Interview zum Niels H.-Prozess

„Warnzeichen wurden ignoriert“

Den Fall Niels H. als monströsen Einzelfall darzustellen hält Professor Karl H. Beine für ein Ablenkungsmanöver.

Von Christian Beneker Veröffentlicht: 29.03.2019, 05:34 Uhr

Professor Karl H. Beine: Ärzte und Pflegende verlassen sich 100-prozentig aufeinander und müssen das auch. Allerdings fallen Unregelmäßigkeiten dann auch leichter durchs Raster. Fehler und Auffälligkeiten werden nicht offen angesprochen, weil die Ärzte und Pflegenden ihren Kollegen nicht misstrauen wollen.

Statt zur Klärung von Fehlern können auffällige Handlungen am Patienten dann dazu führen, dass die Gemeinschaften noch enger zusammenwachsen. Ich will hier nicht von Korps-Geist sprechen. Aber man findet solche Gemeinschaften auch zum Beispiel bei der Polizei und überhaupt häufiger da, wo es um Leben und Tod geht.

Die Kollegen können es sich einfach nicht vorstellen, ….

Beine: … dass so etwas Ungeheuerliches geschieht, genau: Dass da ein jahrelang Vertrauter Patienten schädigt oder gar tötet! Pflegende haben ja ihren Beruf ergriffen, um zu schützen und zu helfen.

Müssten die Pflegenden also misstrauischer sein? Es waren ja nicht die ersten Patiententötungen.

Beine: Bei den Tötungen in Oldenburg und Delmenhorst reden wir tatsächlich über die neunte Mordserie im deutschsprachigen Raum seit 1975. So wurden zum Beispiel im Sommer 2018 zwei Altenpfleger und eine Pflegerin in Rheinland-Pfalz wegen Mordes verurteilt, die alte Menschen gequält und getötet haben. Abgesehen von den Taten von Herrn H. zählen wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1975 mindestens 110 Patienten-Tötungen.

Wir müssen Phänomenen wie in Oldenburg und Delmenhorst mehr Aufmerksamkeit schenken und verstehen: Es geht nicht um mehr Misstrauen. Sondern darum, dass wir uns verabschieden von der Illusion, so etwas könnte nur woanders vorkommen, bei uns aber nicht. Die begünstigenden Faktoren für diese langen Tatzeiträume und die hohen Opferzahlen müssen klar benannt werden.

Die Patientensicherheit muss Priorität haben und nicht der befürchtete Imageschaden. Es genügt nicht, dass politisch Verantwortliche vor die Kameras treten und von monströsen Einzelfällen sprechen, gegen die man sich nicht schützen kann. Niemand kennt die Dunkelziffer. Das sind Ablenkungsversuche.

Ablenkungsversuche – wovon?

Beine: Vom Pflegenotstand, der Hetze in den Krankenhäusern, mit weniger Zeit für mehr Patienten. Dadurch werden die Mitarbeiter auf den Stationen anfälliger für Fehler. Denn wer ständig am Limit arbeitet, der schaut nicht nach rechts und links. Der ist froh, wenn er seine ureigensten Aufgaben erledigen kann. Dem fehlen Kraft und Zeit für genaue Beobachtungen, fürs Zuhören und für den Austausch.

Wer gestresst ist, wird zum Mörder oder verschwiegenem Mitwisser?

Beine: Niemand wird allein wegen Stress am Arbeitsplatz zum Mörder oder Mitwisser. Aber wenn Auffälligkeiten übersehen und Warnzeichen ignoriert werden und der Gang zur Polizei unterbleibt, weil negative Schlagzeilen vermieden werden sollen, dann kostet das Menschenleben. In Oldenburg hat niemand H. direkt angesprochen. Da wurden gravierende Warnzeichen kleingeredet und zugedeckt.

Damit wären ja praktisch alle Krankenhausstationen gefährdet, Unregelmäßigkeiten zu übersehen.

Beine: Wir brauchen auf jeden Fall mehr Pflegepersonal und mehr Entlastung von bürokratischen Anforderungen, um mehr Zeit für den Patienten zu haben. Und über die strukturellen Maßnahmen hinaus soll das Personal systematisch geschult werden: Was sind Frühwarnzeichen, zum Beispiel eine verrohte Sprache, die Persönlichkeitsveränderung eines Kollegen oder gar ein verdächtiger Spitzname.

H. hieß schon in Oldenburg „Sensen-H.“, lange bevor er Jahre später verhaftet wurde. Da ist besonders Führung gefordert, sie muss präsent sein und Probleme ansprechen.

Wenn es auf den Stationen offenbar mitunter an Zuwendung fehlt – wer wendet sich eigentlich den Pflegenden und Ärzten zu?

Beine: Es wird höchste Zeit, dass Pflegende und Ärzte spüren, dass ihre Arbeit respektiert und wertgeschätzt wird. Die Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die unmittelbar Patientinnen und Patienten versorgen, sind ins Hintertreffen geraten.

Wir erleben jetzt, dass die Politik, dass die Personalknappheit und die Verhältnisse in den Kliniken zum öffentlichen Thema werden. Diese Art von Zuwendung ist ein erster kleiner Schritt.

Professor Karl H. Beine

  • Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St. Marien-Hospital in Hamm
  • Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Witten/Herdecke
  • Buchveröffentlichungen zu den Themen Patiententötungen in Kliniken und Heimen

Lesen Sie dazu auch: Niels H.-Prozess: Schluss mit Angst, Frust und Ignoranz

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