Ärzte Zeitung, 30.11.2015

Kommentar zur Blutdrucker-Senkung bei alten Patienten

Diabetestherapie nach Maß

Von Robert Bublak

Den Schuh, der allen passt, gibt es nicht. Zu verschieden sind die Füße und die Größen. Ein ganzes Sortiment an Längen und Breiten sorgt dafür, dass jeder das richtige Schuhwerk findet. Und wenn's besonders gut sitzen soll, hilft eine Maßanfertigung.

Was bei Schuhen selbstverständlich ist, gilt für medizinische Behandlungen nur bedingt. Oft dominieren hier einheitliche Zielwerte, verbindlich für alle Patienten. Doch was für den einen passt, kann für die anderen zu viel sein.

Wie häufig das zu Übertherapie führen kann, haben US-Forscher in einer Untersuchung mit älteren Diabetikern demonstriert. Aufbauend auf den Erkenntnissen der ACCORD-Studie konnten sie zeigen, dass die HbA1c-Werte bei jedem fünften und die Blutdruckwerte bei jedem zweiten Patienten zu streng eingestellt waren.

Daraufhin gelockert, geschweige maßgefertigt wurde die Therapie aber nur selten.

Die aktuelle SPRINT-Studie scheint zwar darauf hinzuweisen, dass ambitioniertere Zielwerte etwa beim Blutdruck für manche Patienten ein Gewinn sein können.

Doch erstens waren hier Diabetiker von der Teilnahme ausgeschlossen. Und zweitens darf man sicher sein: Auch in den SPRINT-Schuhen wird mancher bequem laufen, während sich andere Blasen holen.

Lesen Sie dazu auch:
Blutzucker-Senkung: Schießen Hausärzte bei Alten übers Ziel hinaus?

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[30.11.2015, 11:09:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"LESS IS MORE"
WENIGER IST MEHR! heißt es in der Überschrift der JAMA-Publikation: "LESS IS MORE - Rates of Deintensification of Blood Pressure and Glycemic Medication Treatment Based on Levels of Control and Life Expectancy in Older Patients With Diabetes Mellitus" von J. B. Sussmanet al.

Die angesichts lebenslanger Antihypertensiva-Therapie nach 3,3 Jahren viel zu früh abgebrochene SPRINT-Studie mit RR-Zielwert 120/80 ist k e i n Maßstab für unsere älteren Bewegungs- und Kommunikations-eingeschränkten, multimorbiden Typ-2-Diabetikerinnen und Diabetiker. Diese waren bei SPRINT auch gar nicht inkludiert.

Also k e i n US-"fire and forget", sondern europäische, Therapie- und Evidenz-basierte, individuelle Behandlungsziele mit "choosing wisely"- Achtsamkeit in Klinik-, Haus- und Facharzt-Praxis der diabetologischen Hypertensiologie.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Warum bei Dicken das Hirn hungert

Das Gehirn von schlanken und fettleibigen Personen reagiert unterschiedlich auf Energiezufuhr, so eine Studie. Und: Es gibt dabei eine Parallele zwischen Übergewicht und Depression. mehr »

"Je härter der Knoten, desto höher die Krebs-Wahrscheinlichkeit"

Schilddrüsenknoten werden immer häufiger diagnostiziert. Warum das so ist, welche Untersuchungen zur Abklärung nötig sind und welche Methode immer bedeutender wird, erläutert der Endokrinologe Prof. Matthias Schott. mehr »

Wenn Leitlinien in die Irre führen

Zum Vorgehen bei Patienten mit Mikro- oder Makrohämaturie gibt es verschiedene Empfehlungen – das schafft Unsicherheit. Forscher haben festgestellt, dass Krebs oft unentdeckt bleibt, wenn Ärzte nationalen Leitlinien folgen. mehr »