Krisenmanagement

Unfallchirurgen haben Terrorpotenzial trotz Pandemie im Blick

In den Nachbarländern ist es zuletzt wieder zu Terroranschlägen gekommen. Die deutschen Unfallchirurgen betonen, auf die Versorgung potenzieller Opfer von Massenanfällen von Verletzten vorbereitet zu sein.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht: 04.11.2020, 10:36 Uhr
In Wien fahren am Montagabend nach dem Terrorangriff Rettungsfahrzeuge zum Einsatz. Die deutschen Unfallchirurgen verweisen darauf, für die Versorgung der Opfer ähnlicher Ereignisse in Deutschland strukturiert vorbereitet zu sein.

In Wien fahren am Montagabend nach dem Terrorangriff Rettungsfahrzeuge zum Einsatz. Die deutschen Unfallchirurgen verweisen darauf, für die Versorgung der Opfer ähnlicher Ereignisse in Deutschland strukturiert vorbereitet zu sein.

© Florian Schroetter / EXPA / pict

Berlin. Mitten in der Corona-Pandemie meldet sich eine weitere, große Herausforderung für die Gesellschaft zurück – der Terror. Anfang Oktober tötete ein Islamist in Dresden einen Touristen, in Paris wurde jüngst ein Lehrer dekapitiert, in Lyon ein Priester angegriffen.

In Wien gipfelte nun vorerst das offensichtliche Wiederaufflammen (islamistischen) Terrors. Galten die Taten in Dresden, Paris und Lyon einzelnen Personen, so hatte das Wiener Terrorszenario offensichtlich eine andere Qualität – das Potenzial, zu einem Massenanfall an Verletzten (MANV) zu führen, die umgehend hätten in Kliniken versorgt werden müssen.

Das hat nun offensichtlich auch Deutschlands Unfallchirurgen auf den Plan gerufen. Am Dienstag bekräftigte die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) die Notwendigkeit, Kliniken in Deutschland auf die Bewältigung einer derartigen lebensbedrohlichen Einsatzlage vorzubereiten.

„Wir nehmen die Terrorbedrohung unverändert sehr ernst und arbeiten schon länger daran, dass Mediziner für die Versorgung von Schuss- und Explosionsverletzungen ausgebildet werden. Jetzt fordern wir die flächendeckende Umsetzung unserer Konzepte. Sie sind ein wichtiger Baustein der Daseinsvorsorge“, postuliert DGU-Präsident Professor Michael Raschke – und verweist auf das kürzlich von seiner Fachgesellschaft veröffentlichte Weißbuch Schwerverletzenversorgung.

Klinik-Netzwerk mit Expertise

Die Versorgung potenzieller Opfer von MANV/Terrorismus soll in den mittlerweile 700 zertifizierten Kliniken des 2008 von der DGU als Modell moderner Schwerverletztenversorgung eingeführten TraumaNetzwerks DGU® stattfinden. Die teilnehmenden Kliniken – zum Netzwerk gehören auch Einrichtungen in den Nachbarländern Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien und Luxemburg – verpflichten sich organisatorisch im Rahmen des entsprechenden Krisenmanagements auf die Bewältigung von Terror- oder Amoksituationen.

Bisher sei die medizinische Vorbereitung zum Management eines Ernstfalles freiwillig gewesen, wie die DGU hervorhebt. Mit dem Kapitel „Großschadensereignis Massenanfall von Verletzten (MANV) / Massenanfall von Verletzten bei lebensbedrohlichen Einsatzlagen (TerrorMANV)“ spricht die DGU nach eigenen Angaben erstmals verbindliche Empfehlungen zur Bewältigung einer lebensbedrohlichen Einsatzlage aus.

„Zur medizinischen Beherrschung eines TerrorMANV stehen Kliniken vor einer bisher unbekannten Herausforderung. Daher sorgen wir dafür, dass ihre Handlungsfähigkeit für diese Fälle erweitert wird“, erläutert DGU-Generalsekretär Professor Dietmar Pennig.

Gefahr des Zweitschlags in Kliniken

Für Professor Axel Franke, Leiter der DGU-AG Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie (EKTC), führt der Wiener Anschlag exemplarisch vor Augen, dass vor allem auch Klinikärzte trotz Corona-Stresses die Terrorgefahr vor der Haustüre nicht verdrängen dürfen.

„Die gestrigen Ereignisse zeigen auf, dass die Daseinsvorsorge nicht nur die Bewältigung von Pandemien, sondern eben auch die permanente Versorgung von Unfällen und Terroranschläge mit einschließen muss. Als Anwälte der Schwerverletzten fühlen wir uns verantwortlich, diese aktuellen Entwicklungen zu antizipieren und an Konzepten zu arbeiten sowie die Weiterbildungsmaßnahmen in diesem Bereich weitestgehend aufrechtzuerhalten“, so Franke.

Die ärztliche Professionalität gebietet es laut DGU dann auch, in einer medizinischen und logistischen Ausnahmesituation, wie ihn ein Terror-MANV darstellt, unter großem Zeitdruck – in der Koordination mit Rettungskräften und dem Klinikpersonal – eine hohe Anzahl von lebensgefährlich verletzten Menschen adäquat zu retten und zeitnah zu versorgen.

Dazu kämen eine unübersichtliche Lage, nicht übliche beziehungsweise aus dem Alltag nicht vertraute Verletzungsmuster nach Explosionen oder Schusswaffengebrauch und die Gefahr eines „Second Hit“ – Kliniken werden in der Versorgungssituation das Ziel eines Zweitschlags der Terroristen. Auch die Höhe und die Dynamik des Zustroms der Verletzten in die Klinik sei nicht abschätzbar.

Kooperation mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr

Offensichtlich um Bevölkerung und Politik zu beruhigen, weist die DGU darauf hin, in einer Kooperation mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr den Kurs „Terror and Disaster Surgical Care“ (TDSC®) entwickelt zu haben. Dabei lernten erfahrene Unfallchirurgen und Chirurgen medizinische Herausforderungen in einer Terror- oder Amoklage zu managen.

Der Kurs vermittle unter anderem Kenntnisse über den Einsatz auf gefährlichem Terrain, wesentliche Aspekte der Wundballistik, Besonderheiten zur Versorgung der speziellen Verletzungsmuster, wichtige Entscheidungsalgorithmen und Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und -regulierung.

„Mit dieser Schulung ermöglichen wir professionelles Handeln in Ausnahmesituationen. Dabei vermitteln wir hoch spezialisiertes Wissen aus der Einsatzchirurgie an zivile Mediziner“, so Oberstarzt Professor Benedikt Friemert, DGU-Vorstandsmitglied und Mitautor des infolge jüngster Anschläge im In- und Ausland aktualisierten Weißbuches.

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