Ärzte Zeitung App, 07.02.2014

Wundbehandlung

Johanniskrautöl bei leichten Verbrennungen

Die Wundbehandlung ist eine Domäne der Phytotherapie. Wichtig ist jedoch die genaue Kenntnis der Differenzialtherapie, denn: Nicht jede Pflanze taugt für jede Wunde.

Johanniskrautöl bei leichten Verbrennungen

Verbrennungen ersten bis zweiten Grades können phytotherapeutisch behandelt werden.

© st-fotograf / fotolia.com

Eine Behandlung mit Phytopharmaka ist bei oberflächlichen Wunden zur alleinigen, bei tiefen Wunden zur adjuvanten Therapie geeignet, berichtet Professor Karin Kraft von der Universität Rostock (hautnah dermatologie 2013; 29 (3): 166-168).

Bei nässenden Wunden könne eine Monotherapie ausreichend sein, bei infizierten Wunden sei eine adjuvante Therapie möglich.

Verbrennungen ersten bis zweiten Grades könnten phytotherapeutisch behandelt werden, wenn sie weniger als fünf Prozent der Körperoberfläche betreffen.

Bei Ulcera cruris ist nach Angaben von Karin Kraft, die an der Universität Rostock den Lehrstuhl für Naturheilkunde innehat, eine adjuvante Therapie ergänzend zu kausalen Maßnahmen sinnvoll. Bei der Dekubitustherapie eignen sich nur kleine bis mittelgroße Ulzera zur Behandlung mit Phytopharmaka, pflanzliche Arzneimittel können jedoch auch erfolgreich zur Prävention eingesetzt werden.

Wirkungsweise der Phytopharmaka

Die zur Wundbehandlung verwendeten pflanzlichen Drogen zeichnen sich durch die Kombination von mehreren erwünschten Wirkungen aus:

Johanniskrautöl, Kamillen- und Ringelblumenblüten, Zauberstrauchrinde und -blätter wirken antiphlogistisch, Kamillen- und Ringelblumenblüten granulationsfördernd, Johanniskrautöl, Kamillen- und Ringelblumenblüten antibakteriell und purpurfarbenes Sonnenhutkraut immunstimulierend. Bei den antibakteriellen Wirkungen trete keine sekundäre Resistenz ein, erinnert Karin Kraft.

Die erwähnten pflanzlichen Drogen werden differenzialtherapeutisch eingesetzt. Die Expertin aus Rostock:

- Bei oberflächlichen Wunden verwendet man Kamillenblüten oder Zauberstrauchblätter und -rinde,

- bei tiefen Wunden Kamillen- oder Ringelblumenblüten,

- bei infizierten und nässenden Wunden Kamillenblüten oder Zauberstrauchblätter und -rinde,

- bei schlecht heilenden Wunden Ringelblumenblüten und purpurfarbenes Sonnenhutkraut,

- bei Verbrennungen Grad 1-2 Johanniskrautöl,

- bei Ulcus cruris Kamillen- oder Ringelblumenblüten sowie purpurfarbenes Sonnenhutkraut,

- bei Dekubitus Johanniskraut- oder Kamillenöl.

In ihrem Beitrag zur Serie "Sprechstunde Naturheilkunde" gibt Karin Kraft folgende Anwendungshinweise:

- Johanniskrautöl: Die betroffene Region wird mit dem Öl leicht einmassiert, oder das Öl wird mit einer Kompresse aufgebracht. Man lässt es mehrere Stunden einwirken. Nach acht Stunden wird der Vorgang wiederholt.

- Kamillenblüten: Kamillentee allein ist nicht ausreichend antiphlogistisch wirksam, man sollte ihn daher mit standardisierten Kamillenlösungen verstärken oder Salben mit einem standardisierten Mindestgehalt an antiphlogistischen Kamilleninhaltsstoffen verwenden.

Für Umschläge und Spülungen, die mehrmals täglich angewendet werden sollten, übergießt man 1 Esslöffel Droge mit ca. 100 ml kochendem Wasser und seiht nach 5-10 min ab. Zur Verstärkung werden 5-10 ml standardisierte Kamillenlösung zugegeben. Bäder mit Kamillentee sollten mehrmals täglich angewendet werden.

Zur Desinfektion eignet sich unverdünnte Kamillenblütentinktur, die mehrmals täglich aufgetragen wird, für Säuglinge und Kleinkinder sollte sie 1 : 2 mit abgekochtem Wasser verdünnt werden.

- Ringelblumenblüten: Zur Wundreinigung 2 Teelöffel Blüten mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, nach 10 min abseihen, alternativ 10 ml Tinktur mit 250-500 ml Wasser verdünnen. Mehrmals täglich anwenden. Bei den Fertigarzneimitteln sollten die Hinweise der Hersteller beachtet werden.

Dieser Text basiert auf dem Originalbeitragvon Professor Dr. Karin Kraft, Lehrstuhl für Naturheilkunde Universität Rostock, publiziert in hautnah dermatologie 2013; 29 (3): 166-168 im Rahmen der Serie: Sprechstunde Naturheilkunde.

[06.03.2014, 21:26:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sarkastische Fragen?
Herzlichen Dank für den klaren Kommentar von Werner Sellmer zur leitliniengerechten Wundbehandlung. Mir bleiben nur noch zugegebenermaßen sarkastische Fragen:
• Was sind, bitteschön, "leichte Verbrennungen"? Sind das a) gar keine Verbrennungen oder b) Verbrennungen 1. Grades, bei denen die Anteile 2. bis 3. Grades nicht erkannt wurden?
• Das ÄZ-Bild zeigt keinesfalls Verbrennungen ersten bis zweiten Grades, sondern Hautdefekte Dig. 2-3 links streckseitig bei einem Kind, möglicherweise als Ausdruck einer Verbrennung 3. Grades. An Dig. 4 li ist eher eine Therapie ohne Befund erkennbar. Weshalb wurde an einer immer dem Sonnenlicht zugewandten Stelle eine photosensibilisierende Therapie mit Johanniskraut Rotöl vorgenommen?
• Was soll eine die Wundoberfäche versiegelnde Öl-Behandlung bewirken, außer die Kultivierung und Vermehrung von anaeroben Haut- und Wundkeimen?
• Wie kann man sicherstellen, dass Kamillenblüten, Zauberstrauchblätter und -rinde bzw. Ringelblumenblüten oder purpurfarbenes Sonnenhutkraut nicht allgemeine Hautkeime oder Clostridien in Wunden einbringen?
• Wie ist einer Sensibilisierung/Allergisierung durch Johanniskraut- oder Kamillenöl bei der Anti-Dekubitusbehandlung zu begegnen?
• Wie ist der Satz: "Zur Desinfektion eignet sich unverdünnte Kamillenblütentinktur, die mehrmals täglich aufgetragen wird, für Säuglinge und Kleinkinder sollte sie 1 : 2 mit abgekochtem Wasser verdünnt werden" infektiologisch zu deuten? Sollte dann auch Kamillenblütentinktur zur hygienischen und chirurgischen Händedesinfektion zugelassen werden?
• Wer bei "Ringelblumenblüten: Zur Wundreinigung 2 Teelöffel Blüten mit 150 ml kochendem Wasser übergießen" soll, müsste der nicht gegen drohende Verbrennungen/Verbrühungen 1.-2. Grades zugleich Johanniskrautöl "leicht einmassiert" bereithalten?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[06.03.2014, 11:43:09]
Thorsten Schaff 
Im Widerspruch zu allen aktuellen Empfehlungen
Uns erreichte folgender Leserbrief von Werner Sellmer:

Der Artikel und alle darin enthaltenen Empfehlungen stehen im starken Widerspruch zu allen aktuellen Empfehlungen der beiden Wundheilungsfachgesellschaften ICW und DGfW, der S3-Leitlinie zur Lokaltherapie von Wunden, dem Curriculum zur bundesweiten Ausbildung von Wundexperten und vor allem den rechtlichen Vorgaben zur Verwendung zugelassener Arzneimittel und Medizinprodukte. Standardliteratur zur modernen Wundversorgung warnt vor dem Einsatz unsteriler und nichtstandardisierter Pflanzenextrakte und Tees.

Im Jahre 2011 wurde unter großem Medieninteresse ein Wegberger Chefarzt in zweiter Instanz zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er u.a. unsterilen Zitronensaft in Wunden verwendet hat. Ein Analogschluss zu den gegebenen Empfehlungen ist durchaus vorstellbar. Der Aufruf zur Selbstherstellung und Anwendung der Phytotherapeutika kann den juristischen Tatbestand des Aufrufs zur Körperverletzung erfüllen, die Anwendung dieser z.B. an Stelle zugelassener Antiseptika wie Octenisept und Polihexanid sowie von sterilen Wundauflagen mit oder ohne Wirkstoff als Körperverletzung.

Beim Durchlesen Ihres Artikels könnten Ärzte und Kostenträger auf die Idee kommen, dass der Einsatz von Tees und Pflanzenextrakten nicht nur weitaus billiger und wirksamer, sondern auch zugelassen bzw. rechtssicher sei. Derzeit gibt es in Deutschland keine für große, tiefe und infizierte Wunden zugelassenen Pflanzenextrakte und die Verwendung entsprechend selbsthergestellter Extrakte kann und darf auf keinen Fall empfohlen werden.

Erwähnenswert bleibt natürlich, dass derzeit (sicherlich von der Ethik-Kommission Rostocks genehmigte) Forschungen mit Pflanzenextrakten an Wundpatienten laufen und man darf gespannt auf wissenschaftliche Ergebnisse hoffen.

Werner Sellmer; Fachapotheker für klinische Pharmazie, Vorstandsmitglied Wundzentrum Hamburg, Norderstedt; w.sellmer@wzhh.de zum Beitrag »

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