Ärzte Zeitung online, 21.01.2019

Erfolgsgeschichte

15 Jahre Varizellen-Impfung: Segen für Kinder und Familien!

Seit 2004 wird allen Kindern die Impfung gegen Windpocken empfohlen. Der Schutz ist eine Erfolgsgeschichte: Die Krankheit wurde zurückgedrängt, mögliche schwere Komplikationen werden vermieden und vor allem auch die Familien entlastet.

Von Wolfgang Geissel

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Windpocken: Für die meisten Kinder eine unnötige Quälerei, für manche ein schweres Krankheitsrisiko. Durch eine Impfung lässt sich das vermeiden.

© Per Boge / stock.adobe.com

Noch vor 15 Jahren ist praktisch jedes Kind in Deutschland an Windpocken erkrankt. Varizellen sind nämlich äußerst kontagiös; nach einer Exposition mit dem Virus infizieren sich über 90 von 100 empfänglichen Personen (Kontagionsindex nahe 1,0), berichtet das Robert Koch-Institut.

Die Übertragung erfolgt aerogen durch virushaltige Tröpfchenkerne, die beim Atmen oder Husten ausgeschieden werden. Ferner ist eine Übertragung durch virushaltigen Bläscheninhalt als Schmierinfektion möglich. Außer Speichel und Bläscheninhalt ist auch die Konjunktivalflüssigkeit infektiös.

Die Krankheit beginnt nach einer Inkubationszeit von elf bis 21 Tagen mit leichtem Fieber. „Man kann fast zusehen, wie dann der Ausschlag entsteht“, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer Mitteilung. Zunächst treten juckende Exantheme auf, die sich dann in dünnwandige Bläschen verwandeln und schon bei leichtem Druck platzen.

Der Ausschlag entwickelt sich schubweise: Die Entwicklungsstadien – Flecken, Bläschen und eingetrocknete Krusten – folgen dicht aufeinander.

Keine völlig harmlose Erkrankung!

Manche Kinder haben mehr als 500 Bläschen – manchmal sogar im Mund oder an den Genitalien. Die durchschnittliche Zahl liegt bei 350. Am ansteckendsten sind die Kinder ein bis zwei Tage vor dem Erscheinen der Bläschen und sechs bis sieben Tage nach Ausbruch der Krankheit. Die Ansteckungsgefahr erlischt jedoch erst mit Sicherheit, wenn die letzten Krusten abgefallen sind.

Nach der in Studien ermittelten Häufigkeit von Komplikationen kann bei Windpocken von einer „völlig harmlosen“ Erkrankung nicht die Rede sein, betont die Stiftung: Bei etwa 16 Prozent der Patienten kommt es zu einem schweren Krankheitsverlauf; 5,7 Prozent haben Komplikationen, vor allem bakterielle Superinfektionen.

In der Regel kratzen sich die Kinder die juckenden Bläschen auf, bakterielle Entzündungen sind oft die Folge. Eine Pneumonie ist zudem eine relativ häufige, eine Enzephalitis eine eher seltene schwere Komplikation. Die Erkrankung kann vor allem auch Familien schwer belasten, vor allem wenn mehrere Kinder betroffen sind.

Vorteile durch Herdenimmunität

Die Impfung gegen Windpocken ist hoch wirksam. Die erste Dosis sollte im Alter von 11 bis 14 Monaten gegeben werden, und zwar entweder simultan mit der ersten MMR-Impfung oder frühestens vier Wochen danach. Die zweite Impfung sollte im Alter von 15 bis 23 Monaten erfolgen, wobei auch eine MMR-Varizellen-Kombivakzine (MMRV) angewandt werden kann. Zwischen den beiden Varizellen-Impfdosen sollten mindestens vier bis sechs Wochen liegen.

Bereits wenige Jahre nach Einführung der Impfung sind die Erkrankungen und Komplikationen deutlich in Deutschland zurückgegangen. Die Zahl der pro Arztpraxis gemeldeten Windpockenfälle sank zwischen 2005 und 2012 um 85 Prozent von durchschnittlich 4 auf 0,6 Fälle pro Monat und Praxis. Der Rückgang erstreckte sich auf alle Altersgruppen und war mit 92 Prozent am stärksten bei den Ein-bis Vierjährigen.

Ein Vorteil der Impfung ist zudem die Herdenimmunität: Denn auch bei noch nicht geimpften Säuglingen und bei Erwachsenen sanken die Erkrankungszahlen. Ebenso ging die Zahl der gemeldeten Komplikationen um 93 Prozent zurück.

Laut Diagnosestatistik der Krankenhäuser mussten statt zwölf nur noch drei von 100.000 Kindern im Alter unter 15 Jahre mit Windpocken stationär behandelt werden. Vor Einführung der Impfung waren in Deutschland jährlich etwa 750.000 Menschen an Windpocken erkrankt, darunter etwa 310.000 Säuglinge und Kleinkinder im Alter bis fünf Jahre (41,5 Prozent).

Nur noch rund 22.200 Windpocken-Erkrankungen

Die aktuelle Statistik liefert den Beweis für den Erfolg der Impfung: 2017 wurden nur noch 22.206 Windpocken-Erkrankungen übermittelt. 83 Prozent der Erkrankten waren nicht geimpft. Es gab auch Todesfälle, jedoch nicht bei Kindern: Eine 59-jährige und eine 82-jährige Frau starben an Windpocken.

„Dass die Kindheit heute der ungefährlichste Lebensabschnitt ist, verdanken unsere Kinder zu einem wesentlichen Teil den Impfungen“, betont Professor Berthold Koletzko von der Stiftung und rät: „Eltern sollten jede Möglichkeit nutzen, Krankheiten bei Kindern durch Impfungen zu verhindern. Windpocken gehören dazu.“

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