SARS-CoV-2

RKI-Chef Wieler spricht von falschen Behauptungen

Arztpraxen und Klinikstationen müssen nicht sofort dichtgemacht werden, wenn es Kontakt zu einem Patienten mit dem Coronavirus gibt. Darauf hat RKI-Präsident Lothar Wieler hingewiesen.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 06.03.2020, 14:30 Uhr
RKI-Chef Wieler spricht von falschen Behauptungen

Der Leiter des Robert Koch-Instituts Professor Lothar Wieler zeigte sich am Freitag verärgert über die aus seiner Sicht falsche Wiedergabe von Empfehlungen des RKI.

© Michael Sohn / AP Images / picture alliance

Berlin. Der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) Professor Lothar Wieler hat Nachrichten von Freitagmorgen zurückgewiesen, Krankenhausstationen und Arztpraxen müssten geschlossen, werden, wenn ein Mitarbeiter Kontakt zu einem mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infizierten Menschen hatte.

„Diese Behauptung ist falsch“, sagte Wieler beim täglichen Corona-Pressebriefing seines Instituts. Darüber habe er sich „maßlos geärgert“. Tatsächlich hätten Ärzte viel Erfahrung mit Lungeninfektionen. „Damit können die umgehen“, sagte Wieler, ohne dass regelhafte Quarantänen verhängt werden müssten.

Charité auf Gegenkurs

Zuvor hatte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Professor Christian Drosten, angekündigt, die Charité werde die Empfehlungen des RKI nicht eins zu eins umsetzen. „Wenn wir das gesamte medizinische Personal, das mit Infizierten Kontakt hatte, in Quarantäne schicken, bricht die medizinische Versorgung für die Bevölkerung zusammen“, wurde Drosten am Morgen im Deutschlandfunk zitiert.

Er schlug stattdessen vor, die Mitarbeiter in den Ambulanzen jeden Tag auf das Virus zu testen. Dann wären sie höchstens 24 Stunden mit dem Virus im Dienst und aller Voraussicht nach noch keine Überträger.

Impfstoff ab 2021

Die Gesundheitsminister der EU sind derzeit in Brüssel versammelt, um das weitere Vorgehen zu beraten. Dabei soll es auch darum gehen, Therapien gegen das Virus in beschleunigten Verfahren zuzulassen.

Es gebe bereits Impfstoffkandidaten, es werde in Verbünden geforscht, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen seien, aber mit einem zugelassenen Impfstoff dürfe man nicht vor 2021 rechnen, warnte Wiedler vor überzogenen Erwartungen.

Es gebe nicht, wie berichtet, unterschiedliche Virenstämme. Kleinere Mutationen, die man festgestellt habe, wirkten sich nicht auf die Schwere des Krankheitsverlaufs aus. Er gehe davon aus, dass das Virus sich an den Menschen anpassen und mildere Verlaufsformen ausprägen werde. Das Virus könne auch saisonal werden und wie die Grippe im Winter stärker auftreten.

Strategie der Eindämmung

Deutschland und Europa müssten den eingeschlagenen Weg der Eindämmungsstrategie konsequent fortsetzen. „Alle müssen im Krisenmodus denken, die Patienten werden kommen“, sagte Wieler. Krankenhäuser sollten sich auf Notsituationen vorbereiten.

Dazu gehöre auch, elektive OPs zu verschieben und Intensivbetten vorzuhalten. Er erwarte von den Arztpraxen, dass sie ihre Patientenströme so steuerten, dass Patienten mit möglichen Corona-Symptomen und die normalen Patienten nicht gemeinsam im Wartezimmer sitzen müssten.

Sprunghafter Anstieg

In Deutschland sind Stand Freitag, 6. März, 534 Menschen in 116 Landkreisen in 15 Bundesländern mit dem Virus infiziert. Besonders massiv bricht die Krankheit im nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg aus. Dort seien jetzt 281 Fälle gemeldet, 100 mehr als am Tag zuvor. In Aachen, Berlin, Freising, Köln, München, Freiburg und Esslingen habe man nun jeweils zehn oder mehr Infizierte gezählt.

In den 40 Ländern der Eurozone der Weltgesundheitsorganisation ist die Zahl der Infizierten seit Donnerstag um 1320 auf 5674 gestiegen, 3858 davon in Italien. 161 Menschen sind gestorben. Es komme in 6,8 Prozent der nachgewiesenen Fälle zu schweren Verläufen, sagte Wieler.

Zehntausende bereits wieder geheilt

Der Ausbruch in China gehe weiter, sagte Wieler, schwäche sich aber ab. Von Donnerstag auf Freitag ist die Zahl der Infizierten dort um 147 auf 80.667 gestiegen. 47.158 Menschen seien bereits wieder geheilt. Weltweit sei das Virus nun in 80 Ländern nachgewiesen. In den vergangenen 24 Stunden habe sich die Zahl der nachgewiesenen Virus Infektionen außerhalb Chinas um 2560 auf 17.453 erhöht. International seien 344 Todesfälle gemeldet.

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

O-Ton RKI: "Eine aktuelle Risikobewertung des RKI für Deutschland ist unter www.rki.de/covid-19-risikobewertung abrufbar. Die massiven Anstrengungen auf allen Ebenen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) verfolgen das Ziel, einzelne Infektionen so früh wie möglich zu erkennen und die weitere Ausbreitung des Virus dadurch so weit wie möglich zu verhindern.
Um das zu erreichen, müssen Infektionsketten so schnell wie möglich unterbrochen werden. Dies gelingt nur, wenn Kontaktpersonen von labordiagnostisch bestätigten Infektionsfällen möglichst lückenlos identifiziert und für 14 Tage (die maximale Dauer der Inkubationszeit) in häuslicher Quarantäne untergebracht werden (siehe Empfehlung zur Kontaktpersonennachverfolgung bei respiratorischen Erkrankungen durch das neuartige Coronavirus)..." https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Empfohlene_Schutzma%C3%9Fnahmen.html

Es bleibt unverständlich, warum Prof. Lothar Wieler als RKI-Chef dann die Contenance verliert:
„Diese Behauptung ist falsch“, sagte Wieler beim täglichen Corona-Pressebriefing seines Instituts. Darüber habe er sich „maßlos geärgert“.

Dass Ärzte viel Erfahrung mit Lungeninfektionen haben, steht außer Frage. „Damit können die umgehen“, sagte Wieler, ohne dass regelhafte Quarantänen verhängt werden müssten, tut jedoch bei Selbstinfektions-Gefahr und Ansteckungsrisiken mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 nichts zur Sache.

Tatsache ist und bleibt: Bevor Ärztinnen und Ärzte und das Praxis-Personal selbst zum "Superspreader" für Coronaviren werden, müssen sie zu Hause bleiben. Das gilt für die Patientenversorgung und Personal-Sicherheit in den Kliniken entsprechend.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund ( z.Zt. Mauterndorf / A)


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