Direkt zum Inhaltsbereich

Antibiose bei Otitis?

Wichtig ist der Blick aufs Trommelfell

In einer finnischen Studie profitierten Kinder mit akuter Otitis media und starker Trommelfellwölbung am meisten von einer Antibiotikabehandlung.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Bei etwa jedem zweiten Kind heilt eine akute Otitis media ohne Antibiotika problemlos aus.

Bei etwa jedem zweiten Kind heilt eine akute Otitis media ohne Antibiotika problemlos aus.

© athomass / stock.adobe.com

TURKU. Antibiotika gelten als bewährte Therapieoption bei akuter Otitis media. Aktuelle Resistenzentwicklungen und häufiges Therapieversagen stellen deren routinemäßigen und möglicherweise unnötigen Einsatz allerdings infrage. Bei etwa jedem zweiten Kind heilt eine akute Otitis media (AOM) ohne Antibiotika problemlos aus.

Mit einer Sekundäranalyse einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie haben Paula Tähtinen von der finnischen Uniklinik Turku und Kollegen untersucht, welche Kinder am meisten von einer antimikrobiellen Behandlung profitieren und bei welchen Patienten zunächst eine engmaschige Beobachtung unter Schmerztherapie möglich ist (Pediatrics 2017; online 8. August).

Die analysierten Daten beziehen sich auf 319 Kinder zwischen 6 und 35 Monaten, die im Rahmen der Primärversorgung einer AOM über sieben Tage entweder Amoxicillin/Clavulansäure (40/5,7 mg/kg/Tag) oder Placebo erhalten hatten. Alle Kinder waren einmal gegen Haemophilus influenzae Typ b und 2,2 Prozent von ihnen gegen Pneumokokken geimpft. Bei 91,8 Prozent war ein pralles oder vorgewölbtes Trommelfell erkennbar, bei 76,5 Prozent eitriges Sekret und bei 9,7 Prozent fanden sich hämorrhagische Rötungen.

Wann Antibiotika versagen

Bei 31,7 Prozent aller Probanden kam es zu Therapieversagen, seltener bei älteren Kindern zwischen 24 und 35 Monaten als bei jüngeren (20 vs. 34,4 Prozent). Auch spitz zulaufende Tympanogramme (A- und C-Kurve) bei der Erstuntersuchung waren in der multivariaten Analyse ein Indiz für eine bessere Therapieantwort (Hazard Ratio für Therapieversagen: HR 0,53 bzw. 0,43).

In der Subgruppenanalyse zeigte sich bei Studienteilnehmern mit starker Vorwölbung des Trommelfells unter der antibiotikafreien Therapie ein nahezu doppelt so hohes Risiko für ein Therapieversagen wie bei Kindern mit moderater, geringer oder fehlender Trommelfellwölbung (HR 1,96). Dagegen war das Risiko von Kindern mit schwerem Krankheitsbild gegenüber einer schwächeren Ausprägung bei antibiotischer Behandlung nicht erhöht (HR 0,51).

Die größten Gruppenunterschiede im Hinblick auf das Therapieversagen zeigten sich bei den Kindern mit starker Trommelfellwölbung (nach Antibiotikatherapie 11,1 vs. 64,1 Prozent unter Placebo). Tähtinen und Kollegen errechneten daraus eine Number needed to treat (NNT) von 1,9. Es müssten also zwei Kinder antibiotisch behandelt werden, um bei einem Kind ein Therapieversagen zu verhindern.

Im Gegensatz der kürzlich publizierten Leitlinie der American Academy of Pediatrics (AAP) gehen Tähtinen und Kollegen aufgrund ihrer Studienergebnisse jetzt davon aus, dass Kinder auch ohne schwere Symptomatik und mit nur einem schmerzenden Ohr bei starker Trommelfellvorwölbung von einer antimikrobiellen Behandlung profitieren können. Andererseits, so die Autoren, sei die Tympanometrie hilfreich, um herauszufinden, welche Kinder zunächst auf eine antibiotische Therapie verzichten könnten.

Studienergebnisse in Kürze

» Bei Kindern mit starker Vorwölbung des Trommelfells zeigte sich unter antibiotikafreier Therapie ein fast doppelt so hohes Risiko für ein Therapieversagen wie bei Kindern mit moderater, geringer oder fehlender Trommelfellwölbung.

» Das Risiko von Kindern mit schwerem Krankheitsbild gegenüber einer schwächeren Ausprägung bei antibiotischer Behandlung was nicht erhöht.

Mehr zum Thema

Auf klinische Zeichen achten!

Peritonsillarabszess häufig ohne vorausgehende Tonsillitis

Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Pityriasis versicolor

© iStock / C5C

Kleienpilzflechte im Sommer

Pityriasis versicolor sicher erkennen und gezielt behandeln

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz
Abb. 1: Vorteile von Vamorolon

© Santhera Pharmaceuticals (Deutschland) GmbH, modifiziert nach [3−5, 6]

Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)

Neue Perspektiven für die Versorgung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Santhera Pharmaceuticals (Deutschland) GmbH, München
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Juristische Einordnung

Rassistische Diskriminierung im Praxisteam: So verhält man sich als Ärztin oder Arzt rechtskonform

Stürze vermeiden!

Synkopen wegen Blutdruckschwankungen: Worauf es dann ankommt

Lesetipps
Ein Kind erhält eine Spritze und schaut ängstlich weg.

© yanadjan / stock.adobe.com

Vom Schmerzgel bis zum Wiegenlied

Zehn Strategien gegen Impfstress

Die Rückseite eines jungen Mannes mit großflächigen Tätowierungen.

© PeopleImages / Getty Images / iS

Kasuistik

Lebensgefahr! Tattoo mit schockierenden Folgen

Nahaufnahme des rechten Handegelenks eines Patienten das mit einer Handgelenksschiene ruhig gestellt ist.

© Ondrej Novotny / stock.adobe.com

Therapie der ersten Wahl

Was bringt eine Handgelenksschiene beim Karpaltunnelsyndrom?