Menschliche Bakterienflora

Mikrobiom oft noch Jahre nach Antibiose verändert

Eine Reihe von Krankheiten ist mit Veränderungen des Mikrobioms verbunden. Antibiotika greifen in die Zusammensetzung des Mikrobioms ein. Die strenge Indikationsstellung hilft, Kollateralschäden zu vermeiden.

Von Michael Hubert Veröffentlicht: 30.10.2017, 06:31 Uhr
Noch Jahre nach dem Ende einer Antibiose kann die physiologische Bakterienflora verändert sein.

Noch Jahre nach dem Ende einer Antibiose kann die physiologische Bakterienflora verändert sein.

© Anatomy Insider - stock.adobe.co

NEU-ISENBURG. Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Mikrobiom ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert. Das zeugt zum einen von hohem Interesse der Forscher an dem Thema, spiegelt aber gleichzeitig die klinische Relevanz wider. Denn für eine ganze Reihe von Erkrankungen wurden mittlerweile Verbindungen zum Mikrobiom nachgewiesen oder sind zumindest plausibel. Dazu zählen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED), Adipositas, Asthma und Allergien, Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf- sowie Krebs-Erkrankungen und sogar Autismus und Depression.

Vermehrter Einsatz von Antibiotika

Einige Beispiele: Bei CED-Patienten finden sich Verschiebungen im Darm-Mikrobiom: Firmicutes-Bakterien sind reduziert, Proteobacteria nehmen zu. Auch für Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis und Lupus erythematodes (SLE) wurden Veränderungen in der Mikrobiom-Zusammensetzung beobachtet. So findet im SLE-Tiermodell eine Zunahme an Lachnospiraceae bei gleichzeitiger Abnahme von Lactobacillae statt.

Der Anstieg immunologisch bedingter Erkrankungen wird zum einen im Zusammenhang mit dem vermehrten Einsatz von Antibiotika diskutiert, zum anderen mit veränderten Ernährungsgewohnheiten. Diese wirken ebenfalls auf das Mikrobiom.

Sogar bei psychiatrischen Erkrankungen scheint das Mikrobiom beteiligt zu sein. So unterscheidet sich etwa bei Autisten das Verhältnis von Firmicutes und Bacteroides von jenem bei Gesunden (Microbiome 2017; 5: 24). Und die Übertragung von Darmbakterien depressiver Patienten auf sterile Ratten führte bei den Tieren zu depressiven Verhaltensweisen.

Eine Antibiotika-Therapie hat neben der erwünschten Eliminierung des Krankheitserregers meist auch unerwünschte Wirkungen. Im Vordergrund steht die drastische Veränderung der physiologischen Bakterienflora des Patienten, Dysbiose genannt. Bekannt ist das erhöhte Risiko für Vaginalmykosen infolge der Reduktion von Lactobacillen durch eine Antibiose. Die verminderte Vielfalt und massive Verringerung der Bakterien im Darm wiederum schafft für Antibiotika-resistente Erreger wie Clostridium difficile ein günstiges Milieu. Eine Clostridien-Infektion kann noch zwei Monate nach Ende der Antibiose erfolgen.

Langanhaltende Wirkung

Als falsch erwiesen hat sich Annahme, die physiologische Bakterienflora würde sich binnen weniger Wochen nach Ende der Antibiose normalisieren. Richtig ist: Die Dysbiose kann über Monate bis hin zu mehreren Jahren dauern. Auch resistente Erreger überdauern längere Zeit, selbst dann, wenn der Selektionsdruck durch das Antibiotikum schon lange fehlt. So wurden im Stuhl von Patienten bakterielle Resistenzgene noch Jahre nach Ende der Antibiose nachgewiesen.

Wie lässt sich das Mikrobiom schützen?

  • Strenge Indikationsstellung: Antibiotika z.B. bei Atemwegsinfekten nur verordnen, wenn diese wirklich indiziert sind.
  • Das richtige Präparat wählen: So eng wie möglich, so breit wie nötig.
  • Die richtige Therapiedauer wählen: So kurz wie möglich, so lang wie nötig
  • CAVE: Je breiter das Wirkspektrum und je länger die Therapiedauer, desto stärker ist die Mikrobiom-Schädigung.
  • Zudem können Probiotika eine Antibiotika-assoziierte Diarrhoe (AAD) vermeiden oder lindern. So hat ein Cochrane-Review ergeben: In der Gruppe von Kindern und Jugendlichen (2 Wochen bis 17 Jahre), die zusätzlich zum Antibiotikum ein Probiotikum erhalten hatten, lag die AAD-Rate bei 8 Prozent (163 von 1992 Patienten). In der Placebo- oder unbehandelten Gruppe hatten 19 Prozent (364 von 1906) eine AAD.
  • Auch das Risiko für Clostridien-assoziierten Durchfall lässt sich um 64 Prozent reduzieren, wenn zur Antibiose ein Probiotikum gegeben wird. Dabei sind hochdosierte Probiotika im Vorteil. Sie reduzierten in einer Studie mit rund 500 hospitalisierten Erwachsenen die AAD-Rate um 19,6 Prozent, gering dosierte Probiotika nur um 12,5 Prozent. Auch die Durchfalldauer war kürzer, -nämlich-2,6 versus 3,5 Tage (Evidence-Based Practice 2017; 20: E4).
  • Was sagen Ärzte zum Thema Mikrobiom sowie Prävention und Therapie von Atemwegsinfekten? Springer Medizin sprach mit Allgemeinmedizinern, HNO-Ärzten, Mikrobiologen und Mitgliedern der Impfkommission. Die Interviews finden Sie unter http://bit.ly/2v1LIYb

Lesetipp

Zum Thema Mikrobiom gibt es ein Spektrum kompakt. Auf über 50 Seiten geht es etwa um die Darm-Hirn-Achse, dass Mikroorganismen wie ein einzigartiger Fingerabdruck sind oder die Ehrenrettung des Kusses.

Mehr zum Thema

Deutschland

Wo Asthma und COPD relativ oft gemeinsam auftreten

Versorgungsforschung

WIdO-Bericht: Asthmatherapie ist ein Erfolg

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

Aktueller WIdO-Gesundheitsatlas

Asthma: NRW, Saarland und Thüringen stärker betroffen

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband
Das könnte Sie auch interessieren
Umstellung auf GLP-1-RA – Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Erfahrungen aus der Praxis

Umstellung auf GLP-1-RA – Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Typ-2-Diabetes: neue G-BA-Nutzenbewertung für GLP-1-RA

Neuer G-BA-Beschluss

Typ-2-Diabetes: neue G-BA-Nutzenbewertung für GLP-1-RA

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Vitamin D zur Supplementierung. Das Vitamin hemmt die Karzinogenese und die Tumorprogression nach Daten von In-vitro- und Tierexperimenten.

Seltener Metastasen

Hilft Vitamin D doch gegen Krebs?

Herzecho: Ein kardiologischer Check vor der Gelenkersatz-Op lohnt sich vor allem bei älteren Patienten und solchen mit positiver Familienanamnese.

Auch bei asymptomatischen Patienten

Vor der Gelenkersatz-Op nach kardialen Risiken fahnden!