Ärzte Zeitung online, 09.02.2018

Forschung

Ein Hustenlöser als Zellschutz?

Krebsforscher haben herausgefunden, wie der als Hustenlöser bekannte Wirkstoff Acetylcystein Zellen vor oxidativen Belastungen schützt. Von einer prophylaktischen Einnahme raten sie aber ab.

Ein Hustenlöser als Zellschutz?

Neue Forschungserkenntnisse: Wissenschaftler am DKFZ fanden heraus, über welchen Mechanismus  Acetylcystein antioxidativ wirkt. (hier nur Symbolbild)

© Cakeio / Getty Images / iStock

HEIDELBERG. Acetylcystein (ACC) – eingesetzt vor allem in rezeptfreien Hustenlösern, aber auch als Antidot bei Paracetamol-Vergiftungen – wird allgemein eine zellschützende und antioxidative Wirkung zugeschrieben. Die Substanz senkt den Spiegel zelleigener Oxidantien und mildert die giftige Wirkung oxidierender Fremdstoffe. In der experimentellen biomedizinischen Forschung ist Acetylcystein deshalb eines der am häufigsten verwendeten Antioxidantien. Der eigentliche Mechanismus, der diese Eigenschaft erklären würde, blieb trotz aller experimentellen Befunde jedoch weitgehend unklar. So konnte die ursprüngliche Annahme, dass die Wirkung von Acetylcystein auf einer direkten Reaktion mit Oxidantien beruht, nicht bestätigt werden.

Forscher am Deutschen Krebsforschungszentrums haben nun diese Wissenlücke offenbar schließen können und präsentieren eine ganz neue Erklärung für die antioxidative und zellschützende Wirkung von ACC. Ihren aktuell publizierten Untersuchungen zufolge (doi:10.1016/j.chembiol.2018.01.011) wird die Substanz in der Zelle rasch in Schwefelwasserstoff und Persulfide – vor allem in Mitochondrien – mit Hilfe zweier spezifischer Enzyme umgewandelt. So ahmte eine Behandlung von Zellen mit synthetischen Persulfiden die antioxidative Wirkung des Acetylcysteins nach, und das schon bei niedrigen Konzentrationen, wie das DKFZ berichtet. "Persulfide binden an Proteine und schützen diese, vermutlich indem sie die Oxidation auf sich lenken, ähnlich wie ein Blitzableiter", erklärt Tobias Dick, Leiter der Studie, in der DKFZ-Mitteilung.

Die Wissenschaftler warnen allerdings davor, Acetylcystein nun zum Zellschutz als Nahrungsergänzungsmittel dauerhaft und in hoher Dosierung einzunehmen. Denn auch Tumorzellen könnten von dem Zellschutz profitieren. So hätten schwedische Krebsforscher schon vor einigen Jahren gezeigt, dass die dauerhafte Gabe von Acetylcystein bei Mäusen das Tumorwachstum und die Metastasierung fördern kann. (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[09.02.2018, 14:53:52]
Dr. Michael Traub 
Der große Wert der billigsten Amosäure
Cystein ist als Acetylcystein die billigste auf dem Markt erhältliche Aminosäure. Es ist bekannt, daß sie mithilft, die Infektabwehr zu stärken. Die jetzt erforschten Mechanismen lenken das Augenmerk auch auf die richtige Dosierung. Einem dauernden Hochkurbeln der antioxidativen Kräfte stehen bedenkliche Langzeitnebenwirkungenen entgegen, davor wird mit Recht gewarnt. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

"Manche Wortwahl irritiert mich sehr"

Gesundheitsminister Spahn wird wegen des TSVG von Ärzten kritisiert. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" betont er: Es wird mit Falschinformationen Stimmung gemacht. mehr »

Galenus-Gala 2018 – Das sind die Gewinner

Was zeichnet innovative Arzneimittelforschung aus? Vier Medikamente und eine Forschergruppe erhalten den Galenus-von-Pergamon-Preis 2018. Für beispielhaftes soziales Engagement wurde zudem der CharityAward verliehen. mehr »

Stammzelltherapie stoppt aggressive MS

Je früher, desto wirksamer – auch bei der autologen Stammzelltransplantation: Die Aktivität der Multiplen Sklerose lässt sich wohl komplett unterbinden, wenn die Methode als First-line-Therapie eingesetzt wird. mehr »