OECD-Bericht

Was eine gute Primärversorgung ausmacht

Die OECD hält ein flammendes Plädoyer für eine teamorientierte, digital unterstützte Primärversorgung. Ein Trend dahin ist in den OECD-Staaten nur ansatzweise zu sehen.

Von Florian Staeck Veröffentlicht: 09.06.2020, 16:25 Uhr
Was eine gute Primärversorgung ausmacht

Arbeit in multiprofessionellen Teams: Das ist eines der Kernanliegen der OECD für eine moderne primärärztliche Versorgung.

© lenetsnikolai / stock.adobe.com

Berlin. Die Potenziale einer primärärztlichen Versorgung der Bevölkerung ist in den OECD-Staaten noch längst nicht ausgeschöpft. Das ist die Kernbotschaft des neuen OECD-Berichts „Realising the potential of primary care health care“. Die COVID-19-Pandemie habe die Aktualität dieser Botschaft nochmals vor Augen geführt. Eine gut funktionierende primärärztliche Versorgung „kann Leben retten und Geld sparen“.

Allerdings erodieren die Grundlagen für eine solche Versorgung, heißt es in dem Report. Über alle OECD-Länder hinweg sind nur rund 30 Prozent der Ärzte in den Ländern in diesem Versorgungsbereich tätig. Zwischen 2000 und 2017 ist in Australien, Großbritannien, Dänemark, Israel, Estland und Irland der Anteil der in der primärärztlichen Versorgung tätigen Ärzte um mehr als 20 Prozent gesunken. Für Deutschland wird dieser Wert mit rund 14 Prozent angegeben.

Mangelhafte Koordinierung der Versorgung

Ein anderer Indikator für bislang unausgeschöpfte Potenziale ist die Häufigkeit von Patienten, die über Kommunikationsmängel oder fehlende Koordinierung zwischen Versorgungssektoren berichten. In Norwegen, den USA und Schweden trifft dies demnach auf über 45 Prozent der Patienten zu. Deutschland wird hier als Positivbeispiel hervorgehoben, da sich „nur“ 29 Prozent der Patienten darüber beschweren.

Für die Definition von „Primary health care“ verweist die OECD auf die im Oktober 2018 gefasste Astana-Deklaration. Danach sollte diese Versorgung gemeindebezogen oder ortsnah (community oriented), kontinuierlich, umfassend und koordiniert stattfinden. Eine stark in den nationalen Versorgungssystemen verankerte primärärztliche Versorgung ist dem Bericht zufolge mit vielen Vorteilen verbunden.

Sie erhöhe insbesondere die Wahrscheinlichkeit, dass auch vulnerable Patientengruppen Zugang zur Versorgung erhalten. Und diese variiert in den OECD-Ländern mit dem Einkommen beträchtlich: Durchschnittlich 67 Prozent der Gruppe mit geringem Einkommen haben in den vergangenen zwölf Monaten einen Allgemeinarzt aufgesucht. Bei gut verdienenden Menschen waren es hingegen im Schnitt 72 Prozent. Noch viel höher sind die einkommensbezogenen Unterschiede, wenn es beispielsweise um die Konsultation eines Facharztes geht (zwölf Prozentpunkte) oder die Teilnahme von Frauen am Brustkrebs-Screening (13 Prozentpunkte).

Mehr Kuration, weniger Prävention

Ebenfalls viel Luft nach oben sehen die OECD-Autoren bei der Vermeidung von Krankenhauseinweisungen – dies gilt insbesondere für Erkrankungen, die durch Prävention ganz überwiegend als vermeidbar angesehen werden wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche, COPD und Asthma. 5,8 Prozent der Krankenhausbetten in OECD-Ländern sind im Jahr 2016 für Patienten mit mindestens einer dieser fünf Krankheitsbilder belegt worden.

Auch andere Indikatoren sind nach Auffassung der OECD-Autoren ein Beleg für eine bisher unzureichend personell und finanziell ausgestattete primärärztliche Versorgung. So habe sich etwa das Verhältnis von kurativen und präventiven Tätigkeiten in der Primärversorgung immer mehr in Richtung Kuration verschoben. Der Rückgang von Präventionsaktivitäten wird für den Zeitraum von 1993 bis 2012 mit durchschnittlich 13 Prozent angegeben. In einigen OECD-Staaten, so etwa in Italien, Finnland oder Ungarn, hat sich demnach der Umfang präventiver Tätigkeit im genannten Zeitraum sogar fast halbiert.

Wie Primärversorgung gestärkt werden kann

Drei Forderungen leitet die OECD aus ihrem Report ab:

  • Neue Modelle der Versorgung: Als vielversprechend werden Formen primärärztlicher Versorgung bewertet, in den multiprofessionelle Teams arbeiten, die – durch digitale Werkzeuge unterstützt – eine integrierte Versorgung über Sektorengrenzen hinweg anbieten können.
  • Finanzielle Anreize: Elf OECD-Staaten haben im Jahr 2018 bereits diese Form der Primärversorgung finanziell gefördert, erwähnt werden als Beispiel Israel, Mexiko und Großbritannien. 15 Staaten, unter ihnen Chile und die Niederlande, setzten dafür auch auf Pay-for-performance-Mechanismen, bei der sich Vergütung unter anderem an der Erreichung bestimmter Versorgungsziele orientiert.
  • Größere Rolle für Patienten: Die „Koproduktion“ von Gesundheit werde künftig in wachsendem Maße durch das Selbstmanagement von Krankheiten bestimmt. Digitale Werkzeuge werden bei der Begleitung von Patienten eine zunehmende Bedeutung bekommen.
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