Ärzte Zeitung, 03.05.2016

Überempfindlich

Fleischallergie nach Zeckenstich?

Zwei US-amerikanische Mediziner haben beschrieben, wie allergische Reaktionen gegen Cetuximab mit einer Überempfindlichkeit gegen rotes Fleisch zusammenhängen können.

Von Robert Bublak

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Schlechte Nachrichten für Fleischliebhaber: Möglicherweise können Zeckenstiche eine Fleischallergie auslösen

© akf / fotolia.com

CHAPEL HILL / CHARLOTTESVILLE. Ursprünglich waren Scott Commins aus Chapel Hill) und Thomas Platts-Mills aus Charlottesville auf der Suche nach den Ursachen von anaphylaktischen Reaktionen, die nach der Anwendung des gegen den epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor EGFR gerichteten monoklonalen Antikörpers Cetuximab auftraten. Solche Reaktionen waren regional gehäuft in den Südstaaten der USA zu beobachten.

Die beiden Mediziner entdeckten, dass sich die IgE-vermittelten allergischen Prozesse nicht gegen ein Protein-, sondern gegen ein Kohlenhydratepitop richteten, und zwar gegen Galaktose-alpha-1,3-Galaktose (alpha-Gal).

Ein solches Epitop sitzt auf der schweren Kette von Cetuximab. Interessanterweise trat die Anaphylaxie schon bei der ersten Anwendung von Cetuximab auf. Die Sensibilisierung musste also eine andere Ursache haben als den monoklonalen Antikörper selbst.

Symptome nach Fleischmahlzeit

Etwa um die gleiche Zeit, in den Jahren 2006 bis 2008, stießen Commins und Platts-Mills auf eine Gruppe von Patienten, die aus ungeklärter Ursache Episoden von generalisierter Urtikaria, Angioödemen und Anaphylaxie durchgemacht hatten - und zwar im selben geografischen Gebiet, in dem die Reaktionen auf Cetuximab beobachtet worden waren.

Ein unmittelbarer Auslöser war nicht zu eruieren. Die Patienten vermuteten aber, ihre Symptome könnten mit einer Fleischmahlzeit zusammenhängen, die sie einige Stunden zuvor zu sich genommen hatten.

Entsprechende kommerzielle Pricktests erbrachten keine eindeutigen Ergebnisse. Intradermale Tests beziehungsweise Pricktests mit frischem Extrakt aus rotem Fleisch zeigten aber stark positive Resultate.

 In Blutuntersuchungen waren spezifische IgE-Antikörper gegen Rind-, Schweine- und Lammfleisch, aber auch gegen alpha-Gal nachweisbar, was die Ergebnisse der Hauttests bestätigte.

Alle Säugetiere, außer Menschen und Altweltaffen, exprimieren alpha-Gal. Doch zwei Rätsel blieben einstweilen ungelöst: zum einen die geografische Häufung; und zum anderen der Umstand, dass die Reaktionen auf rotes Fleisch erst mit stundenlanger Verzögerung auftraten (im Gegensatz zu der sofortigen Reaktion auf Cetuximab und dem unmittelbaren Ansprechen im Hauttest).

Von "Lone Star Tick" gestochen

Was die Geografie betraf, löste sich das Rätsel, als einer der Forscher, Platts-Mills, bei sich selbst einen erheblichen Anstieg der Spiegel von alpha-Gal-IgE diagnostizierte.

Zuvor war er wiederholt von Schildzecken der Gattung Amblyomma gestochen worden, "Lone Star Tick" (Amblyomma americanum) genannt. Deren Verbreitungsgebiet deckt sich mit den Regionen, in denen die Cetuximab- und die Fleischallergien aufgetreten waren (Allergo J Int 2016; 25: 44-8).

Auf Nachfrage gaben auch mindestens 90 Prozent der betroffenen Patienten an, von Zecken gestochen worden zu sein, bevor sie ihre Fleischallergie entwickelten. Sensibilisierend wirkt vermutlich der Zeckenspeichel.

Die Verzögerung vom Fleischkonsum bis zur allergischen Reaktion erklären sich Commins und Platts-Mills mit der Zeit, die verstreichen muss, bis die allergene Form von alpha-Gal im Blut erscheint.

Ob dies in Form eines Glykolipids geschieht, wie die Forscher annehmen, oder als Glykoprotein, ist erst noch zu klären.

Mit ihren Befunden glauben die Mediziner dreierlei nachweisen zu können:

IgE-Antworten auf ein Karbohydrat können erhebliche allergische Reaktionen hervorrufen.

Zecken können hochtitrige nahrungsspezifische IgE-Reaktionen induzieren, nachdem lange Zeit eine Toleranz gegen diese Nahrungsmittel bestanden hat.

Und schließlich: Bis nach dem Verzehr von Nahrungsmitteln mit alpha-Gal-Epitopen Symptome auftreten, können Stunden vergehen.

[03.05.2016, 10:21:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Fleischallergie nach Zeckenstich? - Bitte keine falsche Panik!
Zwei Dinge, die bei dem beschriebenen Übertragungs- bzw. Sensibilisierungsweg zu einer möglichen Fleisch-Allergie und einer Allergie gegenüber dem gegen epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor EGFR gerichteten monoklonalen Antikörper Cetuximab durch vorherigen Zeckenkontakt zu ergänzen sind:

1. Cetuximab wird parenteral verabreicht und führt bei vorbestehender, spezieller allergischer Zecken-Sensiblisierung eher zu primärer Allergie bzw. zum anaphylaktische Schock. Eine enteral aufgenommene Fleischportion bewirkt eher eine Verzögerung zwischen dem anfänglichen Fleischkonsum und den später folgenden allergischen Reaktionen.

2. Bei der US-amerikanischen Schildzecke Amblyomma americanum ("Lone Star Tick") der gemeinsamen Gattung IXODIDAE, die auch das Rocky-Mountain-Fleckfieber, die Hundebabesiose und auch die Lyme-Borreliose (Southern Tick-Associated Rash Illness) hervorrufen kann, handelt es sich n i c h t um den eurasischen Ixodes ricinus ("Holzbock") oder Dermacentor marginatus ("Schafzecke")!

Der eurasische Ixodes ricinus ("gemeine Holzbock") kann die Borreliose (Erreger: Borrelia burgdorferi), die Babesiose (Piroplasmose) bzw. regional die FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) übertragen.

Dermacentor marginatus ("Schafzecke"), im reifen Zustand wesentlich größer als Ixodes ricinus (bis 10mm im Durchmesser!), kann das Q-Fieber (Erreger: Coxiella burnetii), die Tularämie, die Hundebabesiose, das Rocky-Mountain-Fleckfieber (Erreger: Rickettsia rickettsii) bzw. die Rinderanaplasmose verursachen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Autoren aus Charlottesville (Virginia) und Chapel Hill (North Carolina) von der USA-Ostküste genügend Überblick haben, dass es sich bei den von Ihnen beschriebenen Phänomenen um eher regional gehäufte Reaktionen in den Südstaaten der USA handelt.

Ihr Abstract liest sich jedenfalls äußerst kryptisch und gibt die Publikationsinhalte nicht mal ansatzweise wieder. "The glycan did it: how the a-gal story rescued carbohydrates for allergists — a US perspective" von Scott P. Commins , Maya R. Jerath, Thomas Platts-Mills
"Abstract - IgE antibodies to carbohydrate epitopes on allergens are thought to be less common than IgE antibodies to protein epitopes and also of much less clinical significance. Our recent work, however, has identified a novel IgE antibody response to a mammalian oligosaccharide epitope, galactose-alpha-1,3-galactose (alpha-gal). IgE to alpha-gal has been associated with two distinct forms of anaphylaxis including delayed allergic reactions after eating beef, pork or lamb. IgE antibody responses to alpha-gal have now been found globally. Therefore, establishing the mechanism of the specific IgE antibody response to alpha-gal will be an important aspect to address as this area of research continues."
"Key words - alpha-gal - IgE - red meat allergy - delayed anaphylaxis - cetuximab - glycan"

Vor einer europäischen Panikmache bei Zeckenkontakt, Allergie gegen "rotes Fleisch" und Cetuximab parenteral sollte man sich bei diesen regionalen USA-Erkenntnissen hüten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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