Corona-Pandemie

Spahn: Ambulante Struktur essenziell für Krisenbewältigung

Lob für die Niedergelassenen und das KV-System: Bei seinem Besuch der KV Hamburg hob Spahn die Bedeutung der ambulanten Strukturen für die bislang gute Krisenbewältigung hervor. Gerade die regionale Vielfalt sei alles andere als ein Nachteil.

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU, l) spricht mit Mitarbeitern des Hamburger Arztrufs.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU, l) spricht mit Mitarbeitern des Hamburger Arztrufs.

© Xander Heinl/photothek.net/dpa

Hamburg. Die Arbeit der niedergelassenen Ärzte und die dezentrale KV-Struktur sind nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wesentliche Gründe, weshalb Deutschland die Corona-Krise bislang gut gemeistert hat. Eine akute Schwachstelle des ambulanten Systems in der Corona-Krise fiel ihm beim Besuch der KV Hamburg nicht ein – allerdings ist es für eine Bilanz nach seiner Ansicht auch noch viel zu früh.

Bislang hat Spahn eine „hohe Professionalität und Flexibilität“ bei den niedergelassenen Ärzten und ihren Angestellten ausgemacht. Dass zwischen den Bundesländern und KV-Regionen Unterschiede im Umgang mit der Krise im ambulanten Bereich herrschen, hält Spahn keineswegs für einen Nachteil. „Wir haben unterschiedliche Konzepte mit dem gleichen Ziel – und das macht uns stark“, sagte Spahn im Hamburger Ärztehaus. Als Beispiel nannte er den Hamburger Arztruf, dessen Arbeit ihm zuvor vorgestellt wurde. Der Arztruf ermöglicht, dass eine Mehrheit der Infizierten zu Hause aufgesucht werden können und diese vor der Diagnose nicht als Verdachtsfälle in der Öffentlichkeit erscheinen.

60 Prozent der Infizierten vom Arztruf getestet

Nach Angaben von KV-Chef Walter Plassmann sind in der Hansestadt 60 Prozent der bislang rund 4000 nachweislich Infizierten vom Arztruf getestet worden. Sie konnten mit dem Zeitpunkt des Verdachts zu Hause auf den erforderlichen Abstrich warten und kamen somit nicht mehr mit Menschen außerhalb der Familie in Kontakt, wenn sie sich an die Empfehlungen hielten.

„Ich diskutiere lieber über Kurzarbeit als über ein überlastetes Gesundheitssystem.“

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Das funktionierende ambulante System war aus Spahns Sicht auch wichtig, damit sich die Krankenhäuser auf die schwierigen COVID-19-Fälle konzentrieren können. Dass es dort genauso wie in manchen Arztpraxen z.T. zu Leerlauf und überschüssigen Kapazitäten bis hin zur Beantragung von Kurzarbeit kam, hält er im Einzelfall zwar für bedauerlich, in der Gesamtschau aber eher für ein gutes Zeichen: „Ich diskutiere lieber über Kurzarbeit als über ein überlastetes Gesundheitssystem.“

Langsam Regelbetrieb wieder hochfahren

Nach seiner Überzeugung muss es in den kommenden Tagen und Wochen darum gehen, im ambulanten und stationären Bereich den Regelbetrieb wieder hochzufahren. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an die zahlreichen verschobenen elektiven Eingriffe und an die dringend erforderlichen Behandlungen von chronisch kranken Menschen. Zugleich müsse das Gesundheitssystem aber eine ausreichende „Reserve“ für die Behandlung der Patienten mit COVID-19 vorhalten.

Jens Spahn (2.v.r) wirft einen Blick in den Callcenter des Hamburger Arztrufs.

Jens Spahn (2.v.r) wirft einen Blick in den Callcenter des Hamburger Arztrufs.

© Xander Heinl/photothek.net/dpa

Für den ambulanten Bereich erwartet der Vorsitzende der Hamburger KV-Vertreterversammlung, Dr. Dirk Heinrich, bei diesem Spagat keine Probleme. Nach der erfolgten Umorganisation und der Etablierung von Schutzmaßnahmen in den Arztpraxen werden die Patienten nach seiner Beobachtung zunehmend sicherer im Umgang mit der Situation und werden die normalen Sprechstunden in Kürze wieder füllen.

Spahn und KV-Chef versprechen Hilfe für Praxen

Praxen, in denen der ausbleibende Patientenandrang zu hohen Umsatzeinbußen führt, versprachen Spahn und Plassmann Hilfe aus dem aufgelegten Hilfsprogramm. „Wenn eine Praxis ins Schlingern geraten ist, weil die Patienten ausgeblieben sind, kann ihr geholfen werden“, ist Plassmann überzeugt.

Für das seit Wochen drängende Problem der fehlenden Schutzkleidung wollten weder Plassmann noch Heinrich einen Vorwurf an die Behörden richten. „Wir sind kein Logistikunternehmen und die Behörde ist es auch nicht. Das war für uns alle neu“, sagte Plassmann. Solche und weitere Mängel will Spahn in Ruhe mit den Beteiligten besprechen, wenn die Krise überwunden ist: „Wenn wir es überstanden haben müssen wir besprechen, welche Strukturen wir brauchen und wie wir noch besser reagieren können.“

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