Ärzte Zeitung online, 30.10.2017
 

Menschliche Bakterienflora

Mikrobiom oft noch Jahre nach Antibiose verändert

Eine Reihe von Krankheiten ist mit Veränderungen des Mikrobioms verbunden. Antibiotika greifen in die Zusammensetzung des Mikrobioms ein. Die strenge Indikationsstellung hilft, Kollateralschäden zu vermeiden.

Von Michael Hubert

Mikrobiom oft noch Jahre nach Antibiose verändert

Noch Jahre nach dem Ende einer Antibiose kann die physiologische Bakterienflora verändert sein.

© Anatomy Insider - stock.adobe.co

NEU-ISENBURG. Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Mikrobiom ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert. Das zeugt zum einen von hohem Interesse der Forscher an dem Thema, spiegelt aber gleichzeitig die klinische Relevanz wider. Denn für eine ganze Reihe von Erkrankungen wurden mittlerweile Verbindungen zum Mikrobiom nachgewiesen oder sind zumindest plausibel. Dazu zählen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED), Adipositas, Asthma und Allergien, Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf- sowie Krebs-Erkrankungen und sogar Autismus und Depression.

Vermehrter Einsatz von Antibiotika

Einige Beispiele: Bei CED-Patienten finden sich Verschiebungen im Darm-Mikrobiom: Firmicutes-Bakterien sind reduziert, Proteobacteria nehmen zu. Auch für Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis und Lupus erythematodes (SLE) wurden Veränderungen in der Mikrobiom-Zusammensetzung beobachtet. So findet im SLE-Tiermodell eine Zunahme an Lachnospiraceae bei gleichzeitiger Abnahme von Lactobacillae statt.

Der Anstieg immunologisch bedingter Erkrankungen wird zum einen im Zusammenhang mit dem vermehrten Einsatz von Antibiotika diskutiert, zum anderen mit veränderten Ernährungsgewohnheiten. Diese wirken ebenfalls auf das Mikrobiom.

Sogar bei psychiatrischen Erkrankungen scheint das Mikrobiom beteiligt zu sein. So unterscheidet sich etwa bei Autisten das Verhältnis von Firmicutes und Bacteroides von jenem bei Gesunden (Microbiome 2017; 5: 24). Und die Übertragung von Darmbakterien depressiver Patienten auf sterile Ratten führte bei den Tieren zu depressiven Verhaltensweisen.

Eine Antibiotika-Therapie hat neben der erwünschten Eliminierung des Krankheitserregers meist auch unerwünschte Wirkungen. Im Vordergrund steht die drastische Veränderung der physiologischen Bakterienflora des Patienten, Dysbiose genannt. Bekannt ist das erhöhte Risiko für Vaginalmykosen infolge der Reduktion von Lactobacillen durch eine Antibiose. Die verminderte Vielfalt und massive Verringerung der Bakterien im Darm wiederum schafft für Antibiotika-resistente Erreger wie Clostridium difficile ein günstiges Milieu. Eine Clostridien-Infektion kann noch zwei Monate nach Ende der Antibiose erfolgen.

Langanhaltende Wirkung

Als falsch erwiesen hat sich Annahme, die physiologische Bakterienflora würde sich binnen weniger Wochen nach Ende der Antibiose normalisieren. Richtig ist: Die Dysbiose kann über Monate bis hin zu mehreren Jahren dauern. Auch resistente Erreger überdauern längere Zeit, selbst dann, wenn der Selektionsdruck durch das Antibiotikum schon lange fehlt. So wurden im Stuhl von Patienten bakterielle Resistenzgene noch Jahre nach Ende der Antibiose nachgewiesen.

Wie lässt sich das Mikrobiom schützen?

  • Strenge Indikationsstellung: Antibiotika z.B. bei Atemwegsinfekten nur verordnen, wenn diese wirklich indiziert sind.
  • Das richtige Präparat wählen: So eng wie möglich, so breit wie nötig.
  • Die richtige Therapiedauer wählen: So kurz wie möglich, so lang wie nötig
  • CAVE: Je breiter das Wirkspektrum und je länger die Therapiedauer, desto stärker ist die Mikrobiom-Schädigung.
  • Zudem können Probiotika eine Antibiotika-assoziierte Diarrhoe (AAD) vermeiden oder lindern. So hat ein Cochrane-Review ergeben: In der Gruppe von Kindern und Jugendlichen (2 Wochen bis 17 Jahre), die zusätzlich zum Antibiotikum ein Probiotikum erhalten hatten, lag die AAD-Rate bei 8 Prozent (163 von 1992 Patienten). In der Placebo- oder unbehandelten Gruppe hatten 19 Prozent (364 von 1906) eine AAD.
  • Auch das Risiko für Clostridien-assoziierten Durchfall lässt sich um 64 Prozent reduzieren, wenn zur Antibiose ein Probiotikum gegeben wird. Dabei sind hochdosierte Probiotika im Vorteil. Sie reduzierten in einer Studie mit rund 500 hospitalisierten Erwachsenen die AAD-Rate um 19,6 Prozent, gering dosierte Probiotika nur um 12,5 Prozent. Auch die Durchfalldauer war kürzer, -nämlich-2,6 versus 3,5 Tage (Evidence-Based Practice 2017; 20: E4).
  • Was sagen Ärzte zum Thema Mikrobiom sowie Prävention und Therapie von Atemwegsinfekten? Springer Medizin sprach mit Allgemeinmedizinern, HNO-Ärzten, Mikrobiologen und Mitgliedern der Impfkommission. Die Interviews finden Sie unter http://bit.ly/2v1LIYb
  • Lesetipp

    Zum Thema Mikrobiom gibt es ein Spektrum kompakt. Auf über 50 Seiten geht es etwa um die Darm-Hirn-Achse, dass Mikroorganismen wie ein einzigartiger Fingerabdruck sind oder die Ehrenrettung des Kusses.

    Weitere Beiträge zur Serie:
    "Phytotherapie - Evidenz basiert?"

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