Bottroper Apotheke

Studie zur Zyto-Panscherei bleibt eher vage

Krebspatienten, die gestreckte Zytostatika aus der „Alten Apotheke Bottrop“ erhalten hatten, benötigten mehr Infusionen und sind schneller wieder erkrankt als andere onkologische Patienten. Das zeigt eine Studie zu dem Fall.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Ort des Geschehens: In der Alten Apotheke in Bottrop wurden in großem Stil Zytostatika-Infusionen mit zu geringem Wirkstoffgehalt zubereitet. Die Apotheke befindet sich heute in neuem Besitz, der frühere Inhaber in Haft.

Ort des Geschehens: In der Alten Apotheke in Bottrop wurden in großem Stil Zytostatika-Infusionen mit zu geringem Wirkstoffgehalt zubereitet. Die Apotheke befindet sich heute in neuem Besitz, der frühere Inhaber in Haft.

© Marcel Kusch / dpa

Düsseldorf. Der Bottroper Apotheker Peter S. war Ende 2016 festgenommen worden, weil er unter dem Verdacht stand, in großem Stil Zytostatika hergestellt zu haben, die zu wenig oder überhaupt keinen Wirkstoff enthielten. Auch Verstöße gegen Hygienevorschriften und Abrechnungsbetrug wurden ihm vorgeworfen. Der Mann wurde im Juli 2018 vom Landgericht Essen zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Bis heute ist nicht bekannt, welche Patienten die gepanschten Arzneimittel erhalten haben und über welchen Zeitraum der Apotheker Zytostatika verdünnt hatte.

„Bei dem Fall des Bottroper Apothekers handelt es sich um ein unfassbares Verbrechen, das mich zutiefst erschüttert hat“, sagte Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei der Vorstellung einer Studie des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), das im Auftrag des Landes NRW die therapeutischen Konsequenzen des Medikamenten-Betruges untersuchte. Das Vertrauen in eine ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung sei durch diesen Fall schwer beschädigt worden, so Laumann.

Kontrollierte Kohortenstudie

Am Tag seiner Verhaftung wurden in der Offizin des Apothekers 117 Zubereitungen beschlagnahmt. Davon wiesen nur 44 Prozent den ärztlich verschriebenen Wirkstoffgehalt auf. „Die übrigen 66 Zubereitungen (56 Prozent) enthielten nur zehn bis 20 Prozent des verordneten Wirkstoffgehalts, keinen Wirkstoff oder einen falschen Wirkstoff“, heißt es in der Zusammenfassung der BIPS-Studie. Die Wissenschaftler unter Leitung von Professorin Ulrike Haug haben die Krankheitsverläufe anhand zweier Patientengruppen verglichen: Die eine hatte ihre Zytostatika aus der „Alten Apotheke Bottrop“ bezogen, die andere aus anderen Apotheken.

Es handelte sich um eine gematchte Kohortenstudie. Einbezogen waren 1234 Patientinnen mit Brustkrebs (255 Apotheke Bottrop und 979 Kontrollgruppe) sowie 730 Patientinnen und Patienten mit nicht-soliden Tumoren (NST) (149 und 581). Ein Ergebnis: Bei beiden Indikationen haben die Patienten aus der Gruppe Apotheke Bottrop deutlich häufiger – im Median um ein Drittel – individuell zubereitete Krebstherapeutika erhalten als die Kontrollgruppe.

Bei den Patientinnen mit Brustkrebs sei es in beiden Gruppen während der Nachbeobachtungszeit bei 26 Prozent zu einem Wiederauftreten der Erkrankung gekommen. „Auffallend war aber, dass die Zeit bis zum Wiederauftreten in der Gruppe Apotheke Bottrop im Median kürzer war als in der Kontrollgruppe (565 Tage versus 638 Tage).“ Die Zahl der Todesfälle und der Zeitraum bis zum Versterben waren in beiden Gruppen ähnlich.

Schädigung nach dem Zufallsprinzip

Die Wissenschaftler nennen mögliche Erklärungsansätze für die Ergebnisse: Bei den klinischen Verlaufskontrollen bei den Patienten in der Gruppe Apotheke Bottrop könnte häufiger ein nicht ausreichender Therapieeffekt beobachtet und deshalb länger therapiert worden sein. Da der Apotheker offenbar nicht gezielt bestimmten Patienten unterdosierte Zubereitungen abgegeben hatte, war es Zufall, wer wie oft eine Zubereitung erhielt, die nicht der ärztlichen Verordnung entsprach.

Bei einer Verlängerung der Therapie hätte sich dann die Chance erhöht, dass Betroffene Zubereitungen mit normalem Wirkstoff erhielten, heißt es in der Studie. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass es bei der Häufigkeit von Rezidiven und Todesfällen keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen gibt.

Es handele sich um die Ergebnisse eines Gruppenvergleichs, betonte Studienleiterin Haug. „Es kann daraus nicht geschlossen werden, dass die unterdosierten Zubereitungen aus der Apotheke Bottrop bei keinem der betroffenen Patientinnen beziehungsweise Patienten zu einem ungünstigeren Krankheitsverlauf geführt haben.“ Die längerfristigen Auswirkungen hätten noch nicht abschließend beurteilt werden können. „Dazu wäre eine noch längere Beobachtungszeit interessant.“

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