Internationales Ranking

Warum Vergleiche von Gesundheitssystemen oft hinken

Obacht beim internationalen Vergleich von Gesundheitssystemen, warnen Gesundheitsexperten. Ihr Rat: Nicht so schnell "ranken".

Von Dr. Florian Staeck Veröffentlicht: 07.07.2017, 08:45 Uhr

BERLIN. Andorra als das Land mit dem besten Gesundheitswesen, Deutschland auf Platz 20 – hinter Griechenland und Slowenien. Als im Mai im "Lancet" eine Analyse der Gesundheitssysteme in 195 Ländern erschien, runzelten hierzulande viele Experten die Stirn. Das Forscherteam unter der Leitung von Christopher Murray von der University of Washington in Seattle nahm die Todesraten bei bestimmten Krankheiten unter die Lupe, nicht das Gesundheitswesen eines Landes als Ganzes. Doch was taugt der Index, der für jedes Land ermittelt wurde?

Leistungsbewertungen von Gesundheitssystemen im internationalen Vergleich sind alles andere als trivial, sagte der Gesundheitsökonom Professor Reinhard Busse von der TU Berlin beim Hauptstadtkongress. Wissenschaftler seien sich inzwischen – weitgehend – einig, was ein gutes Gesundheitssystem ausmache, so Busse: ein angemessener Zugang der Patienten, hohe Qualität, Effizienz und gute Ergebnisse bei der Patientenorientierung.

Busse hat mit Co-Autoren kürzlich eine eigene vergleichenden Erhebung im "Lancet" publiziert (DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(17)31280-1). Es gebe eine Vielzahl an Indikatoren und Daten, von denen auch nicht alle regelmäßig und standardisiert erhoben werden. Dennoch sei klar, "dass unser System nicht so gut ist, wie viele denken oder behaupten", sagte Busse. Deutschland erhalte beim Umfang des Leistungskatalogs und bei der Patientenorientierung gute Noten.

Doch schon beim Vergleich der Entwicklung der medizinisch vermeidbaren Mortalität schneidet Deutschland in einem Vergleich von 28 Ländern nur noch mittelmäßig ab – Platz 14. Auch wenn für den Zeitraum 2000 bis 2014 die medizinisch beeinflussbare Mortalität mit den Ausgaben ins Verhältnis gesetzt wird, schneiden andere Länder deutlich besser ab als Deutschland. Sie haben pro eingesetztem Euro mehr Sterblichkeit vermieden. Die schlechtesten Noten verbuchen bei diesem Vergleich die USA. Gefragt seien eine selbstkritische Leistungsbewertung und die Anerkennung, "dass es woanders vielleicht besser ist", forderte Busse.

Thomas Renner vom Bundesgesundheitsministerium sieht Chancen und Fallstricke bei internationalen Leistungsvergleichen. Ein Problem sei fast immer die eingeschränkte Auswahl an Indikatoren, die für einen Vergleich herangezogen werden. Zudem gebe es viele externe Faktoren, die sich dem Gesundheitswesen nicht zuordnen lassen. So schnitten etwa auch in der "Lancet"-Studie vor allem südliche Länder mit geringeren Prävalenzraten besser ab als Deutschland. Nach Renners Ansicht "ranken" viele Leistungsbewertungen zu schnell "und diskutieren Ursachen für Auffälligkeiten nicht ausreichend".

Dr. Bernhard Gibis, Leiter des Dezernats Ärztliche Leistungen und Versorgungsstruktur der KBV, erinnerte, jeder methodische Ansatz gehe mit Limitationen einher. "Es gibt keinen Goldstandard", so Gibis. Er mahnte, sich bei Vergleichen Mortalitäts- und vor allem Versorgungsdaten "genau anzuschauen". Gleichwohl stehe den Verfechtern des deutschen Gesundheitssystems "ein bisschen Deutungsdemut gut an". Auch Franz Knieps, Leiter des BKK-Dachverbands, zeigte sich erfreut, dass hierzulande die "kulturelle Neigung abnimmt, jeden Vergleich abzulehnen, bei dem wir nicht auf Platz 1 stehen".

Lesen Sie dazu auch: Global Health: Die deutsche Rolle wächst

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