Interview mit Johanna Ludwig von der gematik
Digitale Prozesse in der Arztpraxis neu denken
Johanna Ludwig leitet seit August die neue Stabsstelle Versorgung der gematik. Im Interview berichtet sie, welche Herausforderungen es bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems gibt. Sie geht auch auf die Kritik an der elektronischen Patientenakte ein und berichtet, welche Neuerungen bei der ePA in Zukunft zu erwarten sind.
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Ärztinnen und Ärzte sehen die Digitalisierung als riesengroße Chance.
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Frau Ludwig, Sie leiten seit einem guten halben Jahr die Stabsstelle Versorgung. Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?
Abwechslungsreich. Wir sind mittlerweile ein gewachsenes Team von fünf Personen. Wir arbeiten nach innen in die gematik und nach außen mit den Leistungserbringenden. Eine Aufgabe ist es dabei, die Versorgung mehr miteinzubeziehen.
Wie stellen Sie den Austausch mit allen Partnern im Gesundheitswesen sicher?
Wir sind in Abstimmung mit den Partnern aus dem Gesundheitswesen, wie z. B. GKV, KBV, DKG, den Herstellern, die alle miteinbezogen werden. Eine partnerschaftliche Arbeit ist für die gematik sehr wichtig, denn wir erarbeiten ja die Spezifikationen, die beschreiben, wie die Anwendungen der TI aussehen sollen, und die Industrie setzt das um. Dafür ist die Abstimmung mit den Partnern im Gesundheitswesen essenziell.
Wovon waren Sie bei der gematik überrascht?
Ich bin ja Unfallchirurgin, von daher weiß ich, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Überrascht war ich davon, wie groß die gematik ist, wie komplex und über die Fülle der Aufgaben, das sieht man nach außen nicht.
Wie setzen Sie sich mit Versorgungsprozessen vor Ort auseinander? Wie nehmen Sie die Stimmung bei den Praxisinhabern wahr? Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit?

Johanna Ludwig leitet seit August die neue Stabsstelle Versorgung der gematik.
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Es ist außerdem der Wunsch da, dass es noch schneller vorangeht mit der Digitalisierung, denn der Bedarf ist da. Bei aller Kritik an dem, was nicht funktioniert, wird gesehen, dass wir auf einem guten Weg sind.
Wenn man sich anschaut, was die gematik zum Beispiel auf LinkedIn dazu postet, scheint es sich oft um den Besuch bei digitalen Vorzeigepraxen zu handeln. Ist die Beobachtung richtig?
Es gibt digital affine Praxen, die wir miteinbeziehen, das stimmt. Aber die TI und die Digitalisierung sollte alle Ärztinnen und Ärzte so unterstützen, dass sie wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten und die analoge Behandlung haben. Die TI muss in den Workflow passen und die Arbeit erleichtern.
Wir besuchen daher auch weniger digitalaffine Praxen und sprechen mit TI-kritisch eingestellten Ärztinnen und Ärzten, die uns in Gesprächen darlegen, was verbessert werden muss. Wichtig ist es, miteinander ins Gespräch zu kommen und aufeinander zuzugehen.
Stichwort TI: Warum gibt es so häufig Probleme mit der Telematikinfrastruktur?
Das Thema ist multifaktoriell. Es sind in der Regel verschiedene Ursachen, warum manchmal Komponenten und Dienste nicht so ineinandergreifen, wie sie sollten. Wir orchestrieren den Betrieb, die konkrete Umsetzung liegt bei den Dienstleistern und Herstellern. Es laufen viele Projekte, damit die TI stabiler wird. Dieser Herausforderung wird sich gestellt.
Als gematik sprechen Sie davon, digitale Anwendungen in der Versorgungspraxis zu etablieren. Welche Anwendungen gehören dazu und wie gehen Sie vor?
Wir sprechen mittlerweile nicht mehr nur von Produkten, sondern Versorgungsprozessen. Wir schauen uns an, wie wir das die letzten Jahre gemacht haben und entwickeln auf dieser Basis unsere Arbeit weiter. Wir wollen keine analogen Prozesse einfach ins Digitale übersetzen, sondern digitale Prozesse neu denken. Eine solche Anwendung ist zum Beispiel die E-Überweisung, die ein digitales Tool ist, das für die Primärversorgung wichtig wird.
Die ePA ist mittlerweile in der Versorgung, aber ihr Nutzen scheint noch nicht überall angekommen zu sein, auch von Patientenseite scheint das Interesse nicht besonders groß. Wie schafft man es, die Menschen von der ePA zu überzeugen?
Wir haben aktuell ungefähr 72 Millionen angelegte ePA. Klar, sie ist Patienten geführt, aber welcher Patient schaut sich die Unterlagen regelmäßig an? Aus meiner Erfahrung als Ärztin haben das auch früher auf Papier nur wenige Patienten oder Patientinnen gemacht. Und es ist auch gar nicht zwingend notwendig, dass sich Versicherte aktiv mit ihrer ePA auseinandersetzen.
Der Erfolg der ePA hängt nicht allein von der Nutzung durch Patientinnen und Patienten ab, sondern davon, dass wichtige Daten in die ePA einpflegt werden. Denn dann können die Versorgenden ihre Patienten und Patientinnen alle mit dem gleichen Wissensstand behandeln. Ein großer Vorteil ist schon jetzt die Medikationsliste, denn wenige Versicherte können im Arztgespräch direkt darlegen, was sie alles einnehmen.
Gleichzeitig ist die ePA natürlich ein Tool, das genutzt werden kann, um die Gesundheitskompetenz der Versicherten zu stärken. Grundsätzlich muss man es ein wenig getrennt sehen, die Sicht von den Versorgenden und die Patientensicht auf die ePA.
Was sagen Sie zu der Kritik an der ePA, die es immer wieder gibt, beispielsweise von MEDI zu Datenschutz und Schweigepflicht?
Ja, der Datenschutz ist unglaublich wichtig, nur zu welchem Preis? Es sollte keine einseitige Diskussion sein, sondern auch die andere Seite gesehen werden. In der Debatte sollten Daten berücksichtigt werden, die zeigen, wie häufig Patientinnen und Patienten schlechter oder langsamer geholfen werden kann, weil Informationen nicht zur Verfügung stehen, etwa zu Medikation oder in der Notaufnahme zu Vorerkrankungen. Denn zu wenig Daten stehen auch dem Patientenschutz entgegen.
Warum wurde bei der ePA auf PDF gesetzt und nicht von Anfang an auf strukturierte Daten?
Ich möchte bei der ePA nach vorne schauen und nicht auf Entscheidungen aus der Vergangenheit. Es hat bereits unglaubliche Veränderungen gegeben. Jetzt gilt es, darauf aufzubauen. Wir wollen gestalten und die ePA schrittweise verbessern. Es ist ein großer Prozess und dafür brauchen wir alle Stakeholder. Ein nächster Schritt werden die Labordaten sein, die dann in strukturierter Form in der ePA zur Verfügung stehen.
An welchen Stellen braucht es noch viel Überzeugungsarbeit? Bei den Niedergelassenen, den Krankenhäusern, den Herstellern oder den Kassen?
Jeder hat seine eigene Sichtweise, die es zu schätzen gilt. Es müssen alle miteinbezogen werden. Es dauert dann zwar länger, spart aber später Zeit, wenn man weniger nachjustieren muss, weil man wichtige Punkte nicht bedacht hat. Es wird an einem Strang gezogen.
Sie haben ja schon die E-Überweisung und strukturierte Laborwerte genannt. Was soll demnächst noch in der Versorgung etabliert werden?
Die E-Überweisung wird kommen sowie strukturierte Labordaten in der ePA. Außerdem startet in diesem Jahr die Umsetzung der Volltextsuche in der ePA. Und auch die TI wird weiter entwickelt, so dass auch ein mobiler Einsatz der TI und Zugriff auf die ePA möglich wird.
Schaut man sich an, was es schon alles gibt: E-Rezept, ePA, TIM, KIM, dann sieht das im Grunde nicht so schlecht aus, aber es ist noch nicht alles richtig in der Versorgung angekommen.
Ja, wir haben schon einiges entwickelt. Jetzt muss es noch auf die Straße kommen und Fahrt aufnehmen. Dass Produkte nach und nach in der Versorgung ankommen, ist aus meiner Sicht ein recht normaler Verlauf. Erst werden die Produkte entwickelt, dann gibt es Vorreiter, die sie ausprobieren und dann kommen sie in der Masse an. Diesen Prozess wollen wir unterstützen und ich setze mich dafür ein, dass die Digitalisierung richtig Fahrt aufnimmt.
Frau Ludwig, vielen Dank für das Gespräch!












