Kommentar zur fraktionenübergreifende Gruppe

Europa hängt die Messlatte im Kampf gegen Krebs hoch

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:

So viel Aufmerksamkeit hat Krebs in der Europäischen Union wohl noch nie genossen wie unter der gegenwärtigen Kommissionspräsidentin – und Ärztin – Ursula von der Leyen. Noch nicht einmal ein Jahr im Amt, ist schon eine von fünf „Forschungs- und Innovationsmissionen“ dem Krebs zugeschlagen worden. Die Gruppe unter der Leitung des Hygienikers Professor Walter Ricciardi soll der EU wissenschaftlich den Weg zu deren Ziel weisen, die Überlebensrate bei Krebspatienten von derzeit im EU-Schnitt 47 Prozent auf 75 Prozent im Jahr 2030 zu steigern – ein ambitioniertes Ziel.

Dass Krebs in der aktuellen Kommission hoch im Kurs steht, ist aber offensichtlich auch das Verdienst von Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides, die, wie ihre Biografie ausweist, schon Jahrzehnte mit der onkologischen Versorgung vertraut ist. Wie Kyriakides am Mittwoch bei der Gründung der – ersten und einzigen mit dem Thema Krebs befassten – interfraktionellen Arbeitsgruppe des EU-Parlaments zur Krebsbekämpfung versprach, werde die EU bis Ende des Jahres liefern und den europäischen Plan gegen Krebs präsentieren.

Die fraktionenübergreifende Gruppe von EU-Parlamentariern könnte sich schon bald als nützliches Vehikel herausstellen, um den Kampf gegen Krebs auch auf der legislativen Ebene voranzubringen. Denn die interfraktionellen Arbeitsgruppen des Parlaments sorgen in der Regel während der laufenden Gesetzgebungsverfahren für fraktionenübergreifenden Konsens. Ihr Vorteil: Sie können auch gezielt Experten aus ihrem jeweiligen Fachgebiet einbinden – in diesem Falle forschende Mediziner, aber auch Gesundheitsökonomen.

Das Themenspektrum im Kampf gegen Krebs ist in der Tat groß: So herrschen in nicht wenigen Mitgliedstaaten zumindest regionale, wenn nicht gar nationale Versorgungsengpässe vor. Die mögen ihren Grund in einer defizitären Gesundheitsinfrastruktur oder auch in wenig transparenten Marktstrukturen haben. Wer hier bohren will, muss sich auf dicke Bretter gefasst machen. Dazu kommt, dass einige Regierungen, wie es der rumänische Europaabgeordnete und Vorsitzende der Krebsgruppe, Cristian-Silviu Bușoi, sagte, offensichtlich gar kein oder zumindest kein nachhaltiges Interesse an funktionierenden onkologischen Versorgungsstrukturen haben, da sie in ihrer politischen Arbeit andere Prioritäten setzen.

Fest steht, dass die EU-Kommission unter von der Leyen bereits die Messlatte in puncto Krebsbekämpfung – niemand solle zurückgelassen werden, wenn es um den Zugang zu onkologischer Diagnostik und Therapie geht – hoch gehängt hat. Nun wird die Praxis zeigen, wie widerstandsfähig Gesundheitspolitik und Wissenschaft wirklich sind. Denn im Moment dreht sich die Debatte um den Wiederaufbau nach der Corona-Pandemie – und damit um viel Geld. So lange nicht geklärt ist, wie die einzelnen Gesundheitssysteme der corona-gebeutelten Mitgliedstaaten zu welchen Konditionen pandemiefest gemacht werden sollen, wird es auf jeden Fall mehr als des steten Tropfens bedürfen, um den Stein, der den Zugang zur onkologischen Versorgung hie und da blockiert, zumindest mittelfristig zu höhlen.

Schreiben Sie dem Autor: matthias.wallenfels@springer.com

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