Ärzte Zeitung, 21.12.2016

Nuss und Mandelkern

Mit Knecht Ruprechts Proviant gegen Krankheiten

Nüsse aller Sorten erweisen sich laut einer Studie als Panazee, die mit Schutz vor allen möglichen Leiden verknüpft ist – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Von Robert Bublak

Mit Knecht Ruprechts Proviant gegen Krebs

Nüsse sollten im Weihnachtssäcklein von Knecht Ruprecht nicht fehlen.

© Carola Schubbel / fotolia.com

TRONDHEIM. Von drauß' vom Walde kommt er her, Theodor Storms Knecht Ruprecht, und geht es nach den Ergebnissen einer großen norwegisch-britisch-amerikanischen Metaanalyse, trägt er im Säcklein präventionsmedizinisch nützlichen Proviant für seine Klienten bei sich: "Äpfel, Nuß und Mandelkern essen fromme Kinder gern."

Der Forschergruppe um Dr. Dagfinn Aune von der Universität Trondheim ging es freilich nicht um Äpfel.

Im Fokus ihrer Untersuchung lagen Nuss und Mandelkern, wobei als Nüsse neben den botanisch korrekt so bezeichneten auch alle im weiteren morphologischen Sinn als Nüsse angesehenen Gewächse galten, wie Erdnüsse, Cashews, Paranüsse und Pistazien.

Geknackt werden sollte das Problem, ob und wie sich der Verzehr von Nüssen gesundheitlich auswirkt.

Mehr als 800.000 Probanden

Aune und Kollegen haben dafür 29 Publikationen zu 20 Kohortenstudien mit mehr als 800.000 Probanden ausgewertet.

In die Dosis-Wirkungs-Analyse gingen über 12.000 Fälle von koronarer Herzkrankheit, mehr als 9000 Schlaganfälle, rund 19.000 andere kardiovaskuläre Erkrankungen, 18.000 Krebsfälle und knapp 86.000 Todesfälle ein.

Dabei schälten sich beeindruckende Assoziationen heraus. Weil sich die in den Studien untersuchten Verzehrmengen unterschieden, erfolgte ein Vergleich zunächst zwischen hohem (mindestens 90 Prozent der Verzehrspanne) und niedrigem Konsum (maximal 10 Prozent).

Risikoreduktion von KHK dank Nuss

In dieser Konstellation war ein hoher Verzehr mit folgenden Risikoreduktionen verbunden: KHK –24 Prozent, Schlaganfall –11 Prozent, kardiovaskuläre Erkrankungen –19 Prozent, Krebs –18 Prozent und Gesamtsterblichkeit –19 Prozent.

Bezogen auf die Dosis-Wirkungs-Relation stand eine Erhöhung des Nusskonsums um eine Portion (28 Gramm, entsprechend einer Unze) pro Tag für ein auf die genannten Parameter bezogen um 29 Prozent, 7 Prozent, 21 Prozent, 15 Prozent und 22 Prozent reduziertes relatives Risiko. Die dosisbezogene Risikosenkung bei Schlaganfall war statistisch allerdings nicht signifikant.

Unter der Voraussetzung, dass es sich bei den gefundenen Beziehungen tatsächlich um kausale Zusammenhänge handelt, rechneten Aune und seine Mitarbeiter aus, dass annähernd 4,4 Millionen vorzeitige Todesfälle in Nord- und Südamerika, Europa, Südostasien und im westlichen Pazifikraum auf einen geringen Nussverzehr von weniger als 20 Gramm pro Tag zurückgehen.

Im Einzelnen bedeutet das 1,19 Millionen KHK- sowie 469.000 Krebstote, 1,07 Millionen an respiratorischen Krankheiten Verstorbene und 138.000 an Diabetes.

Bleibt also zu wünschen, dass die Pro-Kopf-Mengen an Nuss und Mandelkern in Knecht Ruprechts Säcklein die Marke von 20 Gramm überschreiten. Dann ließe sich auf seine Frage: "Sind's gute Kind, sind's böse Kind?" in Zukunft immerhin entgegnen: "Auf jeden Fall gesunde Kind!"

[21.12.2016, 10:59:42]
Thomas Georg Schätzler 
PANAZEE ist etwas zu hoch gegriffen!
"Die Panazee, zu Deutsch Allheilmittel, ist ein mythisches Universal-Heilmittel (bzw. -Arznei/-Medikament) zur Behandlung aller möglichen Krankheiten. Die Suche nach einem derartigen Heilmittel galt wie die Suche nach dem „Stein der Weisen“ und dem „Lösungsmittel für alle Stoffe“ als eine Aufgabe der Alchemie.
Panazee – Wikipedia"

Eine der wenigen wirklich randomisiert kontrollierten, prospektiven (RCT-)Studien wurde vor 3 Jahren im NEJM 2013; 368: 1279 als PREDIMED-Studie publiziert. Die signifikante Senkung des kardiovaskulären Risikos bei der Primärprävention von spanischen Patienten mit weniger ausgeprägten Grundkrankheiten und mediterraner Ernährungsweise, verstärkt durch Olivenöl und Nüsse gegenüber allgemein fettarmer Ernährung wurden beschrieben. Bis zu 30 Prozent niedrigere Risikoprofile wurden lt. Estruch R, Ros E, Salas-Salvadó J, et al. erreicht ["Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet."] Dieser Trend konnte in nachfolgenden Studien und Subgruppenanalysen bestätigt werden.

Doch dabei ging es n i c h t um Erd- und andere -Nüsse sondern regional-typisch um Mandeln, Hasel- und Walnüsse. Das hohe Risiko, in industrialisierten Ländern bei fett-, zucker- und salzreicher Überernährung bzw. Bewegungsmangel mit großem Kohlehydrat-, Fleisch- und Wurstanteil an Adipositas, metabolischem Syndrom und Hyperlipidämie zu leiden, um Folgeerkrankungen wie Hypertonie, Diabetes, KHK, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz und degenerative Gelenkerkrankungen zu entwickeln, trifft auch auf ein zusätzlich erhöhtes Demenzrisiko zu.

Olivenöl, Nüsse zusammen mit fischreicher und fleischarmer mediterraner Frischkost scheinen größte kardiovaskuläre Vorteile und geringstes Demenzrisiko zu bieten. Wenn dann noch moderater Weinkonsum hinzukommt, verbessern sich im Sinne des „French Paradoxon“ sowohl Lebensqualität als auch kardiovaskuläres bzw. demenzielles „Outcome“. Schutz vor Krebserkrankungen sind bei dieser komplexen Ernährungsform auch beschrieben worden. Erdnussbutter z. B. hat keinen positiv-protektiven Effekt hat. Selbst-knackende Nuss-Esser und Olivenöl- bzw. Obst-, Gemüse-, Fisch-, Salat- und weniger Fleisch-Verbraucher verhalten sich sozial-, genuss- und ernährungsmedizinisch grundsätzlich anders als "Couch-Potatoes", die fingerdick mit Erdnussbutter beschmierte Weißbrot-Scheiben in sich hinein stopfen.

Hier in der ÄZ wurde jetzt von Robert Bublak referiert: "Nut consumption and risk of cardiovascular disease, total cancer, all-cause and cause-specific mortality: a systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies" von Herrn Dr. Dagfinn Aune et al. (Volltext)
https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12916-016-0730-3

Woher das Forscherteam allerdings 20 p r o s p e k t i v e und hoffentlich auch randomisierte Studien mit 29 Publikationen so plötzlich hernehmen konnte, bleibt ein Rätsel ["Twenty studies (29 publications) were included in the meta-analysis"]. Ihre Schlussfolgerungen bleiben danach auch sehr vage, spekulativ und unverbindlich: "Conclusions - Higher nut intake is associated with reduced risk of cardiovascular disease, total cancer and all-cause mortality, and mortality from respiratory disease, diabetes, and infections." Von daher muss ich AZ-Autor Robert Bublak mit seinem PANAZEE-Titel fast Recht geben, hier werden undifferenziert Nüsse jeglicher Art als probates Allheilmittel angepriesen, was sie beim besten Willen nicht sind!

Fazit: NUSS IST NICHT GLEICH NUSS!
Bei “PREvención con DIeta MEDiterránea” war nicht nur mediterrane Kost entscheidend. Diese erste große prospektive multizentrische Studie untersuchte die Auswirkungen mediterraner Kost bei über 7.400 Personen mit erhöhtem Risiko (30% Diabetiker, 40% Statin-Behandlungen) ohne Gefäßerkrankungen.
Die Randomisierung erfolgte dreigeteilt:
1. eine mediterrane Kost, ergänzt durch extra-virgines Olivenöl (1 Liter pro Woche für die ganze Familie)
2. eine mediterranen Kost, ergänzt durch 30 g verschiedene Nüsse (15 g Walnüsse, 7,5 g Mandeln und 7,5 g Haselnüsse) pro Tag für jeden einzelnen Studienteilnehmer
3. eine Kontrollgruppe, die die Empfehlung erhielt, Nahrungsfette zu reduzieren.
Vorsicht also mit Erdnüssen, Paranüssen, Pecanüssen u. ä. Bei diesen ist auch noch der Aflatoxin-Gehalt problematisch.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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