Internationale Einblicke

Andere Länder, gleicher Ärztemangel

Wie gehen andere Länder mit dem Medizinermangel um – in einer Gesellschaft mit älter werdenden, multimorbiden Patienten? Ein Beispiel aus Kanada.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Teams statt Einzelkämpfer – so lautet die Devise im kanadischen Toronto.

Teams statt Einzelkämpfer – so lautet die Devise im kanadischen Toronto.

© manop1984 / Getty Images / iSock

BERLIN. Kanada steht wie viele andere große Industrienationen vor einem Problem: Wie können Gesundheits- und Sozialpolitik ein würdevolles Altern und eine adäquate Gesundheitsversorgung in einem riesigen Flächenstaat gewährleisten? Die politischen Prämissen und Maximen beschrieb Dr. Thuy-Nga Pham, ärztliche Leiterin des South East Toronto Family Health Teams, beim Kongress des Bundesverbandes Managed Care in Berlin so:

  • Vorrang für die Bedürfnisse der Patienten,
  • „Nichts über mich ohne mich“
  • Jeder Patient ist ein ganz eigener Patient.

Das erfordere Teamversorgung, nicht Einzelkämpfertum. Die Teamstrukturen seien weitaus umfassender und komplexer als das, was in Deutschland in Medizinischen Versorgungszentren üblicherweise organisiert ist. So bestehe das Family Health Team in Ost-Toronto, wo rund 300.000 Menschen lebten, aus 24 auch in Teilzeit arbeitenden Ärzten, sowie 24 hochqualifizierten Pflegekräften, Apothekern, Spezialisten und Case-Managern. Zwingend notwendig sei für die Versorgung multimorbider Patienten ein „Kümmerer“ oder Krisen-Manager, so Dr. Pham.

Schwestern mit mehr Aufgaben

Charakteristisch für das kanadische Versorgungsmodell sei der hohe Stellenwert der Nurses, die ein weitaus komplexeres Arbeitsgebiet als in Deutschland bewältigten. Sie begleiteten Ärzte bei Hausbesuchen, seien verantwortlich, Hilfebedarf und häusliche Versorgung zu organisieren oder die Palliativversorgung einzuleiten und sicherzustellen.

Ein weiteres Merkmal sei ein rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche verfügbarer Ansprechpartner – ein „single point of access“, der aus einer Hand zügig patientenindividuelle Probleme bewältigen könne.

Differenziert werde in Kanada die Rolle der Telemedizin betrachtet: Sie sei sinnvoll, wenn der Arzt den Patienten kenne, seine Daten verfügbar habe und deswegen beim telemedizinischen Kontakt zuverlässig einschätzen könne, ob auch ein persönlicher physischer Kontakt notwendig sei.

Eine besonders wichtige Voraussetzung für eine produktive Telemedizin sei die kontinuierliche persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patient, berichtete Pham. Denkbar sei auch die Einbeziehung von Psychiatern und Geriatern in telemedizinische Versorgungsmodelle.

Wie stabil solche Modelle sind, sei auch abhängig von gesundheitspolitischen Einflüssen. Wichtig für diese Teams wären zudem Führungspersönlichkeiten. Zu den Voraussetzungen dafür, dass Teams funktionieren und die an sie gestellten Ansprüche erfüllen können, zählt Pham: die Einbeziehung der Gemeinden und der Sozialarbeit, dass Ärzte Führungspositionen übernehmen, eine Qualitätsmessung auf Einrichtungsebene sowie den Einsatz von Informationstechnologien und intersektoraler Datenteilung.

Voraussetzungen für ein funktionierendes Team:

  • Einbeziehung der Gemeinden und der Sozialarbeit
  • Übernahme von Führungspositionen durch Ärzte
  • Qualitätsmessung auf Einrichtungsebene
  • Einsatz von Informationstechnologien und intersektoraler Datenteilung
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