Nachruf

Professor Wolfgang Eckart: Immer neugierig, immer ansprechbar

Eine große Stimme der deutschen Medizingeschichte ist verstummt: Professor Wolfgang Eckart ist im Alter von 69 Jahren gestorben.

Von Prof. Maike Rotzoll und Prof. Philipp Osten Veröffentlicht:
Professor Wolfgang U. Eckart verstarb am 16. August.

Professor Wolfgang U. Eckart verstarb am 16. August.

© Universitätsklinikum Heidelberg

Als Wolfgang Uwe Eckart im Jahr 1992 als Lehrstuhlinhaber nach Heidelberg kam, begann nicht nur eine äußerst fruchtbare Zeit für das dortige Institut für Geschichte der Medizin, sondern auch seine intensive und langjährige Beschäftigung mit der Medizin im Nationalsozialismus. 2016, gegen Ende seiner Laufbahn, erhielt er explizit für diesen Aspekt seiner Forschung das Bundesverdienstkreuz.

Diese Themensetzung war damals keineswegs einfach, unumstritten oder auch selbstverständlich, zumal Wolfgang Eckarts thematischer Einstieg in die Medizingeschichte in eine andere Epoche geführt hatte, in die Frühe Neuzeit. Deren besondere Strahlkraft, die kreative Spannung zwischen Wiederkehr und Neubeginn mit allen ihren Auswirkungen auf die weitere Geschichte, Theoriebildung und Ethik in der Medizin, hatte schon seinen akademischen Lehrer Richard Toellner fasziniert.

Am Münsteraner Institut lag in der Tradition Karl Eduard Rotschuhs mehr als andernorts ein Schwerpunkt auf Theorie der Medizin, Medizingeschichte wurde in ihrem gesamten Spektrum vertreten und um die Medizinethik ergänzt. Es war ein hervorragendes Umfeld für den zukünftigen Medizinhistoriker.

Johanna Bleker, als deren Schüler sich Eckart betrachtete, nutze den ordnenden Blick, mit dem sie die Konzepte und Praktiken der Naturhistorischen Schule erklärte, in analoger Form für die Analyse medizinischer Ideologien im Dienst von Krieg und NS-Diktatur. Sie ermutigte Wolfgang Eckart zu seiner Dissertation über die „Grundlagen des medizinisch-wissenschaftlichen Erkennens bei Daniel Sennert (1572-1637)“, die er 1977 abschloss.

Medizin, Geschichte, Philosophie

Eckart hatte sich bereits in seinem Studium im Münster der 1970er Jahre breit aufgestellt, nicht nur Medizin, sondern auch Geschichte und Philosophie studiert und sich zudem (hochschul-) politisch betätigt. Alle diese Bereiche sollten später für sein Profil als Hochschullehrer eine große Rolle spielen.

Zwar war er nach dem Studium nicht mehr als Arzt tätig, doch er verstand sich als Mediziner, im Kontakt mit klinischen Kollegen und im Verständnis für die Anliegen zukünftiger Ärzte, denen er ohne schulmeisterliche Arroganz begegnete.

Medizin wiederum war für ihn immer auch politisch, und dies galt ebenso für ihre Geschichte. Er nahm die Verantwortung ernst, Forschung insbesondere zu Medizin und Politik im 20. Jahrhundert voranzutreiben und in der Lehre zu vermitteln, und er warf dabei seine umfassende geschichtswissenschaftliche Expertise von der akribischen Archivrecherche bis zum kühnen Überblick in die Waagschale.

Keine Ethik ohne klare Standpunkte

Seine Vorstellung von medizinischer Ethik baute auf diesen Fundamenten auf – eine ahistorische Ethik ohne klare Standpunkte war nicht seine Sache. Das zeigt sich auch in seinen Beiträgen zu dem von ihm mit herausgegebenen dreibändigen „Handbuch Sterben und Menschenwürde“ (2012). Entscheidende Papiere der Leopoldina, die eine politische Kontrolle der Verteilungsgerechtigkeit bei der Zuweisung von Spenderorganen anmahnen, tragen seine Handschrift.

In den ersten Jahren wissenschaftlichen Arbeitens dominierte die Frühe Neuzeit. Neben Daniel Sennert und der Iatrochemie interessierten ihn die Rolle des Humanismus für die Entwicklung der Medizin, die bildreichen Titelblätter medizinischer Werke im Barock, die Kritik an der Medizin in unterschiedlichen Medien des 17. Jahrhundert oder der „medicus politicus“ dieser Zeit.

Auch später finden sich in seinem Publikationsverzeichnis immer wieder Texte zum 16. und 17. Jahrhundert. So war er ein überaus engagierter Autor der „Enzyklopädie der Neuzeit“: Von „Anatomie“ im Jahr 2005 bis „Ungeziefer“ im Jahr 2012 schrieb er 54 Beiträge, teils mit Ko-Autoren. Im Gespräch äußerte er häufiger die Wunschvorstellung, sich einmal wieder ausschließlich mit dieser Epoche befassen zu können – doch dazu kam es nie.

Wolfgang Eckarts Auseinandersetzung mit der Medizingeschichte des 20. Jahrhunderts begann während seines Grundwehrdienstes, den er als promovierter Sanitätsoffizier am Militärgeschichtlichen Forschungsamt als „Zivilist in Uniform“ (Karl-Heinz Leven) absolvierte. Die Institution stand unter der Leitung des kritischen Militärhistorikers Manfred Messerschmidt. Hier entstand die 1986 abgeschlossene Habilitationsschrift, „Die Medizin als Instrument deutscher Kulturbeeinflussung in Ostasien. Deutsche Ärzte in Japan und China 1871-1914.“ 1988 folgte der Ruf an die MHH. Er wurde der Gründungsdirektor des Medizinhistorischen Instituts in Hannover.

Medizin und Kolonialimperialismus

Im selben Jahr begann Wolfgang Eckart, in enger Folge eine Reihe von Arbeiten zum Thema Medizin und Kolonialimperialismus zu veröffentlichen. Seine exzessive Quellenarbeit, für die ihm keine Hürde zu hoch zu sein schien, machten ihn über 30 Jahre später zu einem der meistzitierten Autoren einer Medizin-Geschichtsschreibung aus postkolonialer Perspektive.

Auf zwei aktuelle Debatten sei exemplarisch angespielt, um Wolfgang Eckarts Pionierrolle in diesem Feld zu verdeutlichen: Den Völkermord an Herero und Nama charakterisierte er als „kolonialen Rassenkrieg“, als einen Genozid, der durch rassenanthropologische Wissenschaftsnarrative vorbereitet und legitimiert wurde. Und er war der Erste, der die Humanexperimente in den Kolonien zum Thema machte, insbesondere die Atoxyl-Forschungen des Pensionärs Robert Koch in Afrika.

Im Zentralen Staatsarchiv der DDR in Potsdam stieß Wolfgang Eckarts Bemühen, den ihm zur Seite gestellten Führungsbeamten in ein kritisches, antiimperialistisches Gespräch über Robert Koch zu verwickeln, nicht auf Gegenliebe. Koch, so hörte er damals, gehöre zum „Nationalen Erbe“.

Professor Wolfgang U. Eckart

  • Geboren am 7. Februar 1952 in Schwelm
  • Studium der Medizin, Geschichte und Philosophie in Münster/Westfalen
  • Approbation als Arzt 1977
  • Promotion zum Dr. med. 1978
  • Habilitation für Geschichte der Medizin 1986
  • Seit 1992 Professor für Geschichte der Medizin und Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • Seit 2009 Mitglied der Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften

Seine Hannoveraner Hauptvorlesung zur Geschichte der Medizin bot den Anlass, dem ganzen Fach ein neues Lehrbuch zu geben. Wolfgang Eckarts „Geschichte der Medizin“, die auch ins Japanische übersetzt wurde, markierte 1990 den Beginn einer langjährigen, produktiven Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Springer-Verlag. Bald erweiterte Wolfgang Eckart das regelmäßig überarbeitete Buch um Themen der medizinischen Ethik. Als er starb, hatte er gerade mit der Korrektur der Fahnen zur neunten Auflage begonnen, die seuchenhistorische Bezüge der Corona-Pandemie hervorhebt.

Mit „Illustrierte Geschichte der Medizin“ folgte 2007 ein zweites Lehrbuch zur jüngeren Medizingeschichte. Die Erfahrungen aus der Betreuung von über 100 Dissertationen mündete in dem gemeinsam mit Robert Jütte verfassten utb-Buch „Medizingeschichte, eine Einführung“ (2011), es vermittelt das Handwerkszeug des Fachs. Bei der Recherche zu diesem Buch fiel ihm auf, dass keine Gesamtdarstellung der Medizin im Nationalsozialismus existierte. Der Band, „Medizin in der NS-Diktatur“, erschien im Jahr darauf bei Böhlau.

Der Ruf nach Heidelberg

Vier Jahre nach der Amtsübernahme in Hannover war Wolfgang Eckart 1992 dem Ruf nach Heidelberg auf den lange vakanten Lehrstuhl von Heinrich Schipperges gefolgt. Hier blies ihm zunächst scharfer Wind entgegen, als er gemeinsam mit Ralf Bröer die NS-Verstrickung des Psychosomatikers Viktor von Weizsäcker in der hauseigenen Zeitschrift der Universität zum Thema machte.

Bis heute fehlt der Aufsatz in der ansonsten vollständig digitalisierten Ausgabe der Zeitschrift Ruperto Carola. Dennoch initiierte er gemeinsam mit Eike Wolgast und Volker Sellin eine umfangreiche Aufarbeitung der Heidelberger Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus. Sie wurde zu einem Vorbild weiterer Aufarbeitungsprojekte an deutschen Universitäten. Wolfgang Eckart und seinem Team vertraute auch die DFG die Erforschung der eigenen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus an.

Seine Präsenz als Institutsleiter war so stark, seine inhaltlichen Standpunkte so ausgeprägt, seine Sachautorität so groß, dass er formale akademische Hierarchien rechts liegen lassen konnte. Er war jovial und stand doch immer im Zentrum, ohne jeden Muff unter dem nicht vorhandenen Talar. Er war stets neugierig, vielbeschäftigt und jederzeit ansprechbar. Konflikte mochte er nicht, Kontrolle war ihm zu kleinlich, stattdessen konzentrierte er sich auf Inhalte.

Zu den wichtigsten Arbeiten Wolfgang Eckarts, deren Fertigstellung bereits mit dem Beginn seiner Krankheit zusammenfiel, gehört das 2014 erschienene Werk „Medizin und Krieg. Deutschland 1914 bis 1924“ über den Ersten Weltkrieg. Er hat es, wie alle seine Bücher, unmittelbar aus den Archiven gehoben. Die Hungerdemonstrationen, die bereits 1916 einsetzen, und über die es nach einhelliger Meinung kaum Quellen gab, rekonstruierte er aus den Berichten amerikanischer Geistlicher, die er in einem Archiv der Quäker in den USA fand.

Auf der Suche nach sozialhistorischen Quellen aus erster Hand trug er Lazarettpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg zusammen. Auf Fotografien präsentierten sich die verwundeten Überlebenden der Schlachtfelder ihren Angehörigen, die Rückseiten füllten sie mit Kurznachrichten über Hoffnung und Resignation. Diese Sammlung veröffentlichte Wolfgang Eckart in dem Bildband „Die Wunden heilen sehr schön“.

Geschichte in ansprechender Form

Wolfgang Eckart war es ein Anliegen, Geschichte in ansprechender Form darzustellen. Seine häufigsten Miszellen waren öffentliche Botschaften, mit denen er sein Wissen vergesellschaftete.

Eine Geschichte der Medizinischen Fakultät Heidelberg vom Mittelalter bis in die Gegenwart erschien nicht als seltene Schmuckausgabe, sondern reich bebildert in der Mitarbeiterzeitschrift „Klinik-Ticker“. Wissenschaft und Forschung, an die er für sich selbst höchste Ansprüche stellte, sollten seiner Vorstellung nach alles andere als elitär vermittelt werden. Er schrieb für ein breites Publikum.

In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb er bis 2007 in enger Folge über aktuelle Fragen medizinischer Ethik, über die Medizin im Nationalsozialismus und über das Thema Essen, dessen historische und ökonomische Relevanz er immer wieder hervorhob. „Fingerübungen“ nannte er seine Artikel, die im „Freitag“, in der „FAZ“, der „Berliner Zeitung“ und in vielen regionalen Tageszeitungen erschienen. Sie haben dem Ansehen des Fachs Medizingeschichte eine breite Basis verschafft. Den letzten Essay brachte die „Rhein-Neckar-Zeitung“. Das Thema war ein Schweizer Schmähgedicht auf die Eindämmungsmaßnahmen gegen die Spanische Grippe.

Sonntägliche Aula-Vorträge waren Stück Radio-Kultur

Auf „SWR2“ war er häufiger Gast der Sendereihe Wissen. Seinen sonntäglichen Aula-Vorträge waren ein Stück Radio-Kultur. Nicht nur der Inhalt war spannend und verständlich, auch seine charakteristische Radiostimme, nächtlich geschult beim transkontinentalen Kurzwellenfunken, trug zu Wolfgang Eckarts publizistischer Präsenz bei. Seinen Standpunkt zurückzuhalten lag ihm nicht, im Gegenteil, täglich nutzte er Twitter für Kommentare zu Fach- und Weltgeschehen.

Ruhestand konzentrierte Wolfgang Eckart seine Arbeit auf die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, deren Mitglied er war. Nicht zuletzt bot sich ihm angesichts der 1652 gegründeten ältesten naturwissenschaftlich-medizinische Akademie im deutschen Sprachraum die Möglichkeit, zwei der für ihn bedeutsamsten Themen nebeneinander und doch gewissermaßen miteinander verbunden zu behandeln: Medizin und Mediziner in der Frühen Neuzeit und im Nationalsozialismus.

Trotz seiner schweren Krankheit, die ihn zu relativer Zurückgezogenheit nötigte, war er dabei mittendrin, in seiner Akademie, seiner Arbeit und seinen Netzwerken. Dies ist nun vorbei – ganz plötzlich. Viele von ihm maßgeblich angestoßene Projekte werden weiter zu führen sein, in der Leopoldina ebenso wie in Heidelberg und anderswo. Der Verzicht auf seine außergewöhnliche Präsenz und Stimme, sein profundes Wissen, seine Zugewandtheit und seine pointierten Denkanstöße wird schwer fallen.

Der Nachruf wurde für den Fachverband Medizingeschichte verfasst. Die Verfasser haben sich bei Professor Eckart habilitiert.

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