Ärzte Zeitung, 13.02.2017
 

Grippewelle trifft Arztpraxen

"Bei mir ist die Hölle los"

Hausarzt- und Bereitschaftsdienstpraxen sowie Notaufnahmen ächzen unter den Folgen der starken Grippewelle. Doch bewältigen die Praxisteams den Mehraufwand derzeit offenbar noch gut. Ein Überblick.

Von Alexander Joppich

"Bei mir ist die Hölle los"

Bei einer Grippewelle kann es auch am Empfang einer Praxis zu Wartezeiten kommen.

© Picture-Factory / fotolia.com

NEU-ISENBURG.Volle Wartezimmer, arbeiten am Kapazitätsmaximum: Die offiziellen Influenza-Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) sind hoch und das spüren auch Arztpraxen in ganz Deutschland beim Patientenaufkommen.

Die "Ärzte Zeitung" hat Allgemeinmediziner in mehreren Bundesländern nach ihrer Situation befragt. Das Ergebnis: Die Ärzte bewältigen den großen Andrang in den Praxen, allerdings nur mit Mühe. Bei der Behandlung setzen Hausärzte überwiegend auf eine symptomorientierte Therapie.

"Wir arbeiten am Kapazitätsmaximum."

Auch die Praxis von Dr. Heidrun Jost in Sulzbach am Taunus zum Beispiel verzeichnet ein deutlich erhöhtes Patientenaufkommen, wie die Praxischefin auf Anfrage erläutert. Luft nach oben sieht Jost kaum: "Wir arbeiten am Kapazitätsmaximum." Dieses Jahr kämen besonders viele Erkrankte mit hohem Fieber, ausgeprägtem Schwächegefühl und Schweißausbrüchen. Bei der Behandlung setzt die Allgemeinmedizinerin auf klassische Therapieansätze: "Ruhe und viel Trinken", lautet ihre Devise. Nur bei Hinweisen auf bakterielle Superinfektionen setzt sie Antibiotika ein – antivirale Mittel überhaupt nicht.

Ein ähnliches Bild zeichnet die Praxis von Dr. Johannes Brümel in Bad Driburg (NRW). Auch hier sei das Patientenaufkommen sehr hoch; Patienten kommen typischerweise mit einer Laryngitis oder Tracheobronchitis. Im Gegensatz zum Trend kommen zu Blümel dieses Jahr deutlich weniger Patienten, die gegen Grippe geimpft sind. Auch in dieser Praxis setzt man auf Altbewährtes: Symptom-orientierte Behandlung und ansonsten Schonung zur Genesung. Nachfragen in Praxen anderer Bundesländer zeichnen ein ähnliches Bild der Lage.

Mehr Fahrzeuge im Einsatz

Beispiel Berlin: Die Hausärztin und stellvertretende Vorsitzende der KV-Vertreterversammlung in Berlin Dr. Gabriele Stempor ist extrem kurz angebunden, als die "Ärzte Zeitung" sie in der Praxis erreicht. "Ganz schlecht, bei mir ist die Hölle los", sagt sie. Die Grippewelle hält ihr Praxisteam in Atem. Auch Hausarzt-Kollegen haben ihr berichtet, dass ihre Praxen voll sind.

Auch im Ärztlichen Bereitschaftsdienst der KV Berlin wirkt sich die Grippewelle aus. Die Aufträge sind nach KV-Angaben um ein gutes Drittel gestiegen. Seit Mitte Januar wurde der fahrende Bereitschaftsdienst aufgestockt, so dass nun pro Tag mindestens zwei Fahrzeuge mit Ärzten mehr im Einsatz sind. Jedoch haben nicht alle Patienten echte Influenza, weit verbreitet sind auch grippale Infekte.

Jeder Vierte hat grippale Symptome

Das beobachtet auch der Berliner Hausarztinternist Dr. Rüdiger Brand. "Langwierige Infekte sind fast die Regel. Das trifft geimpfte wie ungeimpfte Patienten", sagte er der "Ärzte Zeitung". Einen Teil dieser Patienten musste er mit Antibiotika behandeln, antivirale Medikamente waren jedoch bisher kaum nötig. Das Praxispersonal und Brand selbst sind geimpft und blieben bislang verschont.

Auch in benachbarten Brandenburg ist die Grippe- und Erkältungswelle angekommen. Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Brandenburg, Dr. Johannes Becker, bemerkt seit etwa zwei Wochen einen deutlichen Anstieg der Patientenzahlen. "Jeder Vierte, der in die Praxis kommt, hat grippale Symptome", sagt er. Antivirale Mittel hat er noch nicht eingesetzt "Der Benefit ist im Vergleich zu den Kosten zu gering", meint Becker. Vereinzelt impft der Hausarzt noch. "Vor allem Männer kommen jetzt noch zum Impfen, oft auf Druck Ihrer Frauen hin", sagt Becker. Er selbst und sein Praxispersonal sind geimpft und wohlauf. Die Abläufe in der Praxis sind durch den erhöhten Andrang noch nicht gesprengt.

Verdreifachung bei Atemwegserkrankungen

Ähnlich die Situation in Hessen: In Frankfurt berichten Ärzte über eine Verdreifachung bei Atemwegserkrankungen. Nach einem Bericht in der FAZ verzeichnete allein das Frankfurter Gesundheitsamt mit 120 Influenza-Meldungen in der Woche "so viele wie noch nie". Seit zwei Wochen würden in den Kliniken der Region zudem die Betten knapp. Vor zwei Jahren habe es aber mehr Patienten gegeben, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen.

Süden und Osten besonders betroffen

Der Deutsche Hausärzteverband bestätigt diese Erfahrungen für ganz Deutschland: In den Praxen sei das Patientenaufkommen derzeit hoch – im Süden und Osten Deutschlands besonders. Dabei verweisen die Hausärzte auch auf die Zahlen des RKI. Der Verband betont auch, dass die Allgemeinmediziner weiterhin gegen Grippe impften und Wert darauf legten, dass das Praxisteam geimpft ist. Beim Thema Einsatz antiviraler Mittel verweist man auf die Einzelfallentscheidung des jeweiligen Arztes. Sinnvoll sei der bekanntlich nur "in den ersten 48 Stunden nach Krankheitsbeginn", so Verbandssprecher Vincent Jörres.

Auch Notaufnahmen stark belastet

Die gestiegene Fallzahl macht sich nicht nur in den Hausarztpraxen bemerkbar. Der Andrang in den Klinikambulanzen ist zur Zeit ebenfalls hoch, so die Deutsche Krankenhausgesellschaft auf Nachfrage.  Um über das Patientenaufkommen Herr zu werden passten Kliniken ihre Besetzung generell stetig auf Stoßzeiten an. Dies sei auch außerhalb der Grippesaison ein Standardvorgehen.  Wie groß der Anteil an selbst erkranktem Personal sei, könne man nicht sagen. Um über das Patientenaufkommen Herr zu werden passten Kliniken ihre Besetzung generell stetig auf Stoßzeiten an, was  aber auch außerhalb der Grippesaison ein Standardvorgehen  sei.

Impfungen weiterhin empfohlen

Besonders in Bayern drängten Patienten in die Notfallversorgung. Konkrete Zahlen habe die Gesellschaft jedoch nicht parat.  Eduard Fuchshuber, Pressesprecher der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), bestätigt das im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" teilweise. Tatsächlich kämen mehr Grippepatienten in die Notaufnahmen, jedoch auch andere. "Wenn Patienten bei sich eine schwerere Symptomatik wahrnehmen, suchen sie gern die Notaufnahme einer Klinik auf", stellt Fuchshuber fest. Sie hätten dann die Sicherheit eines umfangreichen, weiteren Behandlungsangebotes mit vor Ort.

 Dr. Wolfgang Krombholz, Allgemeinarzt und erster Vorstandsvorsitzender der KVB, berichtet: "Wir sehen in den Bereitschaftspraxen derzeit einen enormen Anstieg bei den grippalen Infekten." Auch jetzt werden Impfungen für Senioren, Schwangere und chronisch Kranke noch empfohlen. "Hausärzte, die an Alten- und Pflegeheimen im Einsatz sind, denken immer auch mit an Impfungen", so KVB-Chef Krombholz. Für Ärzte und MFA gibt es zwar keine Pflicht zur Grippeimpfung. Es sei aber davon auszugehen, dass ein Großteil ebenfalls geimpft ist.

 (ajo/ami/cmb/ger)

[13.02.2017, 15:11:58]
Thomas Georg Schätzler 
Influenza-Epidemie?
Bei mir in einer Dortmunder Innenstadtpraxis mit ca. 1.000 Scheinen im Quartal hatte ich heute den 7. Fall eines dringenden Influenza-Verdachts. Alle sieben Patienten in dieser Grippesaison waren bisher nicht geimpft, weil sie auch überhaupt nicht in empfohlene Impf-Schemata passten. Ansonsten ist die Impfquote nicht nur bei mir und meiner Mitarbeiterin sehr hoch.

Alle diese Patientinnen und Patienten mit klinisch eindeutigen INFLUENZA-Symptomen und -Nachweisen bekommen bei mir, wie z. B. seit Jahren in den USA, unter Abwägung von Chancen und Risiken eine antivirale spezifische Therapie! Alles andere wäre m. E. fahrlässig und würde ein Haftungsproblem auslösen.

Vgl. dazu mit Stand von 11/2016 im Deutschen Ärzteblatt:
"MEDIZIN: Originalarbeit – Antivirale Arzneimittel bei saisonaler und pandemischer Influenza – Ein systematisches Review"
"Antiviral medications in seasonal and pandemic influenza—a systematic review"
Dtsch Arztebl Int 2016; 113(47): 799-807; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0799 von Lehnert, Regine; Pletz, Mathias; Reuss, Annicka; Schaberg, Tom und mein Kommentar dazu:

Licht ins Dunkel der Neuraminidase-Debatte?
Einer Metaanalyse vom 29. 1. 2015 online in THE LANCET zu Folge von Joanna Dobson et al. unter dem Titel "Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials" publiziert, gefördert von der Pharmaindustrie-unabhängigen MUAGS ["Funding – Multiparty Group for Advice on Science (MUGAS) foundation"], bringt Licht in die verworren-widersprüchliche Datenlage um Oseltamivir als Neuraminidase-Hemmer.
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)62449-1/fulltext

Frühere Cochrane-Publikationen vs. Neuraminidasehemmer waren voreingenommen und tendenziös in ihren pseudowissenschaftlichen Argumentationen: Eine BMJ-Publikation "Oseltamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments" (BMJ 2014; 348 doi:http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2545) vom 10.4.2014 stammt von Tom Jefferson et al.:
Von 23 Literaturangaben beziehen sich 13 auf konkrete Autoren, 10 stammen von Institutionen. In keinem Fall wird eine Placebo-kontrollierte, doppelblinde, randomisierte, kontrollierte (RCT)-Studie zu Oseltamivir zitiert oder diskutiert. Die gesamte BMJ-Publikation bleibt auf der Meta-Ebene von zitierten Metaanalysen. Die Literaturstelle Nr. 13 von Jefferson et al. "Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults: systematic review and meta-analysis." BMJ2009;339:b5106 kam zu für Oseltamivir u n d Zanamivir überraschend p o s i t i v e n Ergebnissen ["The efficacy of oral oseltamivir against symptomatic laboratory confirmed influenza was 61% (risk ratio 0.39, 95% confidence interval 0.18 to 0.85) at 75 mg daily and 73% (0.27, 0.11 to 0.67) at 150 mg daily. Inhaled zanamivir 10 mg daily was 62% efficacious (0.38, 0.17 to 0.85). Oseltamivir for postexposure prophylaxis had an efficacy of 58% (95% confidence interval 15% to 79%) and 84% (49% to 95%) in two trials of households."].Dieser Widerspruch wurde von den Autoren selbst n i c h t mehr angesprochen und ausdiskutiert.

Eine 2. BMJ-Publikation "Zanamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments" (BMJ 2014; 348 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2547) vom 10.4.2014 stammt mit Tom Jefferson als Co-Autor vom fast gleichen Autorenteam: Hier stammt die Literaturstelle Nr. 1 ebenfalls von Jefferson et al. mit den für Oseltamivir u n d Zanamivir p o s i t i v e n Ergebnissen.

Die bisherigen meta-analytischen Metaebenen-Analysen von Metaanalysen sind kein wissenschaftlich legitimiertes Vorgehen. Konkrete, Placebo-kontrollierte, randomisierte RCT-Studien zur Wirksamkeit und/oder Nichtwirksamkeit von Neuraminidase-Hemmern müssen vorgelegt, kritisch analysiert und gewichtet werden.

Denn was tun, wenn ein klinisch perakuter Influenza-Fall vor uns in der Praxis steht? Was mit ungeimpften, direkten Kontaktpersonen machen?
Wohlgemerkt, ich schreibe hier n i c h t über die derzeitigen Heerscharen von Patienten mit "Schnupfen", "Erkältung", katarrhalisch infizierten unteren und oberen Atemwegen, "grippalen Infekten". Im englisch-sprachigen Raum aus Verlegenheit "common flu", "common cold" oder "influenza-like-illness" genannt. Sondern über die im HxNx System an den verschiedenen Influenza-Varianten Erkrankten. Nur und ausschließlich dabei besteht u. U. die Indikation zur Tamiflu® oder Relenza® Therapie, um den klinischen Verlauf abzumildern, abzukürzen. Die konsequente Durchimpfung meiner Patienten/-innen ergänzt die Herdenimmunität, so dass meine Tamiflu®-Therapien nur äußerst selten eingesetzt werden mussten.
In den letzten Influenza-Saisons 2014/15 und 2015/16 hatte ich weniger als je 10 Neuraminidase-Hemmer Therapie-Fälle, u. a. eine hochbetagte, multimorbide und immobile Patientin mit Pneumonie-Anamnese, die bei schwerer klinisch eindeutiger Influenza-Symptomatik mit Oseltamivir von mir erfolgreich behandelt wurde. Vgl. dazu "Comment – Influenza: the rational use of oseltamivir" von H. Kelly und B. J. Cowling http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60074-5/abstract

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[13.02.2017, 14:40:39]
Zlatko Prister 
grippewelle in der papierlosen hausarztpraxis 4.0 in frankfurt
wir kennen die kapazitätsgrenze nicht.
gezielter einsatz der IT mindert den nichtmedizinischen teil des aufwandes auf ein viertel. dadurch hat man zeit für den patienten und sein anliegen.
grippewelle konnte uns auch diesmal nicht aus dem takt bringen.
digitalisierung und automatisierung, besonders im formularbereich, entlastet den arzt und seine mitarbeiter.
die technologie ist in allen praxen vorhanden - man muss sie nutzen.

mfg
dr. z. prister
papierlose hausarztpraxis 4.0
www.prister.de zum Beitrag »

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