Kein Einzelphänomen

Mangelernährt in deutschen Kliniken

Kranke Menschen in deutschen Kliniken sind oft mangelernährt. Seltsamerweise wird das kaum wahrgenommen. Die "Initiative Nachrichtenaufklärung" zählt das Thema zu den Top 10 der vernachlässigten Nachrichten des Jahres 2016.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Eine Nachricht, die an vielen Menschen vorbeigegangen ist: Mangelernährung kommt in deutschen Kliniken öfters vor als gedacht.

Eine Nachricht, die an vielen Menschen vorbeigegangen ist: Mangelernährung kommt in deutschen Kliniken öfters vor als gedacht.

© kostsov/ iStock

Nach Angaben des Berufsverbandes Oecotrophologie (VDOE) leiden 1,5 Millionen Menschen in Deutschland unter einer Mangelernährung, besonders Alte und chronisch Kranke. Die Zahlen sind erschreckend: Jeder dritte Patient in gastroenterologischen Abteilungen, fast 40 Prozent der onkologischen Patienten und 56 Prozent der Patienten in geriatrischen Abteilungen sind mangelernährt.

Das geht aus bereits 2006 veröffentlichten Daten einer deutschen Multizenterstudie hervor (Clin Nutr 2006;25:563-572). Bestimmt worden war das mit dem SGA (Subjective Global Assessment), einem Punkte-Score zur Einschätzung des Ernährungszustands.

Nimmt man alle stationär behandelten Patienten zusammen, sind demnach 28 Prozent von ihnen bereits bei Aufnahme ins Krankenhaus mangelernährt. Wie kann es sein, dass das kaum jemand mitbekommt?

Ernährungsstatus oft nicht erhoben

Die Antwort ist einfach: Der Ernährungsstatus wird regelhaft nicht, zumindest nicht ausreichend erhoben. Nur wenige Krankenhäuser, die Rede ist von etwa vier Prozent, haben ein Ernährungsscreening eingeführt.

"Wenn wir Mangelernährung nicht erfassen, heißt es: Die gibt's nicht!", kritisierte Professor Christian Löser, Chefarzt am Rotes Kreuz Krankenhaus Kassel bei der Dreiländertagung "Ernährung 2016" in Dresden. Löser wies darauf hin, dass die Blickdiagnostik nicht ausreiche. "Es kann jemand übergewichtig sein und dennoch ein massives Mangelernährungsproblem haben."

Der Body Mass Index (BMI), das scheint Konsens unter Ernährungsmedizinern zu sein, ist ein unzureichendes Kriterium für die Diagnose eines Ernährungsmangels. Vielmehr ist es die Kombination aus nicht gewolltem Gewichtsverlust und niedrigem BMI, die zu dem Befund führt oder der Gewichtsverlust und die veränderte Körperzusammensetzung (FFMI - Fettfreie Masse Index).

Die European Society of Parenteral and Enteral Nutrition (ESPEN) hat entsprechende Kriterien vorgeschlagen.

Experte fordert flächendeckendes Monitoring

Es brauche endlich mehr Aufmerksamkeit für das Thema, hieß es in Dresden. Professor Peter Stehle, Ernährungswissenschaftler aus Bonn, Präsidiumsmitglied der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), schlug eine enge Zusammenarbeit von DGE und DGEM (Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin) vor.

Der Koautor des alle vier Jahre erscheinenden Ernährungsberichts für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft forderte ein flächendeckendes Monitoring zur Erfassung des Ernährungsstatus von Patienten, der Lebensmittelauswahl und der Nährstoffzufuhr.

Künftige Ernährungsberichte dürften nicht mehr nur auf die Prävention Gesunder abheben, sondern müssten sich ebenso mit Kranken beschäftigen. "Menschen, die krank sind, müssen entsprechend ihrer jeweiligen Krankheit ernährt werden", sagte Stehle.

Experten gehen davon aus, dass die Morbidität und Lebensqualität mangelernährter Patienten damit signifikant verbessert werden könnte, womöglich wirke sich dies sogar günstig auf die Lebenserwartung aus. Wissenschaftler der Charité Berlin und aus Bremen weisen außerdem auf erhebliche gesundheitsökonomische Aspekte der verbreiteten Mangelernährung hin.

Lindsay Otten vom Campus Virchow-Klinikum und ihre Koautoren kommen nach der Analyse diverser Studien zu dem Schluss, dass die indikationsgerechte Intervention mit Trinknahrung zu jährlichen Einsparungen im deutschen Gesundheitswesen von etwa 600 Millionen Euro führen würde (Aktuel Ernährungsmed 2016;41:174-180).

Das ist nachvollziehbar, weil mangelernährte kranke Menschen häufiger Komplikationen wie Infektionen oder Wundheilungsstörungen erleiden als ausreichend ernährte Patienten. Daraus resultieren eine erhöhte Pflegeintensität, längere Klinikverweildauern sowie häufige stationäre Wiederaufnahmen.

Behandlungskosten verdoppeln sich

Bereits vor 30 Jahren war in einer US-Studie festgestellt worden, dass allein die verlängerte Krankenhausverweildauer mangelernährter Patienten die Behandlungskosten verdoppelt. Hat sich seitdem etwas verändert? "Wenig", lautet die Antwort von Otten und Mitarbeitern.

Sie weisen außerdem darauf hin, dass ein durchschnittlicher Krankenhausaufenthalt von in Deutschland sieben Tagen in der Regel keine ausreichende Behandlung der Mangelernährung erlaube und diese Therapie poststationär fortgeführt werden müsse. Dies sei eine "logistische Herausforderung", weil unterschiedliche Kostensysteme beansprucht würden, für die Entscheidungsträger fehlten also die nötigen Anreize.

Und das stimmt nun wirklich nachdenklich: Es braucht "Anreize", um kranke Menschen im deutschen Gesundheitssystem adäquat zu ernähren. Benötigt werden offenbar Nachweise der Kosteneffektivität, bevor das passiert, was doch lebensnotwendig und medizinisch erforderlich ist.

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