Ärzte Zeitung online, 09.10.2017
 

Insulin-Injektion

Mysteriöse Hypoglykämien: Ursache war eine Lipohypertrophie

Viele insulinspritzende Diabetiker haben Verhärtungen im Unterhautfettgewebe. Bei Injektion in solche Bezirke verliert Insulin stark an Wirkung, zeigt das Beispiel eines Patienten.

Von Wolfgang Geissel

Mysteriöse Hypoglykämien: Ursache war Lipohypertrophie

Solche Ausmaße können Lipohypertrophien bei insulinspritzenden Diabetikern einnehmen.

© Dr. Ralph Bierwirth, Essen

FRANKFURT/MAIN. Stark schwankende Blutzuckerwerte mit häufigen Hypo- und Hyperglykämien: Mit diesen Symptomen hat sich ein 27-Jähriger mit Typ-1-Diabetes im Marienhospital Stuttgart bei Professor Monika Kellerer vorgestellt. Der Patient hatte bereits seit 20 Jahren Diabetes, war mit einem HbA1c von 7,2 Prozent akzeptabel eingestellt und ansonsten scheinbar nicht auffällig.

Ein Muster der Hypo- und Hyperglykämien war nicht zu erkennen, sie tauchten bei regelmäßigem Blutzuckermessen mal mittags und mal nachts auf. Was ist also zu tun, fragte die Diabetologin die Ärzte bei einer OmniaMed-Fortbildung in Frankfurt. Nach Sport fragen? Eine kontinuierliche Glukosemessung anordnen, um mögliche Muster des Glukoseverlaufs genauer analysieren zu können? Nach den Insulin-Spritzstellen schauen?

Das war hier der entscheidende Hinweis zur Lösung des Problems. Der junge Mann hatte nämlich am Bauch zwei tennisballgroße Lipohypertrophien. Spritzen sich Patienten Insulin in solche Bezirke, dann hat das Hormon nur noch etwa ein Drittel seiner Wirksamkeit, wie eine aktuelle deutsche Studie ergeben hat (Diabetes Care 2016; 39: 1486). Der wichtigste Rat an Patienten ist daher, nie in solche Lipodystrophie-Bezirke zu spritzen, betonte Kellerer bei der Veranstaltung. Patienten sollten zudem mit Auge und tastender Hand regelmäßig nach solchen Dystrophie-Stellen suchen.

Um Lipohypertrophien zu vermeiden, ist ein korrekter Wechsel der Spritzstellen entscheidend: Injiziert werden sollte mit mindestens zwei bis drei Zentimetern oder zwei Fingerbreiten Abstand neben die vorherige Stelle. Eine solche Rotation hat sich auch in einer spanischen Studie als wirksam gezeigt (Diabetes Metab. 2013; 39: 445). Danach sind die Hypertrophien weit verbreitet: Zwei Drittel der 430 der Teilnehmer mit Insulintherapie hatten solche Verhärtungen des Unterhautfettgewebes an Injektions-Stellen. Die Folgen: Bei 39 Prozent der Betroffenen gab es Unterzuckerungen ungeklärter Ursache im Vergleich zu knapp sechs Prozent der Patienten ohne Lipohypertrophie.

Kellerer gab zudem weiteren Rat für Patienten zur Lipohypertrophie-Prävention: Keinesfalls sollten stumpfe Pen-Nadeln verwendet werden, und die Nadeln seien nach jedem Spritzen zur Prävention zu wechseln. Zudem sollte die Nadellänge der Dicke des Fettpolsters eines Patienten angepasst werden, das heißt vier, acht oder zehn Millimeter.

Patienten müssen zudem in der richtigen Injektionstechnik geschult sein: Insulin sollte in eine Hautfalte senkrecht zur Haut (90°-Winkel) gespritzt werden und die Nadel dort noch zehn Sekunden nach der Injektion belassen werden.

So beugen Sie Lipohypertrophien vor

  • Injektionsstellen konsequent wechseln. Abstände mindestens zwei bis drei Zentimeter oder zwei Querfinger.
  • Je nach Dicke des Fettpolsters Nadellängen von vier, acht oder zehn Millimetern wählen!
  • Nadelwechsel nach jedem Spritzen! Keine stumpfen Kanülen verwenden!
  •  Injektionstechnik: In eine Hautfalte senkrecht zur Haut spritzen und die Nadel dort zehn Sekunden belassen.
    [09.10.2017, 10:14:06]
    Dr. Thomas Georg Schätzler 
    Der Titel müsste eigentlich lauten...
    "Insulin-Injektion - Mysteriöse Hypo- und Hyperglykämien: Ursache war eine Lipohypertrophie". Denn Unter- und Überzuckerung je nach lokal schneller und verlangsamter Insulinresorption sind Ursache bzw. Folge.

    Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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