Ärzte Zeitung online, 06.12.2017
 

Prüfbericht

Kaum Auffälligkeiten in der Transplantationsmedizin

Die Kommissionen zur Prüfung und Überwachung der Transplantationsprogramme verzeichnen einen ruhigen Geschäftsverlauf. Seit knapp vier Jahren gibt es keine Verstöße gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer mehr.

Von Anno Fricke

Kaum Auffälligkeiten in der Transplantationsmedizin

Nierenentnahme: Ob bei der Transplantation von Organen alles mit rechten Dingen zugeht, überprüfen seit 2012 Prüfungs- und Überwachungskommission.

© Paul Eckenroth / JOKER / dpa

BERLIN.Das Transplantationsgeschehen in Deutschland verläuft weitgehend unauffällig. Diese Bilanz hat die bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungs- und Überwachungskommission zur Prüfung der Herz-, Lungen-, Nieren-, Leber- und Pankreastransplantationsprogramme am Mittwoch in Berlin gezogen. "Der Normalfall ist, dass die Transplantationszentren regelkonform arbeiten", sagte Professor Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission. Auffälligkeiten in Berlin, Göttingen und Essen lagen laut Bericht noch vor dem aktuellen Prüfzeitraum, beschäftigten die Kommission jedoch gleichwohl. Dabei ging es um Herz- und Leberprogramme, zum Beispiel um die Alkoholkarenz von sechs Monaten vor der Transplantation bei alkoholbedingter Leberzirrhose.

Das Herzzentrum in Berlin hatte von sich aus Verstöße aus dem Zeitraum vor 2014 bei der Staatsanwaltschaft und dem Gesundheitsministerium angezeigt. Seit 2014 gebe es nun keine Anhaltspunkte für Manipulationen mehr, berichteten die Kommissionsmitglieder am Mittwoch.

In der Folge eines Urteils des Bundesgerichthofs vom 28. Juni 2017 zu Vorgängen in Göttingen in den Jahren vor 2012 müssen Ärzte den von der Bundesärztekammer bis August 2015 geforderten "strikten Ausschluss" von nicht abstinenten Alkoholkranken von einer Lebertransplantation nicht mehr umsetzen. Damit bestätigten die Richter auch eine Vorgabe des Bundesgesundheitsministeriums von 2015, Ausnahmen zuzulassen. Die Prüfung des Lebertransplantationsprogramms in Göttingen habe ergeben, dass sich das Universitätsklinikum seit 2013 "im Wesentlichen" richtlinienkonform verhalten habe.

Die Uniklinik in Essen hatte ähnlich gelagerte Vorwürfe der Kommissionen von Bundesärztekammer, des GKV-Spitzenverbands und der Deutschen Krankenhausgesellschaft bereits im Juni empört zurückgewiesen. Was an Manipulationen unterstellt worden sei, sei in Wirklichkeit Expertise im Umgang mit Spenderorganen, sagten Klinikumssprecher. Die Kommissionen hatten unter anderem Verstöße gegen die Regeln des beschleunigten Vermittlungsverfahrens (Rescue-Allocation) moniert.

Unter die Lupe genommen haben die Kommissionen 59 Transplantationsprogramme auf der Basis von Krankenakten von mehr als 1900 Empfängern postmortal gespendeter Organe aus den Jahren 2013 bis 2015. Das Hauptaugenmerk richte sich dabei auf die Frage, ob bei den Anmeldungen zur Warteliste und insbesondere bei den Hochdringlichkeitsanträgen an Eurotransplant gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer verstoßen werde, sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, die Vorsitzende Richterin am Kammergericht i. R. Anne-Gret Rinder.

Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation, Professor Hans Lilie, hat bei der Vorstellung des Berichts die normative Qualität der Bundesärztekammer bei der Formulierung und Begutachtung der rechtlichen Ausgestaltung der Organspende betont. Wer bei der Anmeldung bei Eurotransplant unrichtige Angaben zum Gesundheitszustand eines Patienten mache, riskiere eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren, betonte Lilie.

Die Vertrauensstelle Transplantationsmedizin hatte seit 2016 35 Eingaben zu bearbeiten, berichtete die Leiterin Professor Ruth Rissing-van Saan. Das Interesse richtete sich dabei vor allem auf Fragen zu den Kosten von Lebendspenden sowie zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylbewerbern.

Die Bereitschaft, Organe zu spenden, ist im ersten Halbjahr 2017 trotz Werbekampagnen der Kassen auf ein Allzeittief gesunken. Von Januar bis einschließlich Juni haben 412 Menschen ihre Organe gespendet – neun weniger als im Vorjahreszeitraum und so wenige wie nie zuvor. Das geht aus aktuellen Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hervor. Im Vergleichszeitraum 2011 hatte die DSO noch 575 Spender verzeichnet.

Die Zahl gespendeter Organe sank im Berichtszeitraum auf 1331. Zwei Jahre zuvor waren es noch knapp 230 Organe mehr gewesen.

Überprüfung der Transplantationen

  • Gesetzlicher Auftrag: Alle 36 Monate müssen die Transplantationszentren und -programme einmal überprüft werden. Start September 2012.
  • Untersuchungszeitraum für den aktuellen Bericht war 2013 bis 2015.
  • Schwerpunkte waren Herz- , Lungen-, Leber- , Nieren- und Pankreaszentren.

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

    Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

    Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »

    Inhalatives Steroid bei Kindern – Keine falsche Zurückhaltung!

    Die Angst vor Frakturen sollte bei asthmakranken Kindern kein Grund gegen die Kortisoninhalation sein. Zurückhaltung könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben. mehr »

    Ibuprofen plus Paracetamol so effektiv wie Opioide

    Es müssen keine Opioide sein: OTC-Analgetika wirken bei Schmerzen in den Gliedmaßen ähnlich gut wie Opioide, so eine US-Studie. mehr »