Arzneimittelpreise

Das Märchen von der Kostenexplosion?

Ab wann laufen Arzneimittelausgaben eigentlich aus dem Ruder? Die Deutungshoheit darüber wollen die Pharmaverbände jedenfalls nicht kampflos den Kassen überlassen – und behaupten, nicht zu weich gebettet zu sein.

Von Christoph WinnatChristoph Winnat Veröffentlicht:
Teure Medizin? Mit seit Jahren rund einem Prozent des BIP wird für Arzneimittel keineswegs zuviel ausgegeben, ist der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) überzeugt.

Teure Medizin? Mit seit Jahren rund einem Prozent des BIP wird für Arzneimittel keineswegs zuviel ausgegeben, ist der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) überzeugt.

© Daniel Fuhr / Fotolia

BERLIN. Die alljährliche Vorstellung des AOK-Arzneiverordnungsreports ist für Pharmaverbände ein fester Termin, Forderungen nach schärferer Ausgabenkontrolle zurückzuweisen: So im Vorfeld der diesjährigen AVR-Präsentation am Donnerstag der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) sowie Pro Generika.

Während der BPI unter Bezugnahme auf eine neue Studie das Schlagwort "Kostenexplosion" als unbegründet zu demaskieren sucht, nimmt Pro Generika einmal mehr die "gelegentlich von Krankenkassen postulierte" These ins Visier, auch kleine und mittlere Generikaunternehmen (KMU) würden von Rabattausschreibungen der Kassen profitieren; eine aktuelle Erhebung des Berliner IGES-Instituts, so der Branchenverband, belege das Gegenteil.

Laut BPI haben sich die öffentlichen Arzneimittelausgaben weder in der Vergangenheit mit dramatischer Dynamik entwickelt, noch sei eine solche in Zukunft zu erwarten. Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums variierte zwischen 2005 und 2017 der Anteil der GKV-Arzneimittelausgaben am Bruttoinlandsprodukt pro anno stabil zwischen 1,1 und 1,3 Prozent.

"Explosion nicht zu befürchten"

Verbandsgeschäftsführer Dr. Norbert Gerbsch: "Eine Kostenexplosion ist weder historisch nachzuweisen noch in Zukunft zu befürchten." Zur Begründung des zweiten Teils seiner Aussage beruft sich Gerbsch auf eine kürzlich erschienene gesundheitsökonomische Analyse der Arzneimittelausgaben in fünf europäsichen Ländern (Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien).

Demnach lässt eine lineare Ausgabenprognose auf Basis der tatsächlich von den Kostenträgern zu zahlenden Nettopreise ein erheblich geringeres Wachstum bis 2021 erwarten, als eine lineare Fortschreibung der Arzneimittelausgaben nach Listenpreisen.

In Deutschland beispielsweise mindert sich der Listenpreis um gesetzliche Herstellerabschläge, individuell zwischen Kassen und Anbietern vereinbarte Rabatte oder um die Differenz zum kollektiv ausgehandelten Erstattungsbetrag.

Prognose: Zweiprozentige Steigerung

Laut Studie werden die Ausgaben für verschreibungspflichtige Arzneimittel in Deutschland von 2017 bis 2021 im Schnitt um jährlich zwei Prozent zulegen – wenn man die Nettoausgaben betrachtet. Nach Listenpreisen würde die Prognose auf ein jährliches durchschnittliches Wachstum von 3,2 Prozent lauten. BPI-Geschäftsführer Gerbsch: "Das sollte Politiker aufhorchen lassen. Die GKV-Ausgaben für Arzneimittel liegen bei rund 17 Prozent der Gesamtausgaben. Auf die pharmazeutische Industrie entfallen nur etwa acht Prozent, für alle Arzneimittel in der ambulanten Versorgung. Gemessen an deren enormem therapeutischen Stellenwert, ist das kein hoher Anteil."

Der Branchenverband Pro Generika bringt unterdessen neue Belege für seine Behauptung bei, dass kleine (bis 49 Beschäftigte, maximal zehn Millionen Euro Umsatz) und mittelgroße Generikahersteller (bis 249 Beschäftigte, maximal 50 Millionen Euro Umsatz) vom Rabattvertragsgeschäft, wie es seit 2007 in Deutschland floriert, keine Förderung erfahren.

In der Ära systematischer Ausschreibungsrunden seien, wie das IGES-Institut im Auftrag Pro Generikas überprüft habe, Anzahl und Umsatz der Generika-KMU "nicht nennenswert gewachsen". 2006 zählten die IGES-Autoren 23 KMU, zehn Jahre später 26. Der Anteil der KMU am GKV-weiten Generikaabsatz hat sich zwar von 4,4 Prozent (2006) auf 7,5 Prozent (2016) beträchtlich erhöht. Im gleichen Zeitraum sei der KMU-Anteil am Generikaumsatz der gesetzlichen Kostenträger aber von 4,7 Prozent auf 4,3 Prozent zurückgegangen.

"Eine Förderung von KMU, die dazu führt, dass der Generikamarkt insgesamt mehr KMU Chancen bietet und diese die Marktstruktur stärker prägen, lässt sich nicht erkennen", resümiert der Verband. Zwar gebe es immer wieder auch "Newcomer" unter den KMU, die bei Rabattausschreibung Zuschläge ergattern – was sich jedoch nicht auszahle.

Vielmehr seien KMU sogar "überproportional von Rabattverträgen betroffen", heißt es in der IGES-Studie: Während der Anteil rabattierter Produkte am Unternehmensumsatz über sämtliche Generikaanbieter hinweg von 2008 bis 2016 im Schnitt um zehn Punkte auf 65 Prozent zugelegt habe, sei er bei den KMU um 40 Punkte auf 69 Prozent gestiegen.

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