Berufskrankheiten: Wenig Fortbildung, aber eine Meldepflicht für den Hausarzt

Bei mehr als sechs Todesfällen aufgrund von Berufskrankheiten pro Tag, ist es wichtig, dass auch Hausärzte Berufskrankheiten möglichst schnell erkennen. Sie können sich jetzt mit Merk- und Diagnoseblättern selbst weiterhelfen.

Rebekka HöhlVon Rebekka Höhl Veröffentlicht:
Maler zählen zwar nicht zu den typischen Knie-Berufen, trotzdem kann auch bei ihnen Gonarthrose berufsbedingt auftreten.

Maler zählen zwar nicht zu den typischen Knie-Berufen, trotzdem kann auch bei ihnen Gonarthrose berufsbedingt auftreten.

© Amith / Fotolia.com

In der hausärztlichen Fort- und Weiterbildung spielen Berufskrankheiten eher eine untergeordnete Rolle. Vielleicht ein Fehler, denn auch hier ist der Hausarzt meist erster Ansprechpartner für Patienten. Und auch für den Hausarzt besteht die Pflicht, Berufskrankheiten zu melden (Paragraf 202 SGB VII). Immerhin versucht das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), hier etwas entgegenzusteuern: mit Merkblättern zu den einzelnen, anerkannten Berufskrankheiten.

Und hier hat das BMAS nun auch die Merkblätter für die fünf neuen Berufskrankheiten (wir berichteten), die seit Sommer letzten Jahres von den Berufsgenossenschaften und Unfallversicherern anerkannt werden müssen, für Ärzte aufgearbeitet. Zur Erinnerung, die neuen Berufskrankheiten sind: Gonarthrose durch eine Tätigkeit im Knien oder vergleichbarer Kniebelastung; Lungenfibrose durch extreme, langjährige Einwirkungen von Schweißgasen und Schweißrauchen; Erkrankungen des Blutes durch Benzol; Lungenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und das Zusammenwirken von Asbestfasern und PAK.

Die Merkblätter können eine echte Hilfe im Praxisalltag sein, da sie zunächst einmal Hinweise darauf geben, wo Gefahrenquellen im Beruf lauern und welche Berufsgruppen besonders gefährdet sind. Wer den Beruf seiner Patienten kennt, kann also gezielt nach möglichen Gefahrenquellen fragen. Lungenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe kann etwa auch Dachdecker, Kfz-Schlosser oder Schuhmacher treffen.

Bei der Gonarthrose durch eine Tätigkeit im Knien oder vergleichbare Kniebelastung ist das BMAS noch weiter gegangen und bietet grafische Darstellungen, die zeigen, welche Arbeiten im Knien, Hocken, Kriechen oder im Fersensitz die Berufskrankheit auslösen können. Und auch hier gilt: Nicht nur die typischen Knie-Berufe wie Fliesenleger sind betroffen, sondern auch Berufe wie Maler und Rangierer.

Gleichsam detailliert beschreiben die Merkblätter das Krankheitsbild und die Diagnose. Die Gonarthrose wird zum Beispiel in vier Schweregrade unterteilt: von einer fraglichen Verschmälerung des Kniegelenkspalts und möglicher Osteophytenbildung bis hin zu ausgeprägter Osteophytenbildung, ausgeprägter Sklerose und definitiver Verformung der Tibia und des Femurs. Zusätzlich werden Hinweise auf außerberufliche Ursachen, wie Kniegelenkstrauma mit Inkongruenzen der Gelenksfläche, gegeben.

Nur ein Problem gibt es: Wer die Merkblätter auf der Website des BMAS sucht, wird nicht fündig. Es ist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), die eine komplette Liste aller Merkblätter zu den Berufskrankheiten bietet.

Die meisten gemeldeten Todesfälle durch Berufskrankheiten fallen übrigens in den Bereich der Atemwegs-, Lungen-, Rippen- und Bauchfellerkrankungen: Im Jahr 2008 waren es 2055 Fälle, die Zahl aller gemeldeten Todesfälle durch Berufskrankheiten betrug im selben Jahr 2430. Und auch in den Jahren 2006 und 2007 wurden in diesem Bereich die meisten und jeweils nur knapp unter 2000 Todesfälle gemeldet. Das zeigt eine Aufstellung von Medizinaldirektor Dr. Franz H. Müsch (Arbeit und Arbeitsrecht, 2/2010, S. 124), wobei er sich auf die statistischen Berichte des BMAS zur gesetzlichen Unfallversicherung bezieht. Der Arbeitsmediziner, der früher selbst beim BMAS tätig war, hat aber noch etwas herausgefunden: Vor allem die Mesotheliome durch Asbest haben zugenommen. Diese seltene Tumorform war 2008 immerhin in 801 Fällen die gemeldete Todesursache.

Und insgesamt stagnieren die Todesfälle durch Berufskrankheiten seit 2005 auf hohem Niveau: immer über oder knapp unter 2500 Todesfällen. Das seien mehr als sechs Tote täglich, rechnet Müsch vor. Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle ist dagegen rückläufig. Im Jahr 2000 lag sie noch bei über 1000 Todesfällen pro Jahr. Bis 2008 hat sich die Zahl sukzessive unter die 1000er-Marke bewegt.

Die Merkblätter zu den Berufskrankheiten können unter www.baua.de (Themen von A-Z / Berufskrankheiten / Dokumente / Merkblätter) kostenlos heruntergeladen werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Oft zahlt der falsche Kostenträger

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