Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Predigten wider die „Euthanasie“: Ein Bischof wird zum Staatsfeind

Mit dem Ehrentitel „Löwe von Münster“ ging Clemens August von Galen in die Geschichte ein. Vor 80 Jahren hielt der Bischof von Münster seine berühmten Predigten insbesondere gegen die Tötung von Menschen mit Behinderungen.

Von Christoph Arens Veröffentlicht:
Clemens August Graf von Galen (M), seit 1933 Bischof von Münster/Westfalen, in einer undatierten Aufnahme.

Clemens August Graf von Galen (M), seit 1933 Bischof von Münster/Westfalen, in einer undatierten Aufnahme.

© dpa / picture-alliance

Münster. „Auf Heller und Pfennig“ wollten Goebbels und Hitler mit ihm abrechnen: Clemens August Graf von Galen, seit 1933 Bischof von Münster, war in ihren Augen zum „Staatsfeind“ geworden. Doch die Abrechnung glaubten die Nazis auf die Zeit nach dem Krieg verschieben zu müssen. Das ganze Rheinland und Westfalen seien für den Krieg abzuschreiben, wenn man aus dem Bischof einen Märtyrer mache.

Der Anlass für die Wut des „Führers“: vor allem des Bischofs Predigten gegen Euthanasie und Nazi-Terror im Sommer 1941, vor 80 Jahren. Sie wurden unter der Hand in ganz Deutschland und an allen Fronten verbreitet. Auch die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ berief sich auf sie. Als einer von wenigen Bischöfen rang sich der „Löwe von Münster“ zu öffentlichem Protest durch.

Gegen die Rechtlosigkeit

Schon zu Beginn der NS-Herrschaft hatte Galen, bei dessen Bischofsweihe 1933 erstmals Braunhemden in den Dom einmarschiert waren, deutliche Worte gefunden: 1934 brandmarkte der hoch gewachsene Geistliche die rassistischen und an eine pseudo-germanische Religion anknüpfenden Vorstellungen des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. In der Folgezeit protestierte er immer wieder gegen die totalitäre Herrschaft der Nazis.

Am deutlichsten wird das in drei Predigten vom Juli und August 1941: Weil Ordensniederlassungen von der Gestapo einfach aufgelöst und die Mönche und Nonnen aus ihrer Heimatprovinz ausgewiesen worden waren, kritisierte er am 13. und 20. Juli mit scharfen Worten die Rechtlosigkeit in Deutschland.

„Der physischen Übermacht der Geheimen Staatspolizei steht jeder deutsche Staatsbürger völlig schutzlos und wehrlos gegenüber“, rief er am 13. Juli von der Kanzel der Münsteraner Lambertikirche. Keiner sei mehr sicher, „dass er nicht eines Tages aus seiner Wohnung geholt, seiner Freiheit beraubt, in den Kellern und Konzentrationslagern der Geheimen Staatspolizei eingesperrt wird“.

Eine Woche später fand der Bischof in Münsters Überwasserkirche ähnliche Worte: Die Rechtlosigkeit und der Terror der Gestapo zerstörten die Volksgemeinschaft, donnerte er von der Kanzel. Da Christen aber keine Revolution machten, gebe es nur ein Kampfmittel: starkes, zähes, hartes Durchhalten. „Wir sind Amboss und nicht Hammer“, so die bildreiche Predigt, die lauten Beifall und ekstatische Zustimmung auslöste. „Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer.“

„Wehe, wenn wir alt werden“

Am 3. August 1941 prangerte der Bischof auch den organisierten Mord an Altersschwachen und Geisteskranken an. „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden.“

Mutige Worte, mit denen von Galen dafür sorgte, dass die Nazis das Euthanasie-Programm zumindest stark einschränkten: Zwischen Januar 1940 und August 1941 waren der von Hitler persönlich angeordneten „Erwachseneneuthanasie“ mindestens 70.000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer gefallen.

Nach den Predigten des Bischofs wurde die sogenannte Aktion T4 zunächst abgebrochen. Der Luftkrieg ab 1943 und der dadurch wachsende Bedarf an Krankenhäusern lieferte dann erneut den Vorwand, um die Mordaktion wieder aufzunehmen. Nach Schätzungen wurden nach August 1941 nochmals 30.000 Behinderte ermordet.

In den Kardinals-Stand erhoben

Von Galens Standhaftigkeit wurde weltweit anerkannt. Am 21. Februar 1946 erhob Papst Pius XII. den Münsteraner Bischof in Rom zum Kardinal. Einen Monat nach seiner triumphalen Rückkehr starb von Galen am 22. März 1946. 2005 wurde er seliggesprochen.

Dabei ist Galens Persönlichkeit nicht unumstritten. Historiker werfen ihm die moralische Unterstützung des Krieges gegen die Sowjetunion sowie nationalistische und moralische Ansichten vor, die in Teilbereichen durchaus mit denen der Nazis übereinstimmten.

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf bezieht eine vermittelnde Position. Er beschreibt von Galen folgendermaßen: „Ein Obrigkeitsfanatiker, der jede staatliche Gewalt als von Gott kommend verstand, wird zum Widerständler gegen einen Staat, den er als Unrechtsregime erkennt und gegen dessen Morde an unschuldigen Menschen er öffentlich protestiert.“ (KNA)

Tötungsaktion T4

  • Die Aktion T 4 bezeichnet die systematische Ermordung von über 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, insbesondere in den Jahren 1940/41. T4 ist dabei die Abkürzung für die Adresse der federführenden Behörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin.
  • Zu dem Netz von Tötungsanstalten gehörte auch Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. 10.654 Menschen sind dort vergast worden – einige hundert von ihnen sind bis heute nicht namentlich bekannt. Erstmals während der Naziherrschaft wurden dort Menschen in einer Gaskammer getötet.
  • Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat 2018 auf dem Gelände des damaligen „Krüppelheims“ eine Gedenktafel installiert, die an die Mordtaten der beteiligten Ärzte erinnert.“Wir bekennen uns zur Schuld der Ärzte an diesen Verbrechen“, heißt es darauf. (fst)
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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Claus F. Dieterle

Der Gott der Bibel fordert uns in Galater 6,10 auf, allen Menschen Gutes zu tun und nicht etwa Behinderte zu ermorden. Bischof Galen hat sich daher zu Recht auf die Aussage in Apostelgeschichte 5,29 gehalten "Gott muss man mehr gehorchen als den Menschen".


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