Hilfe für die Armen

„Schwester Chris“: Ärztin und Christin

Seit mehr als drei Jahrzehnten widmet sich Christine Schmotzer in Pakistan der Behandlung von Patienten mit Lepra und Tuberkulose. Angespornt von ihrem Glauben trotzt die Christin allen Schwierigkeiten.

Von Arne Bänsch Veröffentlicht:
Die Ärztin Christine Schmotzer (r.) operiert einen Patienten im Leprakrankenhaus.

Die Ärztin Christine Schmotzer (r.) operiert einen Patienten im Leprakrankenhaus.

© Arne Immanuel Bänsch / picture alliance

Rawalpindi. Leicht gebückt setzt sich ein Herr mit grauen Barthaaren auf den Hocker. Starker Husten, blutiger Auswurf, klagt der Mann in der Praxis. Christine Schmotzer hält ein Röntgenbild seiner Lunge gegen das kühle Fensterlicht. „Das ist jetzt der Moment, wo man besser eine Maske trägt“, sagt die Ärztin. „Verdacht auf multiresistente Tuberkulose.“ Sie lässt den Mann in der bekannten Klinik nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad aufnehmen.

Für Christine Schmotzer ist das Alltag. Seit 33 Jahren widmet sich die Ärztin aus dem fränkischen Hersbruck schon der Behandlung von Lepra, Tuberkulose und Hautkrankheiten. Nach ihrem Studium in Heidelberg bildete sich die Fachärztin für Gynäkologie zunächst in Äthiopien weiter. Für Schmotzer, die vor Jahrzehnten der Schwesternschaft der Christusträger beitrat, war es keine schwierige Entscheidung, nach Pakistan zu kommen. Sie wollte helfen. „Als mich eine meiner Schwestern bat, hierher zu kommen, war klar, dass ich das gerne tun würde“, erzählt die 65 Jahre alte Ärztin mit einem Lächeln.

Bundesverdienstkreuz für Ärztin

Das ursprünglich in der Kolonialzeit gebaute Hospital in Rawalpindi ist ein Ruheort für die Kranken. Nach dem kurzen Winter sitzen viele Patienten draußen auf Teppichen an den von Bäumen gesäumten Pfaden. So verringere sich auch das Ansteckungsrisiko erzählt Schmotzer, die hier „Schwester Chris“ genannt wird. Hinter den Mauern des grünen Krankenhausareals ist kaum etwas zu spüren vom wuseligen Alltag der staubigen Millionenmetropole. Nicht einmal das ständige Hupen der Autos und Motorräder ist hier zu hören. Ihre Arbeit geht weit über die Mauern hinaus. So arbeitet Schmotzer auch in Außenstationen und bildet landesweit junge Medizinerinnen und Mediziner weiter.

150.000 Patienten kommen jährlich in die Klinik, die sich vor allem durch Spenden der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe, des Hilfswerks Misereor und lokale Zuwendungen finanziert. Nur wenige Jahre nach ihrer Ankunft in Pakistan hatte Schmotzer hier die Leitung übernommen. Für ihr jahrzehntelanges Engagement erhielt sie im Dezember das Bundesverdienstkreuz.

Heute behandeln hier fünf Ärztinnen und Ärzte neben den wenigen Fällen von Lepra vor allem Tuberkulose und Hautkrankheiten. Auch eine Augenklinik und regelmäßige Besuche in ländlichen Gebieten gehören dazu.

„Tuberkulose ist ein großes Gesundheitsproblem“, sagt Schwester Chris. Nicht nur in Pakistan, auch weltweit verursacht kaum eine Infektionskrankheit mehr Todesfälle, obwohl sie in der Regel gut behandelt werden kann. Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung trägt den Erreger in sich, der die Lunge und andere Organe befallen kann. Während bei vielen Menschen das Immunsystem den Erreger in Schach hält, wird die hochansteckende Krankheit vor allem bei Menschen mit schwachem Immunsystem zur Gefahr. Rund eine halbe Million Menschen stecken sich in Pakistan jährlich damit an. Gründe gibt es viele dafür.

Stigma Tuberkulose

„Ich bin immer wieder erstaunt, dass Tuberkulose ein so hohes Stigma hat“, erzählt die Ärztin. Immer noch gäbe es Familien, in denen eine Infektion mit der Krankheit zu Ausgrenzung führt. Dazu kämen die schlechte medizinische Versorgung in weiten Landesteilen, Armut und beengte Wohnverhältnisse. „Das Stigma verhindert die Diagnose“, sagt Schmotzer. „Menschen zögern, weil sie die typischen Symptome nicht offenbaren wollen.“ Stattdessen werde eine Erkrankung innerhalb der Familie oft lieber verheimlicht. Daher gehöre zu ihrer Arbeit auch, das Umfeld in die Behandlung mit einzubinden.

Pakistan hat in den vergangenen Jahrzehnten einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht. Lebenserwartung und Wohlstand sind gestiegen, doch nicht bei allen der rund 220 Millionen Landesbewohner ist der Fortschritt angekommen. Durch die Corona-Pandemie sind viele Menschen arbeitslos geworden, etwa 40 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Die Therapie von Tuberkulose ist in dem südasiatischen Land kostenlos. Die Klinik selbst fordert nur geringe Beträge, auch weil so viele Patienten von Armut betroffen sind. Problematisch sei vor allem, dass viele Patienten mit Tuberkulose noch andere Krankheiten hätten, Diabetes etwa – dessen Behandlung in Pakistan teurer ist.

Christine Schmotzer

Christine Schmotzer

© Arne Immanuel Bänsch / picture alliance

Lepra, Tuberkulose – das seien auch Krankheiten der Armen, erklärt Schwester Chris. Viele Patienten kämen unterernährt an. „Wir geben ihnen zwei zusätzliche Mahlzeiten pro Tag, denn wenn sie wieder zu Kräften kommen und sich besser fühlen, ist auch die Familie glücklich.“ Eine erfolgreiche Behandlung führe schließlich zu mehr Vertrauen. „Das ist es, was mich wirklich glücklich macht. Wenn ich sehe, dass Patienten selbst Werbung für eine Behandlung machen.“ Im hinteren Bereich der Klinik, neben Bäumen und Feldern liegt der Trakt für die hochansteckenden Patienten mit multiresistenter Tuberkulose. Selbst die Ärzte untersuchen trotz professioneller Schutzmasken hier nur im Freien. Patienten mit resistenten Keimen bereiten den Ärzten in Pakistan große Sorgen. Ein Grund sind etwa Tabletten von schlechter Qualität, die zu Resistenzen führen.

Etwa zwei Monate bleiben die Patienten im Schnitt in der Klinik mit ihren rund 100 Betten, wie die Ärztin erklärt. Dann seien sie gewöhnlich nicht mehr ansteckend. Danach kommen sie aber regelmäßig in das Krankenhaus, um sich ihre Medikamente abzuholen. Mehr als ein Jahr müssen die Patienten oft ihre Mittel einnehmen. Die Therapien, die zu Beginn häufig mit unangenehmen Nebenwirkungen der Medikamente einhergehen, werden jedoch nicht immer komplett durchgehalten. So erkranken manche Patienten erneut.

Fixpunkt ist der christliche Glaube

Unzähligen Menschen hat Christine Schmotzer bereits geholfen. Dabei hilft ihr auch der christliche Glaube, den sie als Fixpunkt in ihrem Leben erklärt. Mit zwei anderen Frauen der Schwesternschaft lebt sie in einer Gemeinschaft. „Wenn man in einem anderen Land oder in einer anderen Kultur ist, muss man einen offenen Geist haben und die Dinge so sehen, wie sie sind“, erzählt die 65-Jährige. Die Landessprache Urdu beherrscht sie perfekt. „Auf der anderen Seite muss man sich auch seiner eigenen Wurzeln und Lebensgrundlage bewusst sein.“

Das Land ist mehrheitlich muslimisch, pakistanische Christen eine oft vernachlässigte Minderheit. Doktor Chris, die jedes Jahr in die Heimat nach Deutschland fliegt, denkt nicht ans Aufhören. „Eine der großen Stärken der Kultur in diesem Land ist die Höflichkeit und die Gastfreundschaft“, sagt die Ärztin. „Jeder erlebt Situationen, in denen die Dinge nicht so sind, wie man sie gerne hätte. Aber es war immer etwas, bei dem ich vielleicht schon am nächsten Tag oder nach einer Woche dachte: Okay, gut, machen wir weiter.“ (dpa)

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Claus F. Dieterle

Schwester Chris erklärt den christliche Glauben als Fixpunkt in ihrem Leben. Das ist gut so im Hinblick auf Matthäus 10,32.33. Viele bezeichnen sich als Christen, aber ihnen fehlen die Taten (Jakobs 2,20).


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