Gesundheits-IT in Neuseeland

Die Kiwis machen es vor

Je kleiner, desto feiner: Bei der IT im Gesundheitswesen zeigen oft die kleinen Länder, wo der Weg hingehen kann. So auch Neuseeland: Vor einem Jahr hat der Kiwi-Staat damit begonnen, Praxen und Kliniken zu vernetzen - mit Erfolg.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Die elektronische Patientenakte ist in Neuseeland sogar erdbebenbewährt.

Die elektronische Patientenakte ist in Neuseeland sogar erdbebenbewährt.

© flydragon / shutterstock.com

BERLIN. Bei der Gesundheits-IT machen oft kleinere Länder mit anspruchsvollen Projekten von sich reden. So schreibt Neuseeland jetzt mit einer elektronischen Patientenakte eine Erfolgsgeschichte.

Als der Kiwi-Staat im Jahr 2011 von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde, machte das dortige Gesundheitssystem eine interessante Erfahrung: Die elektronischen Patientenakten der Krankenhäuser in der am stärksten betroffenen Stadt Christchurch hatten die Katastrophe durchweg ohne größere Blessuren überstanden.

Probleme gab es dagegen an vielen Stellen mit der Papierdokumentation der ambulanten Ärzte, die teils vernichtet, teils zeitweise nicht zugänglich waren.

Der zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon geplante Aufbau einer einrichtungsübergreifenden elektronischen Patientenakte ("electronic shared care record view", eSCRV) erhielt durch diese Erfahrung einen deutlichen Schub.

Im Jahr 2012 wurde in der Region Canterbury, der größten Neuseelands, mit dem Roll-out begonnen. Jetzt, gut ein Jahr später, seien das Krankenhaus, sämtliche Apotheken, der Pflegedienst und ein Großteil der niedergelassenen Ärzte online, berichtete Nigel Millar, Chief Medical Officer bei der Gesundheitsbehörde des Bezirks.

Per Button in die Akte

Millar war kürzlich in Deutschland, um über das Projekt zu berichten. Und auch wenn in Deutschland eine derartige Akte wohl nicht möglich wäre, so lohnte es doch, ihm zuzuhören. Technisch ist die eSCRV extrem simpel: Es handelt sich um einen serverbasierten Datensafe, der insgesamt nur 1,5 Millionen neuseeländische Dollar gekostet hat.

Über einen Button ist er in die IT-Systeme der beteiligten Einrichtungen integriert. Die Programmierung der Schnittstellen wurde von den Behörden bezahlt.

Einmal pro Stunde wird die zentrale Akte automatisch aktualisiert. Niemand muss also irgendetwas aktiv hochladen. Welche Dokumente eingestellt werden, haben die Ärzte aus Klinik und Niederlassung gemeinsam festgelegt, wobei die niedergelassenen Ärzte im Einzelfall die Möglichkeit haben, bestimmte Dokumente auszuklammern.

Hat ein Arzt einen Patienten vor sich, den er noch nicht kennt, kann er unter Zuhilfenahme der Versichertennummer auf die zentrale Akte zugreifen, sofern der Patient ihm das gestattet.

Diese Zustimmung wird dokumentiert, und alle Zugriffe werden protokolliert. Missbrauch wird dadurch nicht ausgeschlossen, aber er wird nachvollziehbar.

Das Ganze ist simpel und funktioniert. Die Akte werde rege genutzt, so Millar. Überschwänglich begeistert seien ambulant tätige Chirurgen, die die neue Akte schon wenige Wochen nach Inbetriebnahme als unverzichtbar bezeichnet hätten.

Datenzugriff streng geregelt

Mittlerweile sind mehrere hunderttausend Akten angelegt. Nur einige wenige Patienten haben bisher von ihrem Opt-Out-Recht Gebrauch gemacht.

Der Inhalt des eSCRV wird in keiner Weise bearbeitet. Neue Dokumente fließen chronologisch und nach Dokumententyp geordnet in die Akte ein. Die Gefahr, dass das Ganze dadurch bei einigen Patienten früher oder später unübersichtlich wird, sieht man.

Derzeit sei das aber noch kein Problem, so Millar. Und wenn es so weit ist, muss das Ärzteteam, das die Inhalte der Akte festlegt, gegebenenfalls Lösungen erarbeiten. Die Gesundheitsbehörde selbst hat auf die Daten weder Zugriff noch kann sie sie in irgendeiner Weise auswerten.

Nach dem erfolgreichen Start in der Region Canterbury soll die von dem neuseeländischen IT-Anbieter Orion Health entwickelte Akte bald auch in anderen Regionen eingeführt werden.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

© KVNO

Schnell und sicher

Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

Anzeige | Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Der Gesundheitsdialog

© Janssen-Cilag GmbH

J&J Open House

Der Gesundheitsdialog

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

© Springer Medizin

Johnson & Johnson Open House-Veranstaltung am 26. Juni 2025 beim Hauptstadtkongress

Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
J&J Open House beim Hauptstadtkongress

© [M] Springer Medizin Verlag

Video zur Veranstaltung

J&J Open House beim Hauptstadtkongress

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Ein Medikament unter vielen, das wenigen hilft? 2400 Wirkstoff-Kandidaten in der EU haben den Orphan-Drug-Status.

© artisteer / Getty Images / iStock

Wirkstoff-Kandidaten mit Orphan-Drug-Status

Orphan Drugs – Risiken für ein Modell

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa)
Ein junges Mädchen wird geimpft – gegen HPV? (Symbolbild mit Fotomodellen)

© milanmarkovic78 / stock.adobe.com

Vision Zero Onkologie

Die Elimination des Zervixkarzinoms

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Vision Zero e.V.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

DEGAM-Leitlinie

So sollten Sie bei Schilddrüsenknoten vorgehen

„Demenz-Uhr“ erstellt

Bluttest könnte Alzheimerbeginn vorhersagen

Hilfe für Patienten und Angehörige

Palliativmedizin: Vier Tipps aus dem Versorgungsalltag

Lesetipps
Ein Arzt füllt einen internationalen Impfpass aus.

© Alexander Raths / stock.adobe.com

Herzinfarkt-Prävention

Diabetes: Grippeimpfung schützt das Herz!

Maske

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Mutter mit MS: Kind gegen MMR impfen?