Ärzte sollen einscannen

Kommt bald ein Medikationsplan mit Barcode?

Damit Ärzte und Apotheker bei Patienten mit Polymedikation einen besseren Überblick über alle eingenommenen Arzneimittel bekommen, soll bald ein bundesweit einheitlicher Medikationsplan eingeführt werden. Doch es gibt noch Klärungsbedarf.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Datamatrix: Therapie gegen ungünstige Polypharmazie?

Datamatrix: Therapie gegen ungünstige Polypharmazie?

© [M] Arzt: HamsterMan | Matrixcode: Anja Kaiser / fotolia.com

BERLIN. Das Problem ist bekannt: Theoretisch sollte der Hausarzt in Sachen Arzneimitteltherapie bei seinen Patienten den Überblick haben. In der Realität nimmt der Patient aber Schmerzmittel ein, die er sich selbst in der Apotheke holt.

Der Urologe verschreibt einen PDE-5-Hemmer, von dem niemand etwas weiß. Und vom Johanniskraut, das ein befreundeter Heilpraktiker empfohlen hat, erfahren alle Beteiligten auch erst, wenn der Patient mit QT-Verlängerungen in die Notaufnahme kommt.

Die Lösung könnte ein einheitlicher Medikationsplan sein, zu dem sowohl Ärzte als auch Apotheker Zugang haben. Verändert ein Arzt die Medikation oder holt sich ein Patient ein OTC-Präparat in der Apotheke, wird der Plan vom jeweiligen Heilberufler aktualisiert. Und wenn das Ganze elektronisch funktioniert, müsste die Liste auch nicht jedes Mal neu abgetippt werden.

Derartige Gedanken macht sich seit 2007 auch der "Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS)", der vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) ins Leben gerufen wurde und an dem die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) federführend beteiligt ist.

Von dieser Initiative ist seitdem ein einheitlicher, (semi-)elektronischer Medikationsplan entwickelt worden, der bereits in mehreren AMTS-Projekten zum Einsatz kommt, darunter im Projekt "Medikationsplan NRW" und im ARMIN-Projekt der AOK Plus in Sachsen-Thüringen.

Neuer Medikationsplan: Auf Papier und doch digital

Nun wäre es naheliegend gewesen, einen solchen Medikationsplan über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) umzusetzen. Der "Aktionsplan AMTS" ging aber anders vor: "Wir haben bewusst einen pragmatischen Ansatz gewählt", erläuterte Dr. Amin-Farid Aly von der AkdÄ bei der conhIT 2014.

Konzipiert wurde ein papierbasierter Medikationsplan, der Wirkstoff, Handelsname, Dosis, Einnahmezeitpunkt und kurze Einnahmehinweise enthält.

Die Daten werden in einen auf den Zettel gedruckten 2D-Barcode übersetzt. So können sie in IT-Systeme importiert werden. Das hat naturgemäß Grenzen: 15 Einträge sind das Maximum. Werden Zwischenüberschriften genutzt ("Selbstmedikation", "Bei Bedarf"), sind es weniger.

Der Charme dieser Lösung liegt in ihrer Einfachheit: Nötig ist lediglich ein Barcode-Leser, der rund 150 Euro kostet. Die Einfachheit hat allerdings ihren Preis: "Letztlich bauen wir einen Handwagen, mit dem wir überprüfen, ob die Wege überhaupt gangbar sind", so Aly.

Offen ist, ob die Barcode-Scannerei bei Ärzten Akzeptanz findet. Das soll in Akzeptanztests überprüft werden, die das BMG gerade ausschreibt. Klärungsbedarf besteht auch noch bei den Datenbanken und bei Verordnungen ohne Pharmazentralnummer.

"Das ist aber alles lösbar", sagt der Informatiker und AMTS-Experte Dr. Gunther Hellmann, der die Spezifikation des Medikationsplans im Auftrag des BMG gemeinsam mit Aly und Dr. Horst Möller, ebenfalls AkdÄ, geschrieben hat.

Er plädiert dafür, den Medikationsplan jetzt konsequent als Grundlage für AMTS-Projekte in Deutschland zu nutzen. "Wir haben einen breiten Konsens erzielt, und den sollten wir nicht aufs Spiel setzen."

Kritiker warnen vor noch mehr Insellösungen

Es gibt aber auch Kritik, die sich daran entzündet, dass das Szenario, von dem BMG und AkdÄ ausgehen ("Patient wandelt mit einem Stück Papier von Arzt zu Apotheker zu Krankenhaus und zurück") ein recht begrenztes ist.

So wäre zum Beispiel denkbar, dass ein Ärztenetz mit einer elektronischen Netzakte eine netzweite AMTS-Prüfung einführen möchte, die vielleicht auch für Patienten zugänglich ist. Und Kliniken in Kooperationen könnten AMTS-Funktionen in elektronische Fallakten integrieren wollen.

Funktioniert das mit dem AkdÄ-Medikationsplan? Schwierig, sagen Standardisierungsexperten. Ein Kernproblem aus ihrer Sicht ist, dass der neue Medikationsplan diverse national und international gängige Datenformate, Standards und Protokolle (XML, HL7, IHE) weitgehend außen vor lässt.

Viele sehen die Gefahr, dass das Problem der "Privatstandards" in der ambulanten Versorgung, die eine weitergehende Vernetzung letztlich blockieren, so noch vergrößert wird.

Derzeit gibt es in Deutschland rund zehn größere AMTS-Projekte unter Federführung von Ärzten, Krankenkassen, Apothekern, Krankenhäusern, der Gematik und von Landesregierungen.

"Die Gefahr ist, dass sich diese Projekte so weit auseinander entwickeln, dass die eigentlich angestrebte Einheitlichkeit und Interoperabilität letztlich doch nicht erreicht wird", betont Andreas Kassner vom Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg).

Kassner, der auch Geschäftsführer der für die IHE-Standards zuständigen Organisation IHE Deutschland ist, plädiert deswegen für eine Abstimmung der unterschiedlichen Initiativen: "Ziel muss es sein, den vorliegenden Medikationsplan zu nutzen, aber gleichzeitig eine Perspektive aufzuzeigen, wie er in einer Welt etablierter Standards einheitlich eingesetzt werden kann."

Gelingt das nicht, drohen regionale AMTS-Insellösungen - ähnlich wie in vielen Bereichen der ambulanten Gesundheits-IT. Warum der "Aktionsplan AMTS" und das BMG, das immer wieder die Bedeutung der Interoperabilität betont, nicht von vornherein auf einer stärker standardisierten Umsetzung bestand, ist eine interessante Frage.

Amin-Farid Aly sagte, es sei schwierig gewesen, das ins deutsche Gesundheitswesen einzupassen. Nicht technisch schwierig, hätte er hinzufügen können.

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