Ärzte Zeitung online, 25.03.2019

SPD und Spahn

Masern-Impfpflicht im Gespräch

Wird die Masern-Impfung bald Pflicht in Deutschland? Laut SPD befindet sich eine solche Vorlage in Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsminister. Die Grünen sehen die Pläne skeptisch.

Masern-Impflicht im Gespräch

Wird der Weg frei gemacht für die verpflichtende Impfung gegen Masern?

© fotohansel / stock.adobe.com

BERLIN. Angesichts der zunehmenden Masernfälle in Deutschland ist die Diskussion über die Impfpflicht wieder aufgeflammt. So haben sich SPD und FDP für eine Pflichtimpfung gegen Masern ausgesprochen.

Das Problem: 170 Masernfälle sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bereits in den ersten neun Wochen des Jahres bundesweit gemeldet worden. Höchstens 80 dürften es im ganzen Jahr sein, wenn das mit der WHO vereinbarte Ziel einer Masernelimination bei uns bis 2020 gelingen soll.

Vor allem die SPD im Bundestag will jetzt die Impfung von Kindern gegen Masern zur Pflicht machen. Fraktionsvize und Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Montag), er sei darüber mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Gespräch und „zuversichtlich, dass wir demnächst einen entsprechenden Vorschlag vorlegen können“.

Eine Debatte über mögliche Maßnahmen ist nur zu begrüßen.

Das Bundesgesundheitsministerium zur aktuellen parteipolitischen Diskussion über eine mögliche Impfpflicht in Deutschland

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte der dpa, man sei besorgt über die steigende Zahl der Maserninfektionen in Deutschland, die zu viele Menschen „auf die leichte Schulter“ nähmen. „Eine Debatte über mögliche Maßnahmen ist nur zu begrüßen“, sagte er.

FDP pro Impfpflicht

Weil sich die Krankheitsfälle in mehreren Regionen häuften, hatte die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) kürzlich eine Impfpflicht gefordert.

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte dem RND, die Freidemokraten wollten eine Impfpflicht für Kinder bis 14 Jahre. Spahn müsse den Zugang zu Impfungen erleichtern. Sie könnten etwa in Schulen und Kitas angeboten werden.

Zuvor hatte sich Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) für eine verpflichtende Masernimpfung ausgesprochen.

Grüne skeptisch

Die Grünen im Bundestag gehen auf Distanz zu Forderungen aus der SPD, die Impfung von Kindern gegen Masern zur Pflicht machen.

Statt auf Zwang und Sanktionen müsse man das Vertrauen in eine gute Beratung stärken und auf herrschende Verunsicherungen eingehen, sagte die Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND/Montag): „Dazu brauchen wir eine Aufwertung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und bessere personelle Ausstattung.“

Schulz-Asche betonte zugleich, Impfen sei ein Akt gesellschaftlicher Solidarität. „Je mehr Menschen geimpft sind, desto größer ist der Schutz für die Bevölkerung, auch gerade für diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können.“

Umsetzung in Deutschland unklar

Konkrete Aussagen, wie eine mögliche Impfpflicht in Deutschland umgesetzt werden sollte, fehlen bisher allerdings. Ein großes Problem sind bei uns nämlich die großen Impflücken bei Jugendlichen und Erwachsenen, die man mit Impfzwang nicht erreichen könnte.

In anderen Ländern gibt es zudem keine guten Erfahrungen mit einer Impfpflicht, etwa in Italien. Dort wurde bereits seit 2017 eine Impfpflicht für Kinder gegen zwölf Krankheiten eingeführt (Polio, Diphtherie, Tetanus, Hep. B, Hib, MenB und -C, Masern, Mumps, Röteln, Pertussis, Varizellen).

Trotzdem gehörte das Land 2018 mit 2517 gemeldeten Fällen zu den Ländern Europas mit den größten Masernproblemen.

Sanktionen für Schulpflichtige

Nach einem Bericht der „BBC“ sollen Eltern in Italien ab dem 11. März bis zu 500 Euro Bußgeld zahlen, wenn sie ihre Kinder im Alter bis 16 ungeimpft in die Schule schicken. Weil diese schulpflichtig sind, dürfen sie nicht vom Unterricht ausgeschlossen werden.

Kleinkinder dürfen zudem nicht in Krippen und Kindergärten aufgenommen werden, wenn sie, außer gegen Masern nicht gegen Mumps, Röteln, Windpocken und Poliomyelitis geschützt sind.

Die Impfpflicht trifft bei vielen Eltern in Italien auf Widerstand. Vor allem die populistischen Parteien machen Stimmung dagegen. (dpa/eis/ths)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 25.03.2019 um 15:05 Uhr.

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Eine Kapitulation

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Stadt- und Landkreise: Wo die Masern-Impfung (nicht) angesagt ist

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[26.03.2019, 12:14:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Infektiologisch-bildungsfernes Polit-Geplänkel?
Selbst die WHO Europa schreibt:
"Copenhagen, Denmark, 20 August 2018
In der Europäischen Region der WHO haben sich in den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 mehr als 41 000 Kinder und Erwachsene mit Masern infiziert...
In diesem Jahr haben bisher sieben Länder (Frankreich, Georgien, Griechenland, Italien, Russische Föderation, Serbien und Ukraine) mehr als 1000 Infektionsfälle bei Kindern und Erwachsenen verzeichnet. Dabei war die Ukraine mit über 23 000 Fällen – mehr als die Hälfte aller Fälle in der Europäischen Region – am stärksten betroffen. Aus all diesen Ländern wurden auch masernbedingte Todesfälle gemeldet; am meisten waren es in Serbien mit 14 Fällen."
http://www.euro.who.int/de/media-centre/sections/press-releases/2018/measles-cases-hit-record-high-in-the-european-region

Die Augsburger Allgemeine schrieb am 8.2.2019:
"In Deutschland ist die Zahl der Masern-Fälle zurückgegangen
In Deutschland war der Trend den Angaben zufolge gegenläufig: Nach gut 900 Masern-Fällen 2017 wurden im vergangenen Jahr nur gut 500 Fälle gemeldet. In den 53 Ländern der Region hätten sich 2018 fast 82.600 Menschen mit Masern angesteckt – 72 Kinder und Erwachsene seien daran gestorben, berichtet die WHO. Sie zählt zu der Region neben der EU auch Russland, die Türkei, Israel und die in Asien liegenden Länder Usbekistan und Aserbaidschan."
https://www.augsburger-allgemeine.de/wissenschaft/WHO-Bericht-Masernfaelle-in-Europa-haben-sich-2018-verdreifacht-id53420791.html

Jeder auch nur infektiologisch halbwegs Gebildete schließt aus der Tatsache, dass Deutschland der WHO gar keine Erwähnung mehr wert ist, dass das Masern-Problem hierzulande weitgehend eingehegt ist.

Doch was machen hysterisch-überreagierende, selbsternannte "Gesundheit"-Experten der GROKO und der FDP? Fordern eine staatlich verordnete, generelle Impfpflicht gegen Masern?

Dies würde allerdings voraussetzen:
Totalitäre, polizeistaatliche Überwachung mit Überprüfung des Impfverhaltens und ggf. Zwangsvorführung beim Gesundheitsamt.

Kontraproduktive Effekte wären vorprogrammiert und würden die aktive Impfgegnerschaft aktivieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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