Gesundheitsinfos

Dr. Google erfüllt Sehnsucht nach Zuwendung

Jeder zweite Deutsche sucht im Web nach Informationen zu Krankheiten. Psychologisch steckt mehr dahinter als nur schnell eine Diagnose zu bekommen. Bei Dr. Google fühlen sich Patienten aufgehoben.

Von Julia Frisch Veröffentlicht:
Psychologen haben untersucht, was Menschen bei der Webrecherche bewegt.

Psychologen haben untersucht, was Menschen bei der Webrecherche bewegt.

© lightwavemedia / Fotolia

Berlin. Er hat Zeit, kümmert sich, gibt Hoffnung, hilft bei der Verarbeitung von Schicksalsschlägen und, wenn's gut geht, auch dabei, das Leben oder wenigstens vielleicht die Ernährung ein wenig zu ändern: So wie früher Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik erfüllt heute Dr. Google die unterschwelligen Sehnsüchte der Kranken.

Was bewegt die Menschen bei der Webrecherche wirklich? Warum stürzen sie sich freiwillig in das Wirrwarr der ungeordneten Informationen? Das haben Psychologen des Kölner Rheingold Instituts im Auftrag des Naturmedizin-Herstellers Pascoe untersucht. 1069 Patienten im Alter zwischen 20 und 60 Jahren wurden in einer zweistufigen repräsentativen Studie tiefenpsychologisch befragt. Ihre gesundheitlichen Beschwerden reichten dabei von Schnupfen bis zu ernsten, lebensbedrohlichen Erkrankungen. Teils befanden sich die Probanden schon in Behandlung und hatten schon eine ärztliche Diagnose bekommen, teils stand der erste Arztbesuch aber auch noch aus.

Egal, in welchem Stadium der Erkrankung sich die Befragten befanden, es zeigte sich, dass die Internetrecherche unterbewusst Bedürfnisse bedient, die Praxen offenbar nicht ausreichend befriedigen können. Dazu zähle, als Mensch gesehen zu werden und sich aufgehoben zu fühlen, so Birgit Langenbartels, Diplom-Psychologin und Leiterin der Studie. Der virtuellen Welt im Netz mit all seinen Foren und Ratgeberportalen gelinge es, diese Sehnsucht zu erfüllen.

"Die Menschen sind gekränkt, wenn sie in der Praxis als Fall behandelt werden und nicht als Patient", sagte Langenbartels. Wichtig außerdem: "Das Netz hat Zeit, da werde ich nicht wie beim Arzt nach zwei Minuten rausgeschmissen", berichtete Langenbartels von den Empfindungen der Probanden. Demgemäß haben die Internetsucher auch keine Eile, "sie wissen, Genesung auf Knopfdruck gibt es nicht", so Langenbartels. Durchschnittlich 2,4 Stunden surften die Probanden durchs Netz, um sich über Erkrankungen und Beschwerden zu informieren. In über 70 Prozent der Fälle ist Google der Ausgangspunkt der Suche.

Wer krank ist oder meint, krank zu sein, fühle sich ohnmächtig und ausgeliefert, erklärte Langenbartels. Psychologisch sei es deshalb verständlich, dass die Patienten versuchten, diesem Gefühl etwas entgegenzusetzen. Das äußert sich dann darin, dass alles über eine bestimmte Krankheit gelesen und Wissen angehäuft wird, mit dem der Patient dann ins nächste Arzt-Gespräch geht, um auf Augenhöhe zu kommunizieren. "Das ist nicht Größenwahn, sondern damit will der Patient seinem Gefühl des Ausgeliefertseins etwas entgegensetzen", so Langenbartels. Ärzte sollten angesammelte Expertise nicht als Affront gegen sich auffassen, mahnte auch Rheingold-Mitgründer Stephan Grünewald zur Nachsicht mit Patienten.

Mehr zum Thema

Rheinland-Pfalz

Ambulante Pflege ist kaum digital unterwegs

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative „Querdenken“ im Mai 2020 in Stuttgart: Die großen Erfolge der Impfkampagne gegen Polio sind im kollektiven Gedächtnis der meisten Deutschen nicht mehr präsent.

Gastbeitrag Dr. Jürgen Bausch

Wir sind Opfer unseres eigenen Impferfolgs