel hilft, zu einer schnellen und einfachen Orientierung über den Patientenwillen zu gelangen.

Dr. Thomas Sitte

  • Palliativmediziner , seit 2016 bei KinderPalliativTeam Kleine Riesen Nordhessen e. V.
  • Deutsche PalliativStiftung Vorstandsvorsitzender und Mitgründer
  • Deutsches StiftungsWerk gGmbH ,Gründer und ehrenamtlicher Geschäftsführer

Kerngedanke der Ampel ist demnach eine Art Triage?

Das liegt nahe. Aber es hat mit Triage überhaupt nichts zu tun. Die Ampel gibt vielmehr den Patientenwillen wieder. Konkret: Wenn jemand hochbetagt und multimorbide im Pflegeheim lebt, sollte noch vor einer Triage überlegt werden, ob der Patient überhaupt eine Maximaltherapie mit obendrein extrem schlechten Überlebenschancen möchte.

Wenn er hier ein rotes Licht gibt, dann heißt das: „Halt. Ich will zuallererst gute Lebensqualität und Leidenslinderung. Ich will bleiben, wo ich lebe und nicht mehr ins Krankenhaus!“. Das erspart Ärzten und Pflegekräften die Triage.

Gibt es ein erstes Feedback?

Langsam spricht sich das Projekt herum. Angehörige bitten uns, so etwas für ihre Mutter oder ihren Vater im Heim auch zu machen. Heimverantwortliche erkundigen sich, ob wir helfen können, die Palliativ-Ampel zügig in ihrer Einrichtung zu implementieren.

Zudem haben wir jetzt die Chance, mit Unterstützung des Landkreises Fulda die Palliativ-Ampel dort allen Einrichtungen mit ihren knapp 3000 Bewohnern anzubieten, Mitarbeiter zu schulen und das System auf alle Bewohner anzuwenden.

Sie sprachen von Schulung …

Ja, mit dem Ampel-System ist im Idealfall eine Schulung der Mitarbeiter in Heimen verbunden. Dazu reicht eine kurze schriftliche Information und eine Präsenzveranstaltung von 20 bis 30 Minuten aus. Die sollte möglichst jeder Mitarbeiter mit direktem Patientenkontakt durchlaufen.

Die Palliativversorgung in Heimen gilt unabhängig von der Coronavirus-Pandemie als verbesserungswürdig. Was muss sich verbessern?

Fakt ist: Wir haben Legionen hochengagierter Mitarbeiter in den Heimen. Sie brauchen Unterstützung und Rückendeckung. Dazu gehören beim Thema Lebensende mehr Erreichbarkeit und Rückversicherung durch engagierte Palliativmediziner.

Nötig sind auch brauchbare Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten sowie ein Medikamentenvorrat für Notfälle wie in Hospizen. Palliatives Grundwissen für alle Mitarbeiter, egal ob sie Pflege, Verwaltung oder Hauswirtschaft arbeiten, ist ebenfalls wichtig.

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