Direkt zum Inhaltsbereich

Hintergrund

Prävention spart Unternehmen bares Geld

Früherkennung und Vorsorge erreichen noch immer viel zu wenige Menschen. Ein Ansatz, das zu ändern, ist die betriebliche Prävention. Ausgaben dafür wären gut angelegtes Geld, wie eine neue Studie zeigt.

Von Monika Peichl Veröffentlicht:
Hat den Durchblick: Angestellter beim Betriebsarzt.

Hat den Durchblick: Angestellter beim Betriebsarzt.

© Klaus Rose

Die deutsche Wirtschaft verliere durch Krankheit jährlich 225 Milliarden Euro, heißt es in der Untersuchung "Vorteil Vorsorge - die Rolle der betrieblichen Gesundheitsvorsorge für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland", die die Unternehmensberatung Booz & Company für die Felix Burda Stiftung erarbeitet hat. Das entspreche neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Dieser Wertschöpfungsausfall errechnet sich, wie Booz-Partner Rolf Fricker in Frankfurt am Main erläuterte, nur zu einem Drittel aus Absentismus, also Fehlzeiten. Zwei Drittel würden durch "Präsentismus" verursacht: Arbeit trotz Krankheit.

Wer krank am Arbeitsplatz erscheint, leistet weniger, macht mehr Fehler bis hin zu Unfällen, kann Kollegen anstecken oder chronisch krank werden. In der Wissenschaft herrsche Einhelligkeit darüber, dass die Kosten des Präsentismus die der Fehlzeiten weit übersteigen.

Aus der Befragung von über 20 Unternehmen, die betriebliche Vorsorge praktizieren, ergeben sich der Studie zufolge drei Hauptmotive: der finanzielle Faktor, der Wettbewerb um Arbeitskräfte und der demografische Wandel.

US-Untersuchungen zum betrieblichen Gesundheitsmanagement beziffern die Rentabilität dieser Aufwendungen in einer Bandbreite von mindestens fünf bis 16.

Das heißt: Jeder Euro, der in Präventionsprogramme fließt, spielt fünf Euro oder mehr ein. Stiftungsvorstand Dr. Christa Maar wies auf das Beispiel BASF hin: Durch die betrieblichen Früherkennungsuntersuchungen für Darmkrebs, die alle zwei Jahre stattfinden, werde mittlerweile ein Return on Investment von eins zu 20 erzielt.

Vorsorge sei in Deutschland nach wie vor durch strukturelle Defizite gekennzeichnet. Auf der Suche nach mehr Mitspielern und Kooperationspartnern sei die Stiftung schon früh in die Unternehmen gegangen. Gerade die Zunahme der chronischen Erkrankungen zwinge zum Handeln.

Es sei absurd zu warten, bis alle Vorsorgeberechtigten den Weg zum Hausarzt fänden, sagte Maar. Drei Viertel der chronischen Erkrankungen könnten durch Früherkennung verhindert werden: "Das kann alles wunderbar in den Unternehmen frühzeitig erkannt werden."

Das größte Hindernis vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, betriebliche Vorsorge einzuführen, stellen laut der Studie die unklaren Rahmenbedingungen dar, etwa bei der Kooperation mit Krankenkassen, der steuerlichen Förderung oder der Finanzierung von Untersuchungen wie etwa Gesundheits-Check-up oder Krebsfrüherkennung.

Die Kassen dürfen maximal 2,86 Euro pro Mitglied zur Förderung der Prävention ausgeben; wird dieser Betrag überschritten, kommen sie mit der Aufsicht in Konflikt. Diese Obergrenze müsse fallen, so Maar. Der seit drei Jahren bestehende Steuerfreibetrag von 500 Euro pro Mitarbeiter sei so bürokratisch, dass er kaum in Anspruch genommen werde.

Eine Voraussetzung für betriebliches Gesundheitsmanagement auf breiter Front sind nach Auffassung der Studienautoren die Kooperation und Gleichstellung von niedergelassenen und Betriebsärzten.

Hier müssten Missverständnisse beseitigt und viel Aufklärung betrieben werden. Niedergelassene Ärzte oder auch Krankenhäuser einerseits und Betriebsärzte andererseits müssten einander weniger stark als Konkurrenz denn als Partner verstehen, "inklusive Auflösung standesrechtlicher Schranken".

Die Arbeitsmedizin müsse zu einer zentralen Säule der Gesundheitsvorsorge ausgebaut werden. Es müsse Verständnis dafür hergestellt werden, "dass Hausärzten nichts entgeht, sondern neue Patientengruppen erschlossen werden", da die kurative Medizin beim Hausarzt verbleibe. Zudem sollten Hausärzte mehr Flexibilität erhalten, um auch in Betrieben Vorsorgeleistungen erbringen zu können.

Nach dem gescheiterten Anlauf zu einem Präventionsgesetz in der Großen Koalition - angestrebt war ein gemeinsamer Finanztopf der Kranken-, Renten-, Unfall- und Pflegekassen sowie der privaten Krankenversicherung - ist mit einer neuen Initiative vorerst nicht zu rechnen.

Wie die Studienautoren feststellen, hat die Politik nun aber die betriebliche Vorsorge in den Fokus gerückt, derzeit werde an einer Rahmenstrategie gearbeitet. Darauf angewiesen seien insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen, die rund 70 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland beschäftigen.

Dass die Zeit drängt, verdeutlichen die demografischen Daten: Lag das Durchschnittsalter in Deutschland im Jahr 2005 noch bei 41 Jahren, werden es zur Mitte dieses Jahrhunderts 50 Jahre sein. Gerade der Mittelstand habe ein starkes Eigeninteresse, ältere Arbeitnehmer "aktiv und produktiv" im Unternehmen zu halten.

Öffentliche Arbeitgeber, etwa im Gesundheits- oder Sozialwesen, haben sich, wie bei der Vorstellung der Studie angemerkt wurde, bisher mit betrieblicher Gesundheitsvorsorge nicht gerade hervorgetan.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Prävention versus Honorareinbußen

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Gastbeitrag

GKV-Beitragssatzstabilisierung mittels Privatisierung der Prävention?

Praktische Tipps

Aufgebrachte Patienten? Wie Praxisteams sicher deeskalieren

Das könnte Sie auch interessieren
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

Logo Beyond Imaging

© Beyond

Beyond Imaging

KI-gestützte Prostata- und Kopf-MRT

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Logo Diagnostic Results

© Diagnostic Results

Bioeksen

Molekulare PCR-Diagnostik am PoC

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Esteban Roman Garcia hat einen modernen OP eingerichtet, mit allen erforderlichen Geräten, um effizientes Arbeiten zu ermöglichen.

© privat

Praxismanagement

Arzt und Unternehmer: Chirurg in Ostwestfalen auf Expansionskurs

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: dem Finanzdienstleister MLP SE, Wiesloch
Abb. 1: Studie MajesTEC-3: progressionsfreies Überlebenc

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neue Therapieoption beim rezidivierten oder refraktären Multiplen Myelom (RRMM)

Teclistamab-Daratumumab erzielt bislang unerreichten PFS-Vorteil bei RRMM ab dem 1. Rezidiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, a Johnson & Johnson company, Neuss
Logo vom ÄrzteTag extra der Ärzte Zeitung mit dem Porträt des Podcast-Gesprächspartners Reinhard Pfingsten von der apoBank

© apoBank

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Wie können Ärztinnen und Ärzte das neue Altersvorsorgedepot für den Ruhestand nutzen, Herr Pfingsten?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Deutscher Apotheker- und Ärztebank (apoBank)
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

„ÄrzteTag“-Podcast

Wie können Ärzte Einsamkeit erkennen und ansprechen, Professor Adli?

Lesetipps
Rote Beete Wurzel, rote Beete Würfel, rote Beete Scheiben und rote Beete Saft.

© Daniel Vincek / stock.adobe.com

Fallbericht

Eine fast fatale Gemüse-Überdosis

Ausgestreckte Hand gegenüber einer Impfspritze.

© anyaivanova / Getty Images / iStock

Überprüft

5 Mythen übers Impfen im Faktencheck