Ärzte Zeitung online, 13.04.2018

Fachgesellschaft betont

Chronische Neuroborreliose ist ein Hirngespinst

Die Zeckensaison 2018 startet mit der neuen S3-Leitlinie Neuroborreliose. Diese widerspricht der Theorie chronischer Spätfolgen. Schlechte Langzeitverläufe basieren vielmehr auf Fehldiagnosen.

Chronische Neuroborreliose ist ein Hirngespinst

Zecken im Größenvergleich. Die häufigste von ihnen übertragene Erkrankung ist in Europa die Lymeborreliose.

© lom123 / stock.adobe.com

MÜNCHEN. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat am Freitag nach mehr als dreijähriger Arbeit die erste S3-Leitlinie Neuroborreliose veröffentlicht. Die Leitlinie, deren Veröffentlichung sich durch einen Rechtsstreit um einige Wochen verzögert hatte, bezieht klar Stellung zu vermeintlichen Spätfolgen einer Borrelieninfektion, die Jahre nach dem Zeckenstich auftreten sollen, heißt es in einer Mitteilung der DGN.

So wird darin explizit der Theorie widersprochen, wonach anhaltend unspezifische Symptome wie Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, chronische Müdigkeit, wandernde Schmerzen, Gedächtnisstörungen, Kopfschmerzen und andere schwer greifbare Beschwerden trotz unauffälliger Liquordiagnostik auf eine nicht erkannte oder unzureichend behandelte Infektion des Nervensystems mit Borrelien zurückzuführen sind.

 Auch den sogenannten Lymphozyten-Transformationstest, der bei diffusen Beschwerden eine chronische Borreliose nachweisen soll, halten die wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften für nicht aussagekräftig. Mit entzündlichen Veränderungen im Nervenwasser und dem positiven Antikörpernachweis lasse sich eine Neuroborreliose in der Regel zweifelsfrei feststellen. Diese Punkte finden sich in der die Leitlinie wieder (Download: dgn.org/leitlinien). Zusammengefasst wird der Stand der wissenschaftlichen Evidenz.

Vier Antibiotika empfohlen

"Die Neuroborreliose verläuft überwiegend gutartig", betont Professor Sebastian Rauer vom Uniklinikum Freiburg in der DGN-Mitteilung. Schlechte Langzeitverläufe, von denen immer wieder berichtet werde, seien vielmehr zum erheblichen Teil auf Fehldiagnosen zurückzuführen. Oft liege dann eine andere Erkrankung vor, die nicht auf Antibiotika anspreche, so Rauer, der die Leitlinienarbeit gemeinsam mit PD Dr. Stephan Kastenbauer aus München koordiniert hat.

Zur Behandlung werden in der Leitlinie die Antibiotika Doxycyclin, Penizillin G, Ceftriaxon oder Cefotaxim als Monotherapie empfohlen. Diese Substanzen seien bei gleicher Verträglichkeit gleich gut wirksam gegen Borrelien, so Rauer. Die medikamentöse Therapiedauer wird mit 14 Tagen bei früher und 14 bis 21 Tagen bei später Neuroborreliose im Regelfall angegeben. Eine längere Behandlung bringe keinen Mehrwert, sondern erhöhe nur das Nebenwirkungsrisiko.

Die Lymeborreliose ist die am häufigsten durch Zecken übertragene Krankheit in Europa. In Deutschland erkranken jährlich zwischen 60.000 und mehr als 200.000 Menschen. Nur in drei bis 15 Prozent der Fälle ist das Nervensystem in Form einer Neuroborreliose betroffen. (run)

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[17.04.2018, 15:50:41]
Günther Binnewies 
Was nicht sein darf, auch nicht sein kann!
Muss das alles im Internet stehen? Und wenn, wird ebenfalls versucht es zu ignorieren. Das Zitat ist authentisch, von mir persönlich per Gehör aufgenommen – auf der letzten Veranstaltung der InfecToday – eine hervorragende Initiative von Prof. Kern, Ulm. Die Tragik der ganzen Sache ist nämlich auch die, da danach der Ruhestand von Prof. Kern begann, gab es offenbar niemand, der dies fortzuführen gedachte!
So steht es mit dem Interesse der Medizin am Querschnittsfach Infektiologie.
Da läuft etwas granatenmässig schief: Wir haben keine FA. f. Infektiologie – aber jeder HA meint darüber befinden zu können. Das soll ein Patient noch verstehen!! Der Wahrheitsgehalt wird damit nicht höher, indem Fakten weg-ignoriert werden. Oder haben die Aussagen auf einer Ärztefortbildung auch kein Gewicht mehr? zum Beitrag »
[16.04.2018, 19:44:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Reines Wunschdenken?
Für das Zitat „Seit 30 Jahren wird die Borreliose falsch behandelt.“
[O-Ton Prof. Dr. med. W. Graninger, Wien] gibt es im gesamten Internet keinen einzigen verwertbaren Nachweis. Es besteht der dringende Verdacht, dass damit eine wissenschaftliche Unwahrheit behauptet wird.

Für nachvollziehbare Quellennachweise gibt es in der wissenschaftlichen Community immer ein offenes Ohr.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[16.04.2018, 10:09:30]
Günther Binnewies 
„Seit 30 Jahren wird die Borreliose falsch behandelt.“
O-Ton Prof. Dr. med. W. Graninger, Wien, ein international anerkannter Antibiotikaexperte, 16.1.2011 an der Universität Ulm zum Thema Antibiotika. Immer nur wieder die gleiche Fluchtdiagnose (somatoforme Störungen, AWMF 051-001: „Mein Arzt findet nichts“). Keine einzige Studie zieht das biologische Re-Aktivitätspotenzial des Erregers Bb in Betracht !
Der Patient ist im Weltbild der Medizin nur Objekt – nicht Subjekt. Das drückt sich darin aus, dass Patienten zum Patienten-Gut, der Mensch zur Maschine – „Der Mensch als Industriepalast“ Fritz Kahn, Arzt – erklärt wurde. Die Initiative GKE ist von der DGIM sogleich des Gemeinsamen bestohlen worden! Leitlinien orientieren sich ausschließlich an Studien der Evidenzbasierten Medizin (EbM), die sich ausschließlich auf Daten stützen, ohne „Patientenrelevante Endpunkte“. Die Medizinphilosophie fristet ein Schattendasein. Ärzte unterliegen einem dogmatisch-evidenzbasierten Autoritäts-Glauben – einem Scientismus. zum Beitrag »
[13.04.2018, 15:19:59]
Dr. Karlheinz Bayer 
... warum müssen wir uns jahrelang Hirngespinste anhören?

Ich komme aus und lebe in dem "Risikogebiet" Nordschwarzwald.
Es ist skandalös, was nicht allein Patienten, sondern insbesondere Ärztinnen und Ärzte aus Zeckenstichen machen.

Cui bono?
Quamquam approbationes desunt, approbati argentum petunt!

 zum Beitrag »
[13.04.2018, 14:26:33]
Dr.med. Elisabeth Grunwald 
Endlich wird mal
mit dieser Spätneuroborreliose Schluss gemacht.
Kenne Patienten, die sich jahrzehntelang daran hochziehen und kiloweise Antibiotika ohne Sinn und Verstand schlucken anstatt mal Ihre Psychoprobleme behandeln zu lassen sowie Kollegen die das mit ideologischem Eifer unterstützen. Selbst eine Kollegin glaubte das bei sich selber diagnostiziert zu haben und damit ihre verschiedenen Psycholeiden erklären zu können.
Wir haben noch ne Menge Pseudokrankheiten in der Medizin die von angeblich Betroffenen und entsprechend abgedrehten Kollegen vehement verteidigt werden. Wenn eine „Krankheit“ ausgerottet wurde wie z.B. Pilze im Darm, kommt gleich die nächste. Auch für Heilpraktiker beliebte Spielwiesen. Im Moment ist das Mikrobiom dran, dem ohne ausreichende Studien, was gerade auch von Forschern genau auf diesem Gebiet deutlich gesagt wird, bereits jede Menge Kranheiten damit begründen und tolle Pseudotherapien auf Lager haben.
Man kann gar nicht genug aufpassen um nicht auf jeden schwachsinnigen Zug aufzuspringen und damit seinen Patienten zu schaden.  zum Beitrag »

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