Alternativer Drogenbericht vorgestellt

Suchtforscher fordern kontrollierte Abgabe illegaler Substanzen

Deutschlands Drogenpolitik setzt zu sehr auf Strafverfolgung statt Betroffenen zu helfen, monieren die Autoren des Alternativen Drogen- und Suchtberichts. Der Bundesregierung empfehlen sie, einen drogenpolitischen Fachbeirat einzuberufen.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht: 07.10.2020, 13:23 Uhr
Drogenkonsumraum in Hamburg. Solche Räume retteten jährlich Hunderte Menschenleben, sagen Suchtforscher.

Drogenkonsumraum in Hamburg. Solche Räume retteten jährlich Hunderte Menschenleben, sagen Suchtforscher.

© Christophe Gateau/dpa

Berlin. Suchtforscher haben eine Kehrtwende in der Drogenpolitik gefordert. Diese müsse sich endlich von der Devise „schützen statt strafen“ leiten lassen, sagte der Direktor des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences, Professor Heino Stöver, bei der Vorstellung des 7. Alternativen Drogen- und Suchtberichts am Mittwoch vor Journalisten in Berlin.

Die Politik der Strafverfolgung bei Drogenkonsum sei „ein schädlicher Kampf gegen Windmühlen“, kritisierte Stöver. Betroffene würden „marginalisiert statt unterstützt“ – oft mit tödlichem Ausgang“.

Schädlicher Kampf

Der Alternative Drogen- und Suchtbericht erscheint seit 2014. Er versteht sich als „konstruktiv-kritische Ergänzung“ zum Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Herausgegeben wird die Studie vom Bundesverband akzept und der Deutschen Aidshilfe.

Um die hohe Zahl der Todesfälle durch legale und illegale Drogen zu senken sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgekosten von Sucht zu reduzieren, müssten Ansätze der „Schadensminimierung“ beim Drogenkonsum überall verfügbar gemacht werden, forderte Stöver, der auch Vorstandschef von akzept ist. Strategien der „Schadensminimierung“ seien bei illegalen Substanzen bereits erfolgreich.

Drogenkonsumräume etwa retteten jährlich Hunderte Leben, führte der Suchtforscher aus. Im Zuge der Vergabe sauberer Spritzen an Heroinabhängige sei die Zahl der HIV- und Hepatitis-Infektionen stark gesunken. Hilfreich seien auch Informationen über weniger riskante Konsumformen. Dank solcher Maßnahmen rauchten heute mehr Abhängige ihre Drogen, statt sie zu spritzen.

„Abstinenz ist nicht alles“

Von diesen Erfolgen gelte es auch mit Blick auf „Alltagsdrogen“ wie Alkohol und Tabak zu lernen, so Stöver. Aufklärung und Therapie zielten hier zumeist darauf ab, dass Abhängige ganz mit dem Rauchen oder Trinken aufhörten. Abstinenz sei aber nicht alles. „Neben der klassischen Prävention müssen wir auch bei Alkohol und Tabak Alternativen anbieten.“ Nötig seien etwa mehr Angebote zum „kontrollierten Trinken“.

Darüber hinaus sprechen sich die Autoren des Alternativen Drogenberichts für die staatlich regulierte Abgabe bisher illegaler Substanzen aus. Eine kontrollierte Abgabe könne den kriminellen Drogenhandel eindämmen, Menschen vor den Gefahren der Illegalität bewahren und den Jugend- und Verbraucherschutz stärken. Je nach Substanz könne die Abgabe über Fachgeschäfte oder das Medizinsystem erfolgen.

Illegalen Handel austrocknen

Polizei und Justiz könnten auf diese Weise „enorme Ressourcen“ sparen, sagte Dr. Bernd Werse vom Centre for Drug Research an der Goethe-Universität Frankfurt. Das gelte insbesondere für die Strafverfolgung von Cannabis-Konsumenten. Vergangenes Jahr seien 186.000 Delikte im Zusammenhang mit dem Konsum verfolgt worden.

„Millionen Menschen, darunter viele junge, konsumieren Cannabis, nicht wenige machen auch Erfahrungen mit anderen Drogen“, sagte Werse. Die meisten entwickelten jedoch keine „nennenswerten Probleme“. „Es ist vor allem das Strafrecht, das oft Leben oder Karrieren zerstört“, warnte der Experte.

Mehr Mittel für Suchtprävention

Eine regulierte Abgabe der Substanzen würde Konsumenten „Produktsicherheit“ bieten und „Milliarden Euro für sinnvolle Präventions- und Behandlungsangebote freisetzen“, zeigte sich Werse überzeugt.

Der Bundesregierung empfehlen die Suchtforscher zudem, einen „drogenpolitischen Fachbeirat“ einzusetzen. Dieser könne die Drogenbeauftragte bei ihren Vorhaben und Entscheidungen beratend unterstützen. Frankreich und die Schweiz verfügten bereits über solche Gremien.

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