Umstrukturierung rettet Klinik vor Aus

BRAKE (cben). Im St.-Bernhard-Hospital im niedersächsischen Brake haben drei leitende Fachärzte die Neuorganisation der internistischen Station in die Hände genommen. Das Ergebnis: flache Hierarchien, voll besetzter Stellenplan, kürzere Liegezeiten, euphorisierte Assistenzärzte - und schwarze Zahlen. Und das, obwohl die Klinik 2003 vor dem Aus stand.

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Dank des Verzichts auf einen Chefarzt haben die motivierten Assistenzärzte am St.-Bernhard-Hospital in Brake bereits im frühen Stadium viele Aufgaben.

Dank des Verzichts auf einen Chefarzt haben die motivierten Assistenzärzte am St.-Bernhard-Hospital in Brake bereits im frühen Stadium viele Aufgaben.

© Foto: cben

Die beiden wichtigsten Gründe für das erstaunliche Gelingen: Verzicht auf einen neuen Chefarzt, dafür mehr Arbeit für die Assistenzärzte. "Als der ehemalige Chefarzt das Krankenhaus verließ, haben wir gesagt: jetzt oder nie", resümiert Internist Dr. Jörg Bigge, kommissarisch leitender Arzt der Abteilung und einer der Initiatoren des neuen Konzeptes. Man habe das "Machtvakuum" genutzt, um die ganze Abteilung umzustrukturieren. Die Aufgaben teilt Bigge sich seither mit Jörn Glock und Dr. Thorsten Austein. "Die Zöpfe mussten ab!" sagt Bigge.

Die Kreisstadt Brake liegt im Marschland an der Unterweser zwischen Bremen und der Nordseeküste - Provinz, Randlage. Das St.-Bernhard-Hospital dürfe zu der Kategorie Krankenhäuser gehören, denen die Politik wenig Chancen gibt, zu überleben. Tatsächlich stand es 2003 vor der Zahlungsunfähigkeit.

Einer der ersten Schritte zur Restrukturierung der Abteilung war eine förmliche Bewerbung, die Bigge an rund 60 zuweisende Ärzte schickte - mit Foto, Zeugnissen und Anschreiben. Darin erklärte er, "dass wir glauben, dass Sie als zuweisende Kollegen ein Recht darauf haben, über unsere Qualifikationen Bescheid zu wissen". Außerdem bot er an, in die Praxis zu kommen und die Verbesserung der Zusammenarbeit zu diskutieren.

Nach dem Einschnitt fast doppelt so viele Patienten wie zuvor

Der ungewöhnliche Schritt zeigte Wirkung. Die jährliche Patientenzahl in der internistischen Abteilung stieg von rund 2000 auf 2850. Die übrigen Abteilungen bringen es auf rund 1600 Patienten im Jahr. "Wir haben zudem dafür gesorgt, dass die Hausärzte nicht lange herumtelefonieren müssen, wenn sie einen Patienten einweisen wollen", sagt Bigge, "wenn der Hausarzt-Kollege anruft, hat er sofort einen Facharzt an der Strippe, und der Patient kann kommen."

In der Aufnahme schlägt die Stunde der Assistenten. Aber nicht - wie oft noch üblich - als oft hilflose Patienten-Versorger. Im Gegenteil: Bigge untersucht die Patienten sofort, nachdem er ins Haus gekommen ist, während die Assistenten eins zu eins lernen und auch selber Hand anlegen. "Maximale Diagnostik mit ständiger Examinierung aller Assis", wie Bigge das nennt. In der Regel habe man nach sechs Stunden die Diagnose und könne mit der Behandlung beginnen, so Bigge.

Diese eigentlich simple Veränderung im Klinikalltag bringe eine Effizienzsteigerung, die Patienten, Assistenten und Krankenhauskasse spüren. Sie ist allerdings nur möglich, wenn Aufgaben wie der Patienten-Transport, die Blutabnahme oder das Legen von Venenzugängen von Pflegekräften wahrgenommen werden und nicht mehr von den Ärzten. Auch liefern die Assistenten nur die DRG-Rohdaten. Den Rest machen Fachleute. Kurz: Alle Ärzte haben mehr Zeit. Wird der Patient wieder entlassen, findet der Hausarzt auf dem Arztbrief die Telefonnummer der behandelnden Klinikkollegen, die ihrerseits Handys mit Kurzwahlnummer aller Hausärzte in der Tasche tragen.

Überstunden der Assis werden nicht unter den Teppich gekehrt

In Brake werden die Jungärzte dazu angehalten, ihre Überstunden korrekt aufzuschreiben, "Entweder sie werden dann abgebummelt oder bezahlt", erklärt Anne Schmitt. Die Fortbildung der Assistenten läuft an jedem Mittwoch in zertifizierten Kursen, "während der Arbeitszeit", wie die jungen Kollegen betonen. "Wir merken, dass hier jemand sein Wissen komplett auf uns übertragen will,", sagt Assistenzärztin Marion Jansen, "deshalb können bei uns viele viel." Das Krankenhaus wird mit Bewerbungen überschwemmt. "Leider haben wir nur neuneinhalb Stellen für Assistenten", sagt Bigge.

Gegenüber 2003 haben sich die Untersuchungszahlen um 30 Prozent gesteigert. Die Liegezeiten haben sich von 8,8 auf 5,8 Tage reduziert. Der Arzneimittelverbrauch ist um 30 Prozent gesunken. Es stünden Investitionen im sechsstelligen Bereich an, heißt es.

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