Ärzte Zeitung, 02.12.2015

Deutschland

Masern-Gefahr nicht gebannt!

Die Berliner Masern-Welle hat einen Todesfall und 1350 Erkrankte mit sich gebracht - die meisten waren zwischen 18 und 44 Jahre alt. Daran zeigt sich: Der Masern-Impfschutz in der Bevölkerung reicht nicht aus. Experten warnen: Wird nichts unternommen, sind weitere Ausbrüche zu erwarten.

Von Wolfgang Geissel

Masern-Gefahr nicht gebannt!

Achtung, Masern. Die Berliner Masern-Welle hat die Versäumnisse im Impfschutz offengelegt.

© Trueffelpix / fotolia.com

BERLIN. Über 1350 Erkrankungen und ein Todesfall: Das ist die Bilanz des Berliner Masernausbruchs, der von Oktober 2014 bis August 2015 stattgefunden hat.

Die Masern sind dabei oft schwer verlaufen, betonen Ärzte um Professor Horst Bernutz vom Otto-Heubner-Centrum für Kinder- und Jugendmedizin der Charité (Epi Bull 2015; 47/48: 499).

Jeder vierte Betroffene in Berlin wurde stationär behandelt. In die Charité gab es in dieser Zeit zwölf Kinder im Alter von drei Monaten bis 16 Jahre mit Masernkomplikationen: sechs mit Pneumonie, die meisten anderen mit weiteren Atemwegserkrankungen.

Auch der in Folge von Masern an Myokarditis gestorbene Anderthalb-Jährige war in der Klinik behandelt worden. Alle diese Kinder seien bis zur Maserninfektion klinisch gesund oder in einem stabilen klinischen Zustand gewesen, betonen die Ärzte.

Masern-Impfschutz reicht nicht

Kritisiert werden die großen Impflücken: Zehn der Kinder hatten keinen Impfschutz, bei zweien war der Status unklar. Diese Befunde decken sich mit Daten aus der Bevölkerung.

So sind nach Stichproben zwar 93 Prozent der Schulanfänger gegen Masern geimpft, aber "bei Kindern im Kita-Eintrittsalter erfolgen Impfungen noch immer zu spät und nicht, wie von der STIKO empfohlen, bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres", betonen die Berliner Ärzte.

Säuglinge haben dabei ein besonders hohes Risiko für Masernkomplikationen, "sie sind daher auf einen Schutzkokon aus geimpften Personen in ihrer unmittelbaren Umgebung angewiesen."

Die erste Impfung wird ab einem Alter von elf Monaten empfohlen, bei Aufnahme in eine Kita auch ab neun Monate. Für eine Postexpositionsprophylaxe kann bereits mit sechs Monaten geimpft werden.

Ungeimpfte Kinder können jetzt nach dem Präventionsgesetz bei Masern-Ausbrüchen einfacher als bisher aus Gemeinschaftseinrichtungen ausgeschlossen werden. Verbesserungen soll auch die verpflichtende Impfberatung für Eltern vor Aufnahme ihres Kindes in eine Kindertagesstätte bringen.

Bisher keine Strategie gibt es in Deutschland, die großen Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu schließen.

In Berlin waren die meisten Erkrankten 18 bis 44 Jahre alt. Hier gilt nur der Rat im neuen Gesetz: Bei allen Arztkontakten den Masernschutz abklären und gegebenenfalls impfen.

[09.12.2015, 11:53:10]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Sieglind Zehnle
Sehr geehrter Herr Geissel,

da bin ich anderer Meinung als Sie. Leider erleben wir Hausärzte es doch
häufig in der Sprechstunde, dass Patientinnen vom Gynäkologen kommen, die leider nicht korrekt geimpft wurden nach STIKO-Empfehlung.
Das Impfen ist grundsätzlich eine Aufgabe der Hausärzte, dafür werden wir auch regelmäßig geschult.
Und, Entschuldigung: Die Pädiater wollen auch nicht, dass wir Kinder oder auch nur Jugendliche behandeln, da gibt es gern Proteste. Warum also sollten sie Erwachsene dann impfen dürfen, wo sie
doch sonst selbst eine klare Trennlinie ziehen. Das hat aber auch was mit dem Spruch zu tun: Schuster, bleib bei Deinen Leisten (und Deinem Fachgebiet).

Ich halte die Entscheidung der Berliner KV daher für
folgerichtig.

Dr.med. Sieglind Zehnle
Ärztin für Allgemeinmedizin-Homöopathie-Palliativmedizin,
Ostfildern

 zum Beitrag »
[02.12.2015, 14:58:35]
Rudolf Hege 
Impfmüde Erwachsene?
Die Ergebnisse zeigen auch eines: Es sind nicht (nur) die impfunlustigen Eltern, sondern die Erwachsenen, deren Impfschutz nicht mehr ausreicht. So verschiebt sich der Krankheitsbeginn ins Erwachsenenalter, wo die Komplikationsrate deutlich höher ist. Die wenigsten Geimpften sind sich darüber im Klaren, dass ein Impfschutz - auch gegen eine "Kinderkrankheit" - nicht automatisch ein Leben lang anhält. zum Beitrag »
[02.12.2015, 09:10:54]
Dr. Rüdiger Storm 
Tragisch
Tragisch, das in Deutschland Laien und professionelle Impfgegner so "erfolgreich" ihr Unwesen treiben.

Und politisch zeigt man Hilflosigkeit wie bisher.  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wenn Einsamkeit krank macht

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür. mehr »

Diabetes-Experten sind besorgt

Schon bald könnten mehr Lebensmittel "schlechten Zucker" enthalten. Für die Industrie wird der Einsatz von Isoglukose profitabler. mehr »

PKV bekennt sich zur Innovationsoffenheit

Wird es mit der neuen GOÄ erschwert, Privatpatienten neue Leistungen anzubieten? Vom PKV-Verband kommt dazu ein klares Dementi. mehr »